
Es war immer dieselbe Szene an Wochenenden, Nacht für Nacht. Der dumpfe Klang von Richard Wagners „Walkürenritt“ durchbrach die friedliche Stille der Dunkelheit, unaufhaltsam, unbarmherzig, und hämmerte sich in mein Gehirn. Ich wusste genau, was geschehen war: Harald Korten, dieser geistreiche Wahnsinnige, hatte mal wieder vergessen, die Lautsprecher abzuschalten, während er seine geliebte Musik in endloser Schleife über die Kopfhörer jagte. Es war ein Ritual, eine verdammte Liturgie, die unsere nächtlichen Dialoge eröffnete.
Harald, mein Nachbar, der Philosoph, der Koch, der Wagnerianer – was war er nicht alles? Und was hatte er nicht alles zu sagen, zu jedem Thema, in jeder Situation. Er war ein Mensch der Extreme, so sehr, dass ich mich manchmal fragte, ob er nicht einfach zu viel in sich trug, zu viel Wissen, zu viel Leidenschaft, zu viel von allem. Und doch war es genau diese Überfülle, die ihn zu einem unverzichtbaren Teil meiner Existenz machte. Wir trafen uns oft in den Nächten, nachdem seine bombastischen Klänge verklungen waren, und sprachen bis in die frühen Morgenstunden, begleitet von Rotwein und den letzten Resten des Essens, das er mit einer solchen Meisterschaft zubereitete.
Es war nicht nur seine Küche, die ihn auszeichnete, sondern auch seine Worte. Harald war ein Meister der Sprache, der es verstand, komplexe Gedanken in einfache Sätze zu fassen, ohne dabei ihre Tiefe zu verlieren. Vor allem sprach er von den Dingen, die niemand hören wollte. Er warf sich in die Diskussionen über die Absurditäten der modernen Welt, die geistige Leere, die Trendforschung, diesen neuzeitlichen Schamanismus. Und dabei lachte er, dieses Lachen, das sowohl spöttisch als auch schmerzlich ehrlich war.
Es war dieses Lachen, das mich jedes Mal erdete, das mich daran erinnerte, dass es trotz all der Schwachsinnigkeiten, die uns umgaben, immer noch Raum für echten Geist, für wahre Philosophie gab. Aber auch Raum für Verrücktheiten, für diese nächtlichen Racheaktionen, bei denen ich ihm mit „Land of Hope and Glory“ antwortete, die Wände unseres Wohnhauses zum Beben brachte und damit die Nachbarschaft endgültig in den Wahnsinn trieb. Der epische Klang erfüllte den Raum, und ich stellte mir vor, wie Harald in seinem Wohnzimmer saß, vielleicht überrascht, vielleicht amüsiert, aber sicherlich nicht unberührt von meiner Antwort.
Harald war eine Figur wie aus einem Roman von Rainald Goetz, aber gleichzeitig auch so viel mehr. Wo Goetz die Abgründe der Gesellschaft mit chirurgischer Präzision seziert, nahm Harald das Ganze mit einer Art nonchalanter Gelassenheit hin, ohne dabei jemals den Ernst der Lage aus den Augen zu verlieren. Es war diese Mischung aus Ironie und echter Sorge, die ihn so einzigartig machte. Und es waren diese Gespräche mit ihm, die mir die Augen öffneten für die unendliche Tiefe der Banalität, die unsere Welt durchzog.
Doch es war nicht nur seine scharfsinnige Analyse, die ihn auszeichnete, sondern auch diese seltsame Mischung aus Disziplin und Wahnsinn, die in ihm brodelte. Seine Zurechnungsfähigkeit im Rausch des Alkohols testete er mit der Rezitation von Schriften des Großdenkers Georg Wilhelm Friedrich Hegel. In diesen Momenten war er wie besessen, seine Stimme vibrierte vor Leidenschaft, während er die komplizierten Satzstrukturen Hegels aus dem Gedächtnis hervorzog und sie mit einer solchen Klarheit vortrug, dass es schien, als ob Hegel selbst durch ihn sprach. Es war beeindruckend, aber auch erschreckend – dieser Mann, der im Rausch des Weines die Tiefen der deutschen Idealismus-Philosophie durchpflügte, als wäre es ein Spaziergang im Park.
Aber es war nicht nur das. Da war auch diese Melancholie, diese leise Traurigkeit, die sich immer dann in seine Stimme mischte, wenn er von den alten Zeiten sprach, von den Runden mit seinem Mentor Hans Michael Baumgartner und den anderen Philosophen, die nach stundenlangen Kolloquien im Sovjetlokal GUM endeten, in einem Rausch aus Alkohol und tiefgründigen Debatten. Diese Nächte, erzählte er mir, waren die besten seines Lebens gewesen, Nächte, in denen die Welt noch nicht vollständig aus den Fugen geraten war, in denen man noch wirklich glauben konnte, dass Philosophie etwas bewirken könnte.
„Weißt du, es ist alles nur noch Show“, sagte er einmal zu mir, als wir wieder einmal bei einem Glas Rotwein zusammensaßen, die Flasche fast leer, die Nacht schon weit fortgeschritten. „Die Philosophie, die wir heute erleben, ist nichts als ein armseliger Abklatsch dessen, was sie einmal war. Die großen Fragen sind verdrängt worden von Trends, von einer endlosen Abfolge bedeutungsloser Moden, die nichts weiter tun, als den Menschen in ihrer Ohnmacht zu bestätigen.“
Er war verzweifelt, und doch wusste ich, dass er sich dieser Verzweiflung nicht hingeben würde. Er war zu sehr Kämpfer, zu sehr ein Geist, der sich nicht einfach so geschlagen gab. Vielleicht war es das, was ihn letztlich zerstörte, diese unaufhörliche Suche nach Sinn in einer Welt, die keinen Sinn mehr bot. Und vielleicht war es auch das, was ihn so unglaublich lebendig machte, diese unermüdliche Weigerung, sich dem Nihilismus hinzugeben.
Aber dann war da doch dieser Moment, dieses eine Mal, als er still wurde, die Worte ihm ausgingen, und ich spürte, dass etwas in ihm zerbrochen war. Es war nicht laut, es war nicht dramatisch, aber es war da, dieses unausgesprochene Gefühl, dass die Kämpfe, die er so lange geführt hatte, am Ende nichts weiter als ein verzweifelter Versuch gewesen waren, eine Welt zu retten, die längst verloren war.
Und nun, nachdem er gegangen ist, bleibt mir nur noch die Erinnerung an diese Nächte, an seine Worte, sein Lachen, seine Musik, und diese tiefe, unstillbare Sehnsucht nach etwas, das vielleicht nie wirklich existiert hat. Es ist seltsam, wie der Tod eines Menschen die Welt verändern kann, wie er die Grenzen des Möglichen verschiebt, die Zeit selbst in Frage stellt. Harald war nicht nur ein Freund, er war ein Teil von mir, und mit ihm ist auch ein Teil von mir gestorben.
Aber vielleicht ist das genau das, was bleibt: die Erinnerung, die Geschichten, die wir uns erzählen, um das Unfassbare fassbar zu machen, um das Unausgesprochene auszusprechen. Und so werde ich weiterhin seine Musik hören, seine Worte lesen, seine Gedanken denken, und in den Nächten, wenn die Welt wieder still wird, werde ich vielleicht sogar wieder diesen verdammten „Walkürenritt“ auflegen, um mich daran zu erinnern, dass es einmal einen Menschen gab, der die Welt anders sah, der mehr von ihr verlangte, und der am Ende doch genauso scheiterte wie wir alle.
Denn was bleibt uns anderes übrig, als weiterzumachen, als so zu tun, als ob, als ob die Welt noch Sinn hätte, als ob es noch Hoffnung gäbe? Vielleicht ist das die letzte Lektion, die Harald mir hinterlassen hat: dass das Leben, so absurd es auch sein mag, immer noch lebenswert ist, solange wir uns daran erinnern, zu lachen, zu weinen, zu kämpfen und zu lieben.
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