Formel 1 der Digitalisierung? Warum Deutschlands Games-Branche (noch) nicht auf der Pole Position steht @Markus_Soeder @DoroBaer

Markus Söder hat wieder einmal den Turbo gezündet – zumindest rhetorisch. In einem Posting auf TwitterX verkündete der bayerische Ministerpräsident stolz, dass der Deutsche Computerspielpreis 2026 in München verliehen wird. Bayern solle zur „Gaming-Hauptstadt“ werden, die Games-Branche sei gar die „Formel 1 der Digitalisierung“. Man möchte fast applaudieren, wären da nicht die Realitäten der deutschen Spieleentwicklung, die mit Pole Position wenig zu tun haben.

Denn was sich bei genauerem Hinsehen zeigt, ist eine Branche, die zwar leuchtet, aber flackert. Der jüngste Newsletter-Beitrag von Constantin Sohn zeichnet das Bild eines Leuchtturms – Crytek –, der in stürmischer See ohne Hafen treibt. Drei Weltklasse-Titel hat das Frankfurter Studio hervorgebracht: Far Cry, Crysis, Hunt: Showdown. Jeder davon ein technologisches Meisterwerk. Doch keines wurde zur wirtschaftlichen Heimat. Der Erfolg blieb punktuell – und strukturell folgenlos.

Constantin Sohn bringt es auf den Punkt: Crytek steht exemplarisch für den deutschen Widerspruch. Technisch mutig, künstlerisch präzise, aber chronisch unterfinanziert und institutionell alleingelassen. Von Far Cry, das 2004 Maßstäbe setzte, blieb nach dem Verkauf an Ubisoft nur die Technik – nicht aber das Kapital, um sich als Marke zu etablieren. Crysis war der Beweis, dass man auch ohne Publisher Weltklasse liefern kann – aber nicht dauerhaft überleben muss. Und Hunt: Showdown, Cryteks stimmungsvollster Titel, zerbrach zuletzt an den eigenen Versprechen: Ein technisches Update, das mehr zerstörte als verbesserte, führte zu einem massiven Exodus der Spielerschaft. Auf Steam stürzte die Bewertung ab, Entwickler verließen das Projekt, die Community wandte sich ab.

Wie passt das zu Söders Formel-1-Vergleich? Vielleicht als Warnsignal. Denn wer an der Startlinie vom schnellsten Rennen der Digitalisierung stehen will, braucht mehr als einen glänzenden Motorblock. Man braucht eine Rennstrecke, auf der man nicht bei jedem Boxenstopp das Team wechselt. Und man braucht Vertrauen – seitens der Entwickler, der Spieler und der Öffentlichkeit. Genau das fehlt bislang.

Was also müsste passieren, damit die Vision von Söder Realität wird?

1. Stabile Produktionsbedingungen statt PR-Events:
Die deutsche Games-Branche ist übermäßig abhängig von Projektförderungen. Was fehlt, ist strukturelle Finanzierung – Risikokapital, das kreative Prozesse trägt, nicht nur kalkuliert. Keine punktuellen Zuwendungen, sondern Investitionen mit Weitblick.

2. Institutionelles Gedächtnis schaffen:
Studios wie Crytek haben mehrfach bewiesen, dass sie an der Weltspitze mitspielen können. Doch jede Produktion beginnt bei null. Es fehlt eine langfristige Strategie, aus Erfolgen belastbare Infrastrukturen zu formen – etwa durch ein GameLab-Netzwerk oder gemeinsame Publishing-Strukturen.

3. Bildung, Ausbildung, Autonomie:
Hochschulen produzieren zwar viele Talente, doch die meisten wandern ab – ins Ausland oder in andere Branchen. Games müssen als ernsthafte Kultur- und Wirtschaftsgüter behandelt werden, nicht als PR-Gag oder Standortmarketing. Das beginnt in der Lehre und reicht bis zu steuerlichen Rahmenbedingungen für Indie-Studios.

4. Community als Wert erkennen:
Wer Games versteht, weiß: Es sind nicht nur Produkte, sondern soziale Räume. Der Bruch zwischen Crytek und seiner Spielerschaft zeigt, wie fragil Vertrauen ist. Eine Gaming-Strategie, die Community-Bindung ignoriert, wird zur Hülse. Kreativität gedeiht im Dialog – nicht im Behördenbriefkopf.

5. Internationale Ambitionen – mit lokalem Rückhalt:
Dass Deutschland internationale Titel hervorbringen kann, ist bewiesen. Was fehlt, ist ein ökonomisches Fundament, das auch dann trägt, wenn der Hype vorbei ist. Es geht nicht um ein „deutsches Silicon Valley“, sondern um die Fähigkeit, aus lokalem Können globales Gewicht zu formen. Crytek hat das mehrfach versucht – allein, ohne Rückendeckung.

So betrachtet, ist Söders Formel-1-Metapher gar nicht so falsch. Die deutsche Games-Branche ist tatsächlich wie ein Rennwagen – aber einer, der immer wieder auf der Aufwärmrunde stehenbleibt, weil der Tank leer ist, die Boxengasse gesperrt und der Fahrer zwischen zwei Rennställen hin- und hergeschoben wird.

Wer das ändern will, braucht mehr als Preisverleihungen. Er braucht ein Verständnis dafür, dass Games Kultur, Technologie und Wirtschaft in einem sind – ein Labor der Digitalisierung, aber auch ein fragiles Ökosystem. Wer das ernst nimmt, investiert nicht nur in München, sondern in Vertrauen, Kontinuität und kreative Autonomie.

Bis dahin bleibt der Traum von der Pole Position: ein rhetorischer Überschuss, der mit der Realität deutscher Spielentwicklung wenig zu tun hat. Aber immerhin – in Söders Worten steckt Hoffnung. Jetzt muss daraus nur noch Substanz werden.

Constantin Sohn kommt gerne in die bayerische Landeshauptstadt, um zu erläutern, wie man auf die Pole Position in der Games-Branche landet.


Hinweis: Dieser Beitrag basiert auf der Analyse von Constantin Sohn, veröffentlicht im aktuellen Newsletter auf LinkedIn: Crytek: Wie der Standort Deutschland internationale Maßstäbe setzt – und sich selbst im Weg steht. Bitte unseren Newsletter weiterempfehlen und abonnieren 🙂

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