
Evelyn Hartramph entführt ihr Publikum an diesem strahlenden Sonntag in Köln in die schillernde Welt der Grandhotels, wie sie Marcel Proust in „À la recherche du temps perdu“ und Georges Simenon in seinen Romanen beschreiben. Es ist eine Welt, die von glänzender Oberfläche, sozialen Ambitionen und den ewigen Spielarten der Täuschung geprägt ist. Hartramph gelingt es meisterhaft, die feinen Unterschiede und Gemeinsamkeiten der literarischen Schauplätze herauszuarbeiten.
In Prousts Werk ist das Grand Hotel de Balbec ein Mikrokosmos, in dem sich die verschiedenen sozialen Schichten vermischen, beobachtet und bewertet werden. Die Exklusivität und der Glamour, den die Gäste anstreben, sind oft nur eine dünne Hülle, eine Illusion, die von der Realität der sozialen Ungleichheit und des ständigen Konkurrenzkampfes durchbrochen wird. Simenons Grandhotels hingegen sind Orte der Geheimnisse und der verborgenen Leidenschaften, Schauplätze von Verbrechen und Intrigen, die hinter der prächtigen Fassade lauern.
Proust und Simenon zeigen uns die Wahrheit, die wir doch so gerne verdrängen: Hinter all dem Glanz verbirgt sich nichts als der nackte, animalische Überlebenskampf. Die Gäste dieser Hotels sind Meister der Maskerade, Experten der Täuschung, die sich selbst und anderen etwas vormachen. Der elegante Schein ist alles, die Wahrheit nichts.
Hartramph zeigt, dass sowohl Proust als auch Simenon die Grandhotels als Bühnen nutzen, auf denen sich die Tragödien und Komödien des Lebens abspielen. Die Gäste dieser Hotels, ob Adel oder Bourgeoisie, sind stets darauf bedacht, ihre Stellung zu behaupten und zu verbessern. Die prächtigen Oberflächen, der künstlerische Reichtum und der geräuschlose Service der Hotels dienen dabei als Spiegel ihrer eigenen Wünsche und Illusionen.
Hartramphs Analyse verdeutlicht, dass das Grandhotel sowohl bei Proust als auch bei Simenon als Metapher für die Gesellschaft dient. Es ist ein Ort, an dem die Regeln und Hierarchien der Außenwelt auf kleinem Raum verdichtet werden. Die soziale Durchlässigkeit, die in diesen Hotels teilweise vorgegaukelt wird, ist oft nur eine Illusion.
Moderne Parallelen: Die Ästhetik der Täuschung
Und hier schließt sich der Kreis. Denn was sind wir anderes als die modernen Inkarnationen dieser Grandhotel-Gäste? Wir, die Selfie-Junkies, die Instagram-Influencer, die Könige und Königinnen der digitalen Bühne, sind die Erben dieses schönen Scheins. Mit unseren perfekt inszenierten Fotos und unseren sorgfältig kuratierten Profilen jagen wir denselben Traum wie Prousts und Simenons Figuren: die Illusion der Perfektion.
Camouflage, das Spiel mit dem Schein, ist unsere Religion. Wir hüllen uns in die neuesten Modetrends, posieren vor den schönsten Kulissen und lächeln in die Kameras, während wir innerlich die Leere spüren. Der Habitus, den wir zur Schau stellen, ist nichts anderes als eine moderne Variante des aristokratischen Gehabe und der Geltungssucht des Großbürgertums. Unsere Selfies sind die neuen Visitenkarten, die uns Zutritt zu den ersehnten Kreisen verschaffen sollen.
Beim Vortrag von Hartramph schossen mir die Assoziationen zum Hier und Jetzt durch den Kopf. Vor allem das literarische Werk von Marcel Proust ist aktueller denn je.
Schaut mal in Band 5 unserer Schriftenreihe rein zu Roland Barthes und Marcel Proust.