
Europa steht an einem Wendepunkt – militärisch, politisch, technologisch. Die Debatte über die künftige Rolle der europäischen Demokratien in einer globalen Sicherheitsordnung ist keine abstrakte Denksportaufgabe mehr, sondern eine akute Notwendigkeit. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine markiert nicht nur das Ende einer Illusion, sondern auch den Beginn einer neuen Realität, in der Verteidigungsfähigkeit, technologische Eigenständigkeit und industrielle Innovationskraft Hand in Hand gehen müssen.
Jonas Singer, Host des „Innovation Defence Podcast“ und profunder Kenner der DefenceTech-Szene, bringt es auf den Punkt: Europa verfügt über die Technologie, über die Köpfe, über die Forschung. Was fehlt, ist der politische Wille – und die Fähigkeit, dieses Potenzial skalierbar in die sicherheitspolitische Praxis zu überführen. Es geht um Dual Use, um Startups, um Venture Capital und die Zusammenarbeit mit traditionellen „Primes“ der Rüstungsindustrie. Doch vor allem geht es um die Frage: Sind wir bereit, Verantwortung für unsere eigene Sicherheit zu übernehmen?
Die Stunde der Wahrheit ist nicht rhetorisch – sie ist operativ
Ralf Fücks formuliert in seinem Appell an die Bundesregierung und ihre europäischen Partner eine zentrale Erkenntnis: Wenn Washington wankt, muss Europa handeln. Doch während über Flugabwehrsysteme, Beschaffungsketten und Transatlantik-Deals diskutiert wird, bleibt ein entscheidender Bereich oft unterbelichtet: die innovationsgetriebene Verteidigungsökonomie. Verteidigung ist längst nicht mehr nur eine Frage von Gerät und Masse, sondern von Sensorik, Datenfusion, Echtzeitintelligenz, Drohnentechnologie, KI-basierter Zielerkennung und systemischer Resilienz. Kurz: Verteidigung ist ein Betriebssystem – und dieses muss europäisch gedacht, entwickelt und betrieben werden.
Dual Use: Kein Dilemma, sondern strategische Notwendigkeit
Die technologische Antwort auf die Zeitenwende liegt im Dual-Use-Prinzip. Was heute in der zivilen Forschung entwickelt wird, kann morgen Schutzschild gegen hybride Bedrohungen sein. Und was im militärischen Kontext entsteht, kann gesellschaftliche Resilienz stärken – etwa in der Cybersicherheit, der Versorgungssicherheit oder bei Frühwarnsystemen gegen kritische Infrastrukturausfälle.
Doch in Deutschland – und in Teilen Europas – wird Dual Use noch immer als Graubereich betrachtet. Zivilklauseln blockieren universitäre Kooperationen, rechtliche Unsicherheiten hemmen VC-Investitionen in sicherheitsrelevante Startups, politische Hemmnisse sabotieren die Zusammenarbeit zwischen jungen Tech-Firmen und etablierten Rüstungsunternehmen. Diese Selbstblockade ist inakzeptabel.
Die Rolle von Startups: Geschwindigkeit statt Formatvorgaben
Jonas Singer warnt: Der Innovationsvorsprung im militärisch-technologischen Bereich wird nicht durch Verwaltungsvorschriften, sondern durch mutige Gründungen entschieden. Startups wie Helsing, ARX Robotics, Quantum Systems oder EvoLogics zeigen, dass es geht – wenn man sie lässt. Doch viele dieser Firmen agieren an der Kapazitätsgrenze, weil Großaufträge fehlen, weil die Beschaffungsbürokratie nicht auf Innovation ausgerichtet ist, und weil Risikokapitalgeber sich vor der politischen Debatte um „Militärinvestitionen“ scheuen.
Die Bundeswehr – und mehr noch: Europa – braucht ein robustes, förderfähiges Startup-Ökosystem im sicherheitsrelevanten Bereich. Das umfasst:
- skalierbare Finanzierungsmodelle für Early-Stage DefenceTech
- klare rechtliche Rahmenbedingungen für Dual Use
- agile Beschaffungsmodelle, die auch kleinere Player berücksichtigen
- offene Innovationsräume in Kooperation mit Forschung, Cyberagentur & Industrie
Was die Merz-Regierung jetzt tun muss
Die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz steht vor der Aufgabe, Sicherheitspolitik, Innovationsstrategie und Industriepolitik zusammenzuführen. Das bedeutet:
- Aufbau eines europäischen DefenceTech-Beschleunigers, der Startups fördert, Aufträge vermittelt und regulatorisch begleitet
- Etablierung einer koordinierten europäischen Dual-Use-Initiative, eingebettet in eine neue Technologiedoktrin
- Erweiterung des Vergaberechts um innovationsfreundliche Sonderlinien (nach dem Vorbild der US-DARPA oder britischer RAPID-Verfahren)
- Umsetzung des Appells von Fücks und Co.: Stärkung der ukrainischen Rüstungsindustrie durch gezielte Joint Ventures, Know-how-Transfers und Bürgschaften
Europas neue Verteidigungswirtschaft: Kein Tabu, sondern Teil des demokratischen Projekts
Verteidigungsfähigkeit ist keine moralische Verirrung. Sie ist Bedingung für Freiheit. Europa darf nicht länger zögern. Das demokratische Projekt Europa ist verletzlich – technologisch, politisch, militärisch. Doch es ist auch fähig zur Selbstbehauptung, wenn es endlich das tut, was längst überfällig ist: Investieren. Vernetzen. Skalieren. Handeln.
Oder, wie Jonas Singer es sagt:
„Wir haben die Technologie. Wir haben die Experten. Was fehlt, ist der Wille, schnell zu handeln.“
Jetzt wäre ein guter Moment dafür.