
Sie tragen Holzfällerhemden von R. Schnickschnack oder – in der feminin-bewussten Variante – Leinenkleider in Olivtönen, die in jedem Katalog unter „nachhaltig in Portugal gefertigt“ firmieren. Beide Varianten werden stilgerecht kombiniert mit veganen Espadrilles und einer faltbaren Trinkflasche aus recyceltem Meeresplastik. Die Frisur: Undone. Das Mindset: Überlegen. Die Reiseroute: exquisit.
Es ist Sommer, und die saisonale Karawane der Achtsamkeit setzt sich in Bewegung. Der Pass wird gezückt, das Fernweh geölt – und ab geht’s, mit minimalem CO₂-Fußabdruck durch Ablasszahlungen an NGOs, maximalem Anspruch auf Ursprünglichkeit. Mal zieht es die Sinnsuchenden auf eine abgelegene Kykladeninsel, die „noch nicht vom Massentourismus verdorben ist“ (nur von ihnen selbst), mal in eine dalmatinische Bucht, „die wir zufällig bei Google Maps entdeckt haben“. Für Fortgeschrittene: ein verfallenes Trullo in Apulien, aufwendig restauriert – mit „liebevollem Charme“ und Infinity-Pool.
Natürlich könnte man auch ins Allgäu fahren, in eine historische Holzhütte mit Spa-Service, finnischer Sauna, Designer-Küche, Bocksbett und Sternekoch on demand. Außen Patina, innen Panik vor schlechter WLAN-Verbindung. Doch die wahre Aufmerksamkeitselite zieht es gern weiter – nach Sri Lanka, „wo man so tief mit der Kultur verbunden ist“ (weil die Ayurveda-Ärztin dreimal täglich entschlackt), oder nach Costa Rica, „wo man mit Affen frühstückt und sich dabei selbst findet“ (in einem Retreat mit intuitiver Fußmassage und Kakao-Zeremonie).
Valentin Groebner, der Anthropologe des modernen Irrsinns, hat diese kollektive Infantilisierung in seinem Buch „Abgefahren“ messerscharf seziert. Reisen, schreibt er, sei der einzige Industriezweig, der sich hartnäckig als Gegenteil von Industrie tarnt. Die global standardisierte Glückserfahrung wird als persönliche Erleuchtung verpackt – individuell zugeschnitten, versteht sich. Für die richtige Aura sorgen Bio-Bettwäsche, veganes Frühstück und der Hinweis, dass „kein Massentourismus stattfindet“ – außer dem, den man selbst gerade produziert.
Und wehe, es fühlt sich nicht echt an! Dann wird geklagt. „Jede echte Herzlichkeit fehlt“, schrieb etwa eine enttäuschte Reisende über ihr Fünf-Sterne-Refugium in Portugal. Was für ein Schock! Die Welt ist nicht wirklich „echt“, sondern organisiert, professionell, freundlich, aber eben… strategisch. Dass dies genauso geplant war, interessiert nicht. Wichtig ist das Gefühl der moralischen Überlegenheit. Denn wer klagt, hat Recht. Und wer Recht hat, hat Anspruch – auf mehr Authentizität, mehr Ursprünglichkeit, mehr Einsamkeit. Aber mit Pool.
So wandert der Blick sehnsüchtig von Insel zu Insel. Von Patmos nach Vis. Von Samos nach Paxos. Von Ithaka zur inneren Leere. Doch die Reise endet immer gleich: Die Erleuchtung bleibt aus, die Touristen bleiben da, und man selbst ist Teil des Problems. Aber mit Achtsamkeitszertifikat.
Zurück in der Heimat wird dann wieder sinniert – im Tiny House mit Hochbeet, unter Bienenwachskerzenlicht. Natürlich nur der Zweitwohnsitz im Hochsauerland. Man plant die nächste Auszeit mit Sufi-Tanzmedizin, diskutiert über Dipankra-Körperreisen beim After-Yoga-Dinner und liest sich gegenseitig Erfahrungsberichte über schamanische Selbstfindung in Oaxaca vor. Die Hütte in der Schweiz für die Winterferien ist schon reserviert: außen wie 1890, innen wie Apple Store. Preis: 640 Franken die Nacht p.P. – aber das ist exklusiv.
Am Ende ist die Urlaubsindustrie nichts anderes als ein Gesellschaftsspiegel, in dem die Aufgeklärten sich selbst erblicken – und erschrecken. Also klagen sie. Über Overtourism, über Fake-Freundlichkeit, über die „anderen“. Groebner sagt: „Wer klagt, spürt sich und kann die anderen das spüren lassen.“ Eine Form der Selbstvergewisserung, eingehüllt in Leinenstoff und Gewissensmassage.
Denn das Wichtigste ist nicht, ob man irgendwo war. Sondern dass man es besser getan hat als die anderen.
Und falls es doch zu voll war – keine Sorge: Die nächste Insel ist garantiert noch ein Geheimtipp. Bis Sie dort ankommen.
🫢🤣🤔 Par quelqu’un qui a le courage de mettre le doigt sur le caractère douteux des mouvements de style de vie.
Merci beaucoup pour ce mot ! Il est en effet temps de regarder au-delà des apparences séduisantes de certains „modes de vie“ contemporains. Sous les habits du bien-être, de l’authenticité ou de la pleine conscience se cachent souvent des logiques de consommation, d’exclusion et de mise en scène de soi. Mettre le doigt dessus, c’est déjà commencer à penser autrement.