
Man mag sich fragen, was uns die Sehnsucht nach starken Führungspersönlichkeiten heute noch zu sagen hat. Im Gastbeitrag von Thomas Sattelberger und Winfried Felser im Handelsblatt klingt sie deutlich durch: Eine Rückbesinnung auf Figuren wie Margaret Thatcher, Helmut Schmidt, Gerhard Schröder oder Ronald Reagan, die in den Augen der Autoren ihre Nationen zu großen Erfolgen geführt haben. Diese Namen wecken Erinnerungen an Zeiten, in denen entschlossene Entscheidungen getroffen wurden, die oft im Widerstreit mit den gängigen Strömungen standen. Doch man könnte sich ebenso fragen, ob der Glaube an solche heroischen Gestalten nicht auch seine Schattenseiten hat.
Helmut Schmidt selbst, der von Sattelberger und Felser als Beispiel angeführt wird, stand dieser Art von Führungsstil nicht unkritisch gegenüber. Insbesondere seine Distanz zu Gerhard Schröder zeigt, wie differenziert er das Verhältnis zwischen persönlicher Macht und politischer Verantwortung betrachtete. Schmidt sah in Schröders Handlungen oft einen Pragmatismus, der ihm nahe lag, aber er konnte Schröders Umgang mit den ethischen Dimensionen des Amtes nicht gutheißen. Schröders Neigung, private Entscheidungen und politische Verantwortung scharf zu trennen, stieß Schmidt ab. Er, der in der Pflichtethik Kants einen hohen Wert sah, erkannte in Schröders Verhalten einen Mangel an moralischer Tiefe. Politik, so Schmidt, sollte nicht nur danach beurteilt werden, ob sie funktioniert, sondern auch, ob sie ethisch verantwortbar ist.
Die Frage, wie eine Gesellschaft in Krisenzeiten handlungsfähig bleibt, ist brennend aktuell. Doch ob die Antwort in der Rückkehr zu starken, ja überlebensgroßen Führungspersönlichkeiten liegt, bleibt fraglich. Die Welt, in der diese Helden agierten, ist nicht mehr die Welt von heute. Die Herausforderungen sind komplexer geworden, und die Zeiten, in denen ein starker Wille allein die Richtung vorgeben konnte, sind vielleicht unwiderruflich vorbei.
Schmidt selbst, so fleißig und pflichtbewusst er war, war sich der Grenzen individueller Führung bewusst. Er arbeitete sechzehn Stunden am Tag, ja, aber er tat dies nicht in der Illusion, dass sein persönlicher Einsatz allein die Probleme der Bundesrepublik lösen könnte. Vielmehr sah er sich als Diener des Volkes, verpflichtet, im Rahmen seiner Möglichkeiten das Beste zu tun. Es war ein Pragmatismus, der jedoch immer auch moralische Erwägungen einschloss.
Sattelberger und Felser haben recht, wenn sie darauf hinweisen, dass Institutionen und Eliten wichtig sind. Aber sie übersehen, dass es nicht nur auf die Kraft einzelner Personen ankommt, sondern auf die ethische Fundierung dieser Institutionen und auf eine kollektive Verantwortlichkeit. Ein neuer Helmut Schmidt oder eine neue Margaret Thatcher könnten vielleicht kurzfristig für Aufsehen sorgen, aber was zählt, ist die nachhaltige Entwicklung einer Gesellschaft, die auf Werten und einem tiefen Pflichtgefühl basiert.
Es bleibt also die Frage, was wir aus den historischen Beispielen lernen können. Vielleicht sollten wir uns weniger auf die Suche nach der nächsten heroischen Persönlichkeit machen und stattdessen überlegen, wie wir die Bedingungen schaffen können, unter denen viele kleine, aber entscheidende Schritte gegangen werden können – getragen von einer starken ethischen Grundlage, die Helmut Schmidt in seiner Amtszeit stets anzustreben versuchte.
Die Antwort liegt möglicherweise nicht in einem neuen Helden, sondern in einer Rückbesinnung auf das, was uns alle miteinander verbindet: die Pflicht, für das Gemeinwohl zu arbeiten, auch wenn es manchmal unbequem ist. Ein Heldenmut, der sich im Alltag zeigt, mag uns weiterbringen als jede noch so charismatische Führungsfigur.