
München, Mitte Oktober. Auf der Personalmesse trafen sich in der ZP & Friends Lounge zwei Menschen, die seit Jahren darüber nachdenken, wie Unternehmen lernen – und wie sie das Lernen neu denken müssen: Pivi Scamperle und Sven Semet, beide federführend im Think Tank Learning & Development der Zukunft Personal. Fünf Jahre ist es her, dass sie ihre „Fünf Thesen zur Zukunft des Lernens 2025“ veröffentlichten. Nun, am Übergang zur nächsten Etappe, formulieren sie ihre L&D-Thesen 2030 – diesmal partizipativ, gemeinsam mit den Messebesucherinnen und -besuchern.
Der Diskurs, den Scamperle und Semet an diesem Nachmittag entfalteten, war weder akademisch noch marketinggetrieben. Es war der Versuch, eine neue Grammatik des Lernens zu entwerfen – eine, in der Künstliche Intelligenz nicht Bedrohung, sondern Instrument ist.
Geschwindigkeit als neue Bildungsdimension
„Geschwindigkeit“, sagt Semet, „ist das Schlüsselwort der kommenden Jahre.“ Gemeint ist dabei nicht die Beschleunigung als Selbstzweck, sondern eine Dreifachbewegung:
Erstens die Echtzeitverfügbarkeit von Wissen – das Ende des Suchens in fragmentierten Datenbanken. Zweitens das Tempo technologischer Innovationen, die in immer kürzeren Zyklen neue Kompetenzen verlangen. Und drittens die Geschwindigkeit des Lernens selbst: Lernen im Tun, Lernen auf Abruf, Lernen am Prozess.
Das alte Format der mehrtägigen Schulung im Tagungshotel wirkt dagegen wie ein Relikt. „Niemand schickt seine Mitarbeitenden mehr drei Tage aus dem Betrieb“, sagt Scamperle. Stattdessen dominieren Microlearning, Gamification und kontextbezogene Lernimpulse, eingebettet in den Arbeitsalltag.
Vom Schulungswesen zum neuronalen System
Der Think Tank spricht von einer „Echtzeitdidaktik“. Sie funktioniert wie ein neuronales Netz – reaktiv, adaptiv, lernend. KI-Systeme, so Semet, werden künftig nicht nur Wissen bereitstellen, sondern Lernverläufe individuell kuratieren. „Wir nähern uns einer Lernlandschaft, in der Agentensysteme die Rolle des Coaches übernehmen – sie erkennen, was jemand braucht, bevor er selbst es weiß.“
Das ist mehr als ein technisches Szenario. Es beschreibt eine Verschiebung des Lernens von der Institution zum Individuum, vom Katalog zur Interaktion. Lernen wird kontinuierlich, prozessual und personalisiert – ein Zustand, den Scamperle „Losgröße 1 unendlich“ nennt.
Der Mensch zwischen Daten und Dialog
Doch die Diskussion bleibt nicht bei der Technologie stehen. Scamperle, erfahrene Organisationsberaterin, verweist auf die Kehrseite der Geschwindigkeit: Vereinsamung, mentale Belastung, den Verlust sozialer Resonanz. „Soft Skills werden das harte Thema der Zukunft“, sagt sie. Empathie, Konfliktfähigkeit, Selbstregulation – das seien die Kompetenzen, die über die Wirksamkeit von KI entscheiden.
Die These: Wer in der digitalen Umgebung bestehen will, muss analog denken können. Der Mensch bleibt der Kontextgeber seiner eigenen Lernmaschine.
Krise als Katalysator
Im Hintergrund des Gesprächs steht die wirtschaftliche Unsicherheit: Stellenabbau, Kostendruck, Rezession. Und doch formulieren Scamperle und Semet einen Gegenentwurf. „Gerade in Krisenzeiten“, sagt Semet, „muss in Kompetenzen investiert werden – nicht trotz, sondern wegen der Transformation.“
Er verweist auf das Prinzip des antizyklischen Lernens: Wer heute in Weiterbildung investiert, schafft morgen Stabilität. Die Krise wird zur Katalysatorin einer neuen Lernkultur, die weniger auf Hierarchien als auf Netzwerke setzt.
Vom Wissen zum Können
Was bleibt, ist eine leise, aber bestimmte Gewissheit: Die Zukunft des Lernens ist weder digital noch analog, sondern dialogisch. Sie entsteht dort, wo Maschinen Prozesse beschleunigen und Menschen Bedeutung stiften.
Der Think Tank Learning & Development 2030 will seine finalen Thesen am 4. Dezember in Berlin veröffentlichen. Doch schon jetzt ist klar: Das Lernsystem der Zukunft wird kein Schulhaus mehr sein, sondern ein Ökosystem.
Die Unternehmen, die das verstehen, werden nicht nur schneller lernen – sie werden besser denken.