
Die Panel-Diskussion auf dem b° future Festival für Journalismus und konstruktiven Dialog in Bonn, im frei zugänglichen Teil der Veranstaltung, bot Einblicke in die drängende Frage: Wie kann eine europäische Öffentlichkeit entstehen? Unter dem Titel „Perspektiven aus Europa: Wie euro|topics eine europäische Öffentlichkeit unterstützt“, fand das Event am Samstag, dem 5. Oktober, von 13 bis 15 Uhr im Café der Thalia-Buchhandlung am Marktplatz statt. Eine Akkreditierung hatte ich nicht erhalten, doch die öffentliche Veranstaltung bot reichlich Stoff für einen vertiefenden Blick auf die europäische Medienlandschaft.
Tom Gebhardt, Redakteur bei euro|topics, war vor Beginn der Diskussion klar und präzise in seiner Analyse. „Unser Motto ist, was denkt Europa?“, sagte er und stellte damit die zentrale Herausforderung in den Mittelpunkt: „Normalerweise können die europäischen Medien nicht miteinander diskutieren, weil sie unterschiedliche Sprachen sprechen.“ Was auf den ersten Blick trivial erscheint, entpuppt sich als zentrales Hindernis für eine gemeinsame europäische Öffentlichkeit. „Man könnte natürlich sagen, man nimmt eine Einheitssprache – früher war das Latein, dann Französisch, irgendwann Deutsch, und heute oft Englisch“, erläuterte Gebhardt weiter. Doch euro|topics setzt auf einen anderen Ansatz. „Wir machen das anders. Wir haben in jedem Land einen Korrespondenten, der die wichtigsten Medien, die wichtigsten Kommentare jeden Morgen liest und übersetzt. In der Berliner Redaktion versuchen wir, daraus eine Debatte zu stricken.“
Diese Debatte, die durch Übersetzungen entsteht, ist kein Selbstzweck. Gebhardt erläuterte weiter, dass diese Methode den nationalen Rahmen sprengen und europäische Stimmen miteinander ins Gespräch bringen soll. „Wenn zum selben Thema drei europäische Medien einen Kommentar schreiben, dann lassen wir die miteinander sprechen.“ Die Herausforderungen sind groß, doch die Nachfrage nach einer solchen transnationalen Debatte sei in den letzten Jahren gewachsen. „Früher gab es eine Art Europa-Frust“, reflektierte Gebhardt, und erklärte, dass positive politische Nachrichten oft national vereinnahmt wurden, während negative Entwicklungen als „Brüsseler Auflagen“ dargestellt wurden. Doch die großen Krisen der letzten Jahre – von der Finanzkrise 2008 über die Pandemie bis hin zum Krieg in der Ukraine – haben das Bewusstsein dafür geschärft, dass nur gemeinsames europäisches Handeln Lösungen bieten kann. „Immer mehr Themen zeigen, dass wir nur als Europa reagieren können.“
Gebhardt ging auch auf die Perspektiven der kleineren europäischen Länder ein, die oft nicht genug Beachtung finden. „Deutschland und Frankreich als Motoren der EU funktionieren nicht immer. Wir müssen wissen, was die anderen europäischen Länder denken.“ Besonders die Erfahrungen der baltischen Staaten oder Polens im Umgang mit Russland seien wertvolle Beiträge, die in der Debatte oft übersehen würden.
Das Besondere an euro|topics, so Gebhardt, liege darin, dass die Debatten zwar weiterhin in den einzelnen Sprachen geführt werden, aber das Wissen über das, was in anderen Ländern passiert, zunehme. „Die Debatten werden sprachlich erstmal in den einzelnen Sprachen geführt, aber in gewisser Weise wachsen sie über die nationalen Grenzen hinaus.“ Brechts Konzept der Kommunikation sei hier zentral: „Zur Kommunikation gehört eben nicht nur, dass einer sendet, sondern dass die anderen auch Feedback geben und sich wechselseitig beeinflussen.“
Euro|topics spielt dabei eine entscheidende Rolle, erklärte Gebhardt weiter: „Immer mehr Journalisten in den fünf Sprachen, in denen wir veröffentlichen, nehmen die Kommentare aus anderen Ländern wahr und antworten darauf in ihren eigenen Kommentaren.“ Doch nicht nur Journalisten lesen euro|topics. „Viele Lehrer, viele Interessierte in Europa lesen das, aber eben auch viele Journalisten. Dadurch entsteht eine Teilöffentlichkeit.“ Dieser Beitrag, so räumte Gebhardt ein, sei vielleicht „nicht der große Wurf“, aber dennoch ein entscheidender Schritt in Richtung einer gemeinsamen europäischen Öffentlichkeit.
Am Ende unseres Gesprächs verwies Gebhardt auf die Bedeutung des Festivals selbst, das von der Bundeszentrale für politische Bildung unterstützt wird. „Unser Ziel ist es, mit möglichst vielen Bürgern in Kontakt zu kommen, damit sie uns mitteilen können, was für sie europäische Öffentlichkeit bedeutet, was sie sich wünschen und was sich ändern soll.“ Mit einem klaren Appell beendete er unser Gespräch: „Wir hoffen, dass das Festival weiterläuft und dass wir weiterhin unsere Erfahrungen, was europäische Öffentlichkeit angeht, teilen können.“
Peter Bognar, Journalist aus Österreich, sprach auf dem Podium über den Wahlerfolg der FPÖ und die damit verbundene politische Polarisierung. „Der Erfolg der FPÖ ist kein isoliertes Phänomen“, erklärte Bognar und verwies auf die tiefen politischen Risse, die nicht nur in Österreich, sondern in vielen europäischen Ländern zutage treten. Die Diskussion zeigte, wie nationale politische Entwicklungen nicht mehr nur im nationalen Kontext betrachtet werden können, sondern europäische Konsequenzen haben. Bognar mahnte, dass populistische Parteien wie die FPÖ nicht einfach ignoriert werden können, sondern in den politischen Diskurs integriert werden müssen, um eine weitere Radikalisierung zu verhindern.
Im Anschluss wandte sich die Diskussion nach Ungarn, wo Kornélia Kiss die bedrückende Lage der Pressefreiheit darstellte. „Die ungarische Öffentlichkeit ist fast vollständig unter der Kontrolle der Regierung“, sagte sie und schilderte, wie schwer es für unabhängige Medien geworden ist, Gehör zu finden. Die von Viktor Orbán geschaffene mediale Landschaft in Ungarn stehe exemplarisch für eine Politik, die Kritik zum Schweigen bringt. Für Kiss ist es deshalb umso wichtiger, dass Plattformen wie euro|topics diese Stimmen europaweit sichtbar machen. Sie warnte, dass die Entwicklungen in Ungarn ein bedrohliches Modell für andere Länder werden könnten.
Soweit der kleine Ausschnitt aus der Panel-Runde in der Thalia-Buchhandlung.
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