Jeder Satz kann ein Skandal sein: Über Empörungsdynamiken, digitale Schmetterlingseffekte und die Ethik der Urteilskraft #rp25

Der Fall Roosevelt – Kontrolle vor der Vernetzung

Franklin D. Roosevelt war gelähmt, aber das wussten die meisten Amerikaner nicht. Bernhard Pörksen erinnert in seinem Vortrag auf der re:publica 2025 an eine Epoche, in der mediale Informationskontrolle noch möglich war: Roosevelt ließ sich an das Rednerpult rollen, der Vorhang hob sich erst, wenn der Rollstuhl entfernt war. Nur drei Fotografien existieren, die ihn überhaupt im Rollstuhl zeigen. Der Schauspieler-Präsident, wie er sich selbst nannte, konnte darauf vertrauen, dass seine körperliche Schwäche verborgen blieb – weil die Medien kooperierten.

Diese Szene markiert für Pörksen die erste Stufe seiner mediengeschichtlichen Trilogie, die als Einstieg in das Konzept der „vernetzten Gewalt“ dient. Eine solche Kontrolle sei heute undenkbar. Die Bühne der Öffentlichkeit sei fragmentiert, durchlässig, beschleunigt – und entgrenzt.

Clinton und das Smartphone – der digitale Schmetterlingseffekt

Im zweiten Beispiel springt Pörksen in das Jahr 2016. Hillary Clinton, damals mitten im US-Wahlkampf, verlässt wegen einer Lungenentzündung eine Gedenkfeier am Ground Zero. Ein Anhänger hebt reflexhaft sein Smartphone, filmt zwanzig Sekunden, in denen Clinton schwankt und in einen Wagen sinkt. Zwei Stunden später wird „Hillary Collapsing“ zur meistgesuchten Phrase auf Google. Der Clip geht viral, dominiert Nachrichtensendungen – nicht, weil Redaktionen entschieden hätten, sondern weil das Netz es beschleunigt hat.

Pörksen nennt solche Ereignisse „digitale Schmetterlingseffekte“. Minimaler Anlass, maximale Wucht. Ein schwankender Schritt, ein dusseliger Kommentar, ein ironisch gemeinter Post – das reicht. Die Logik des Skandals folgt nicht mehr der Relevanz, sondern der Reaktionsfähigkeit.

Macron und das Taschentuch – die Erfindung der Verschwörung

Das dritte Bild wirkt wie eine Groteske: Emmanuel Macron wischt bei einem Fototermin in einem ukrainischen Zugabteil ein Taschentuch vom Tisch. Das russische Außenministerium greift das AFP-Video auf und stilisiert die Szene zur Enthüllung eines angeblichen Kokainkonsums. Pörksen nennt dies „vernetzte Gewalt in entfesselter Gestalt“: Ein Handgriff, ein Schnitt, ein Narrativ – und der Diskurs ist beschädigt.

Vier Diagnosen – ein Kommunikationsklima im Fieber

Was also ist vernetzte Gewalt? Pörksen beschreibt sie als „ein kybernetisches Zusammenspiel“ von Technologien, Akteuren, Feedbackschleifen – ein „Wirkungsnetz“, das jede Handlung zur potenziellen Waffe machen kann. Er identifiziert vier zentrale Mechanismen:

  1. Neue Verbreitungsdynamiken: Das Publikum sei nicht länger zur Reaktion verdammt, sondern selbst Initiator. Die „alten Dreischritte“ der Skandalisierung – Normverletzung, Gatekeeping, Publikumsurteil – seien obsolet.
  2. Indiskrete Technologien: Das Smartphone ist für Pörksen „eine im Wortsinne indiskrete Technologie“. Es verschmilzt Privatheit und Öffentlichkeit, Freizeit und Arbeit, Innen und Außen. Die Folge: „Schmerzen der Sichtbarkeit“ – Gereiztheit, Nervosität, Krisen der Autorität.
  3. Neue Opfergruppen: Fallhöhe ist kein Kriterium mehr. Auch Unbekannte geraten ins Zentrum. Ein Moment Unachtsamkeit genügt – was zählt, ist Sichtbarkeit, nicht Prominenz.
  4. Effektivierte Manipulation: Durch Deepfakes und KI werde Desinformation „professioneller, scheinbar authentischer, billiger, leichter zu verbreiten“. Was als real gilt, sei real in seinen Folgen – aber auch das Misstrauen, das alles für möglich hält, sei real und wirke.

Von der Selbstbestimmung zur Verunsicherung

Die zentrale These des Vortrags lautet: Wir erleben einen Übergang von der „informationellen Selbstbestimmung“ zur „informationellen Verunsicherung“. Früher habe man wenigstens ansatzweise kontrollieren können, wer was über einen wusste. Heute müsse man jederzeit damit rechnen, dass Informationen – richtige oder falsche – kursieren, viral gehen, skandalisierbar werden.

„Das liegt nahe, sich wegzuducken“, sagt Pörksen. Nahe, eine „fassadenhafte Sprache“ zu sprechen. Wer das Kapital hat, rüstet auf im „Inszenierungsgeschäft“. Wer nicht, wird leise.

Bildung, Regulierung, Selbstschutz

Pörksen nennt drei Gegenmaßnahmen – und keiner seiner Vorschläge ist beruhigend:

Bildung: Urteilskraft müsse zur Leitkompetenz werden. Die Hoffnung auf „magische Emergenz von Medienkompetenz“, ausgelöst durch Tabletverteilung und vage formulierte Digitalstrategien, sei naiv. „Es reicht nicht“, sagt er mehrfach. Nicht, Paletten mit iPads über Schulhöfen abzuwerfen. Nicht, die Verantwortung den Schulen zu überlassen.

Regulierung: Der Digital Services Act sei ein Schritt, aber Pörksen warnt vor geopolitischer Asymmetrie. Was, wenn Europa reguliert – und die USA deregulieren? Wenn Silicon Valley regiert – und Brüssel doziert?

Selbstschutz: Wer heute sichtbar sei, brauche drei Telefonnummern: Jurist, Reputationsmanager, Psychologe. Eine sarkastische Übertreibung – aber mit einem ernsten Kern.

Der kategorische Imperativ für das Netz

Weil das Kant-Zitat, das jeder Tübinger Professor liefern muss, fehlte, formuliert Pörksen kurzerhand seinen eigenen Imperativ:
„Handle so, dass dir die öffentlichen Effekte deines Handelns langfristig vertretbar erscheinen – aber rechne damit, dass dies nichts nützt.“
In diesem Satz steckt der doppelte Boden des Digitalen: der Wille zur Integrität und das Wissen um die Unbeherrschbarkeit der Bühne.

Der Imperativ des Zuhörens

Vernetzte Gewalt, so verstanden, ist keine Ausnahmesituation. Sie ist der neue Normalzustand der Kommunikation. Und deshalb ist Pörksens Appell mehr als ein intellektueller Kommentar: Er ist eine Aufforderung zur Rehumanisierung der Öffentlichkeit. Zuhören, urteilen, differenzieren – das klingt schlicht. Doch es ist der Anfang jeder Gesellschaft, die sich gegen den Tsunami der Tribalismen behaupten will.

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