
Gastbeitrag von Anne M. Schüller:
Daran kann kein Zweifel sein: Es muss und es wird neue, zukunftsweisende Formen des Wirtschaftens geben. Die alten haben eine erschöpfte Umwelt und erschöpfte Menschen hinterlassen. So wird sich mittelfristig die Geschäftstätigkeit in vielen Unternehmen substanziell ändern. Dafür brauchen wir Zukunftsbilder. Denn wir sind keine passiven Erdulder einer unabwendbaren Zukunft, wir sind deren aktive Gestalter. Und wenn sich alles exponentiell weiterentwickelt, können wir weiter gehen und es kann besser werden als jemals zuvor.
Die Vorreiter einer neuen Wirtschaftsordnung sind längst unterwegs. Denn was übermorgen der Renner sein soll, müssen wir heute vorbereiten. Doch viele Unternehmen plagt kognitive Zukunftskurzsichtigkeit. Für sie klingt Zukunft nach irgendwann. „Wir wollen uns auf die nächsten Quartale konzentrieren. Jetzt ist kein guter Zeitpunkt, um etwas Neues auszuprobieren“, sagt mir ein CEO. So wird Zukunft auf die lange Bahn geschoben oder findet im Unternehmen gar nicht mehr statt. An der Zukunft arbeitet man täglich. „Warum denn?“, rufen mir die Manager zu. „Wir haben alle Hände voll zu tun. Uns geht’s prächtig.“ So bleiben sie an Geschäftsmodellen hängen, die in der Vergangenheit zwar funktionierten, deren Ende aber nun absehbar ist. Mit jedem Festhalten an Veraltetem wird besseres Neues und damit eigener Fortschritt verhindert. Und „später“ ist in Hochgeschwindigkeitszeiten sehr schnell „zu spät“. Sein Heil in einem Backlash suchen? Fatal!
Wer die Zukunft im Gestern sucht, wird genauso verschwinden, wie die Produkte von damals, die zu ihrer Zeit ja alle mal Innovationen waren. Niemand will mehr Kerzen als einzige Lichtquelle, Holzfeuer als einzige Kochstelle und ein Waschbrett zum Wäschewaschen. Fortschritt und eine gute Zukunft sind nicht die Fortschreibung der Vergangenheit, sondern ein Bruch mit dem Alten, damit gänzlich Neues entstehen kann. Die, die an vormaliger Größe und Herrlichkeit haften, stehen ihrer eigenen Zukunft im Weg. Der Rückschritt zu einst funktionierenden Geschäftsmodellen hat niemanden je in die Zukunft katapultiert. Wer sein Heil in einem Backlash sucht, einem Vorgehen also, das sich gegen fortschrittliche Entwicklungen richtet und überkommenes Handeln favorisiert, wird nicht wieder erfolgreich werden, sondern am Ende alles verlieren.
Denn eines ist offensichtlich: Die Innovationen werden sich überschlagen. Sie kommen plötzlich und oft aus Ecken, die niemand erwartet. Nichts ist mehr auf Jahre hinaus planbar. Permanente Umbrüche sind völlig normal. Von nun an werden wir uns aufmachen müssen, ohne den genauen Weg schon zu kennen. „Dem Gehenden legt sich der Weg unter die Füße“, heißt es so schön.
Wie man rasch zum Auslaufmodell wird
Nur, wer sich der Zukunft zuwendet, kann am Ende bestehen. Denn das Leben wird vorwärts gelebt. Und Technologien, die uns Fortschritt brachten, indem sie unser Leben angenehmer, bequemer, effizienter oder auch spannender machten, haben am Ende immer gesiegt. Klar, jeder kennt die Geschichte über das Ableben von Nokia. Auch BlackBerry kannte sie. Es hat das Unternehmen dennoch erwischt.
Grund war der unverrückbare Glaube an die Vorteile einer physischen Tastatur, als der Touchscreen längst Furore machte. Telefone, die wir streicheln können, wow! Das verspielte Drüberwischen, Swipen und Pinchen genannt, schafft Verbundenheit und Intimität. Es macht unsere Fingerspitzen zu kleinen Schöpfern und bringt uns in den Zustand des Flow. Ein überlegener Nutzen. Doch CEO Mike Lazaridis war dafür blind. „Das BlackBerry ist ein ikonisches Produkt. Und die Tastatur ist einer der Gründe, weshalb sich die Leute eins kaufen“, war er noch 2011 überzeugt. Er idealisierte die Vorlieben einer längst schwindenden Klientel und konnte den Umschwung nicht akzeptieren. So löschte er die einst geniale Erfindung aus. Ihnen kann das nicht passieren? Leider gibt es jede Menge solcher Geschichten. Sie wiederholen sich ständig.
Zukunft passiert nicht, sie wird gemacht
Fortschritt lässt sich nicht am Fortschreiten hindern. Doch viele in tradierten Industrien drücken lieber die Pause-Taste. Dies tun sie, um Zeit zu gewinnen, Eigeninteressen voranzutreiben und ihre Pfründe zu sichern. Oder sie tun es, um Quartalergebnisse zu optimieren, denn jede Investition in Innovationen schmälert zunächst das Ergebnis. Doch das hält einen vor allem selbst auf, weil es Ressourcen und Energien in die falsche Richtung kanalisiert. Und genau das fällt einem am Ende vor die eigenen Füße.
So haben uns die deutschen Autobauer, ihre Zulieferer und Interessenvertreter jahrelang eingetrichtert, E-Autos seien unausgereift, hässlich, unzuverlässig, teuer – und in Wirklichkeit gar nicht so klimafreundlich, wie es scheint. Ihre aufwendigen Kommunikationskampagnen haben Zweifel geschürt, Zahlen verdreht, Wissenschaftler diskreditiert, den Wettbewerb demontiert und die Medien instrumentalisiert. Und jetzt wundern sie sich, dass die Deutschen keine E-Autos wollen.
Die Weichen für die Zukunft stellen sich jetzt
Menschen, humanoide Roboter und künstliche Intelligenzen bewegen sich mit beeindruckendem Tempo aufeinander zu. Gemeinsam sind wir auf dem Weg in eine Zeit, in der alles anders sein wird als jemals zuvor. Gemeinsam sind wir auch verantwortlich dafür, dass dieser Weg ein guter wird: für den Lebensalltag der Menschen, für das eigene Unternehmen, für die Wirtschaft als Ganzes, für die globale Gesellschaft, für unseren Heimatplaneten. Und die Weichen dafür stellen sich jetzt.
Doch nur der, der die Trends der Zukunft versteht und seine Zukunftsfitness mit wachsamem Optimismus gestaltet, ist fortan vorn. So liegt unsere gemeinsame Zukunft in den Händen derer, die mit frischen Gedanken und smartem Tun die entscheidenden Umbrüche wagen. Fantasievoll und optimistisch vernetzen sie die virtuelle mit der realen Welt auf immer neue, mutige, bahnbrechende Weise. Nur durch kontinuierliches, kühnes, proaktives Denken und Handeln schafft es ein Unternehmen, sich fit für die Zukunft zu machen. Und je schneller wir unterwegs sind, desto weiter müssen wir nach vorne schauen.
Wie das gelingt? In einem ersten Schritt ist zu klären, welche Zukunft uns womöglich erwartet. Dies tun wir, indem wir uns frühzeitig mit Zukunftsthemen befassen und Zukunftsbilder kreieren.
Unternehmen brauchen ein Zukunftsbild
Zukunftsbilder kreieren? Für welche Zukunft denn überhaupt? Niemand, wirklich niemand kennt die Zukunft. Doch wir können versuchen, ihr die Ungewissheit zu nehmen, indem wir Hypothesen erstellen für eine Zeit, die noch nicht da ist. Szenarien sind insofern keine Prognosen, sondern spekulative Zukunftsbilder. Sie sind auch keine Utopien, sondern wollen plausible Wege vom Heute ins Übermorgen aufzeigen. Mit ihrer Hilfe können wir gefahrlos Ausflüge in die Zukunft simulieren.
Solange Szenarien noch Zukünfte sind, können wir uns darauf einstimmen, potenzielle Chancen früh ergreifen, etwaige Risiken antizipieren und über wünschenswerte Varianten vorausschauend debattieren. Natürlich ist es nicht möglich, sich auf jedes Ereignis vorzubereiten, doch immerhin sind dann Optionen zur Hand, um im Ernstfall rasch ins Handeln zu kommen, während andere noch in Schockstarre sind.
Szenarien simulieren Ausflüge in die Zukunft
Wer sich mit der Szenarienplanung befasst, springt raus aus der Filterblase der eigenen Wahrnehmung und bleibt permanent an den Trendthemen dran. So haben Futurologen, Zukunftsforscher und große Beratungsfirmen mithilfe wissenschaftlicher Methoden längst Szenarien für eine Vielzahl von Technologien und Industrien entwickelt. Viele davon sind auf deren Webseiten kostenfrei abrufbar.
Trendanalysen, Insights aus fortschrittlichen anderen Branchen, Gespräche mit Zukunftsexperten und denen, die neue Technologien in die Welt bringen, bilden eine weitere Grundlage für die Vorausschau. So verknüpft man bereits bekannte Trends und deren Treiber mit mutmaßlichen Einflussfaktoren in Bezug auf Wirtschaft, Technologie, Umwelt, Politik, Gesellschaft, Arbeitsmarkt und Kundenverhalten.
Im Ergebnis geht es um eine differenzierte Sicht auf mögliche Zukünfte und die Handlungsfelder, die das Unternehmen daraus ableiten will und kann. Die Zukunft wird also nicht linear aus der Gegenwart fortschreiben, man bedient sich der Retropolation. Dabei wird, ausgehend von der beschriebenen Zukunft im Zieljahr, in festgelegten zeitlichen Schritten rückwärtsgehend abgeleitet, was jeweils bis zu einem bestimmten Zeitpunkt getan sein muss, damit die erwünschte Zukunft Wirklichkeit werden kann.
Ein Zukunftszielbild in 10 Schritten
Zukunftsbilder und -narrative werden am besten in einer Zukunftswerkstatt oder einem Future Lab entwickelt. Im Zuge dessen empfehle ich die folgenden Schritte:
- Future Taskforce zusammenstellen
- Eine Ausgangsfrage formulieren
- Die Zielzeitachse bestimmen
- Maßgebliche Trends erforschen
- Veränderungskräfte identifizieren
- Mögliche Szenarien entwickeln
- Future Personas konzipieren
- Passende Handlungsfelder fixieren
- Die Zukunftsstrategie definieren
- Umsetzungspläne initiieren
Wie all das genau funktioniert, steht in meinem neuen Buch „Zukunft meistern“.

Zur Autorin: Anne M. Schüller ist Managementdenker, Keynote-Speaker, mehrfach preisgekrönte Bestsellerautorin und Businesscoach. Die Diplom-Betriebswirtin gilt als führende Expertin für das Touchpoint Management und eine kundenzentrierte Unternehmensführung. Zu diesen Themen hält sie Impulsvorträge auf Tagungen, Fachkongressen und Online-Events. 2015 wurde sie für ihr Lebenswerk in die Hall of Fame der German Speakers Association aufgenommen. Beim Business-Netzwerk Linkedin wurde sie Top-Voice 2017 und 2018. Von Xing wurde sie zum Spitzenwriter 2018 und zum Top Mind 2020 gekürt. 2024 wurde sie als Unternehmerin der Zukunft ausgezeichnet. www.anneschueller.de
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