Leonzburg, das helvetische Combray: Hermann Burger, Marcel Proust und die Kindheitserinnerungen

Ein kleiner, in Lindenblütentee getauchter Madeleine-Gebäcksplitter – und das versunkene Dorf der Kindheit hebt sich aus dem Nebel. Ein funkelnagelneues, in rosafarbenes Papier gewickeltes Spielzeugauto – und eine ganze verlorene Welt beginnt zu schimmern. Proust und Burger: Zwei Schriftsteller, durch Ländergrenzen getrennt, aber durch einen geheimen Nervstrang des Erinnerns verbunden. Ihre Geografie ist nebensächlich – was sie eint, ist ein inneres Klima: eine Atmosphäre aus Rückschau, Versenkung, zitternder Präzision.

Helvetisches Combray: Der Ort als Erinnerungsorgan

Burger, ein hochgebildeter und zugleich verspielter Literat, hat die Lektion Prousts tief verinnerlicht. In seinem Roman Brenner widmet er sich intensiv dem Kosmos der Recherche und eignet sich Prousts Motive mit poetischer Lust an. Mit metaphorischer Gier ist er auf der Suche nach den „Erstausgaben von Sätzen“ – jenen ersten, ursprünglichen Eindrücken, die das Leben prägen. So wird etwa die Aargauer Kleinstadt Leonzburg in Brenner zur Spiegelung von Prousts Combray, ja zur “helvetischen Replik” jenes mythischen Ortes.

Alchemie der Erinnerung

Doch nicht nur die Orte, auch die poetischen Verfahren beider Autoren stehen in affinster Verwandtschaft. Proust und Burger begreifen die Kindheitserinnerung als geheime Alchemie der Literatur. Bei Proust ist es der unwillkürliche Erinnerungsschock: Der erwachsene Erzähler kostet eine in Tee getauchte Madeleine und wird unvermittelt in die Vergangenheit katapultiert. Burger, auf Benn’sche Weise impressionistisch und detailversessen, orchestriert einen ganz ähnlichen Zauber.

Das Auto, das Kindheit war

In Brenner entfaltet Burger die Beschreibung dieses kleinen Schuco-Examico Cabriolets mit einer Inbrunst und Präzision, die an Prousts berühmte Schilderungen erinnert. Feuerwehrroter Lack, gerippte Sitzpolster in Bordeauxrot, ein winziges Windschutzscheibchen – das Spielzeug erscheint lebendig wie ein Traum auf vier Rädern. Der Examico besitzt alles, was ein richtiges Auto haben muss: Vier Gänge, Leerlauf, Rückwärtsgang, Kupplung, Hupe, Handbremse, ein Radiowerk – eine Minimusikdose, die die Melodie „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ abspult. Er hat eine Zahnstangenlenkung, aufgemalte Armaturen, einen BMW-artigen Kühlergrill, eingestanzte Türen in Form einer Satteltasche, zwei gelötete Silberösen als Scheinwerfer, ein dreispeichiges Lenkrad mit Griffrippen. Und: Der Benzinstutzen ist ein Loch mit passendem Aufziehschlüssel, das Fahrwerk auf Halbrädern ruht auf pirellihaft strukturierten Pneus.

Dieses Auto ist kein Spielzeug. Es ist ein Zeitkristall, ein Wunderwerk technischer Miniaturmechanik, das dem Kind einen Mythos in die Hand legt. Als Burger das Auto Jahrzehnte später in einem Zürcher Antiquariat wiederfindet, nun in Crèmeweiß, ersteht er es für 750 Franken ohne Zögern – eine Restitutionstherapie. Und er fährt es – nein: er zelebriert es – beim Schreiben auf der Hermes 3000. Mit der linken Hand lenkt er das Modell über die Wellen des Papiers, steuert mit 24-Zentimeter-Radius entlang der semantischen Gleise des Dornseiff. Ein Akt der Rückverzauberung. Ein Kuss auf die Stirn der Kindheit.

Vom Modell zum Mythos: Die Ferrari-Metapher

Doch Burger belässt es nicht beim Erinnerungszauber. Der Examico wird zur Chiffre eines Lebenstraums. Jahre später, im Angesicht des Todes, erfüllt er sich das, was aus der Kindheit aufstieg wie ein Versprechen: den Ferrari 328 GTS, rossa corsa, rennrot, 260 km/h. Aber – und das ist das Elegische – kein Ferrari reicht heran an die Magie des kleinen Examico. Der echte Wagen verliert gegen das Modell. Gegen das, was in der Kindheit als Totale erschien: Geräusch, Gänge, Geruch. Der Ferrari ist ein Nachbild, das Spielzeug war das Original.

Rauchzeichen aus dem Fumoir

Und dann ist da der Tabak. Die Chopfsigarre. Die Montecristo Nummer 1. Die Hoyo de Monterrey des Dieux. Zigarren, die wie literarische Sätze in einem humiden Kabinett aufbewahrt werden, bis sie das richtige Aroma angenommen haben – wie die Erinnerungen, die reifen müssen. Burger, der Zigarrenliebhaber, der Theoretiker des Langsamrauchs, sitzt mit seinem Hausherrn Jérôme im Turmzimmer, umgeben von Samt, Säbeln, Kokarden und Legionsorden, vom Duft der Zigarren umweht. Dort spricht man über Proust, über Landschaft, über Leonzburg und Combray. Und dort wird die Erkenntnis geboren, dass das Wahre nicht real, sondern erinnert ist. Dass Literatur das Wirkliche transzendiert, wie Rauch, der sich windet und entschwindet.

Zwischen gestern und heute: Die Literatur als Zeitmaschine

So steht am Ende sowohl bei Proust als auch bei Burger eine ähnliche Einsicht: Die Kindheit ist der wahre Kontinent, den es zu erforschen gilt. In der zärtlich-impressionistischen Prosa beider Autoren verschwimmen die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. […] Zeitverlust wird in Sprachgewinn verwandelt.

Schlussbild: Zwei Orte, ein Licht

Am Ende treffen sich Marcel Proust und Hermann Burger in jenem geheimnisvollen Raum zwischen Erinnerung und Gegenwart, den nur die Literatur erschließen kann. Ihre Texte sind Zeitmaschinen, getrieben vom Wunsch, dem verlorenen Gestern einen Funken Ewigkeit abzugewinnen. In diesem Funken berühren sich ihre Seelen: Combray und Leonzburg – zwei Orte, ein Licht. Die Madeleine und der Schuco-Examico – zwei Auslöser, eine Liebe zur erinnernden Schönheit. Und irgendwo zwischen den Zeilen lächelt vielleicht sogar Gottfried Benn, wenn er sieht, wie hier Reflexion und Rausch, Gedanke und Gefühl zu einer ganz eigenen Prosa verschmelzen. Literatur im Vollrausch der Erinnerung – ein impressionistisches Spiel der Spiegelungen der Zeit.

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