Ein erster Tag in Pfunds: Ankunft im Richterdorf

Gegen 11 Uhr kamen wir in Pfunds an, nach einer Nachtfahrt, die wegen der Sperrung auf der A3 länger dauerte als geplant, aber weit weniger unerquicklich war, als es zwölf Stunden auf dem Papier vermuten lassen. Im Bus ließ sich lesen, Musik hören, sogar ein wenig schlafen. Der große Vorteil solcher Anreisen besteht darin, dass man nicht selbst fahren muss. Man steigt nicht zerschlagen aus, eher etwas entrückt.

Umso angenehmer, dass im Hotel Kreuz trotz der Verspätung noch ein Frühstück möglich war. Das Haus empfing uns nicht mit betriebsamer Ferienrhetorik, sondern mit einer wohltuend familiären, gemütlichen Atmosphäre. Nach einer Nacht auf Rädern ist das keine Nebensache. Es ist der Moment, in dem aus Ankunft Aufenthalt wird.

Danach der erste Rundgang durchs Dorf.

Ein Dorf mit Gedächtnis

Pfunds zeigt sich nicht als bloße Kulisse für Wintersportgäste, sondern als Ort mit Geschichten. Die Häuser behaupten sich ohne Pose; sie stehen da, als gehörten sie nicht einer Saison, sondern einer längeren Zeit. Über einer Tür liest man „Dominus providebit“. Das heißt: Der Herr wird vorsorgen. Der Satz kommt aus der Abraham-Erzählung der Genesis und meint mehr als bloßen Optimismus. In ihm steckt die alte theologische Idee der Providenz, der göttlichen Vorsehung: dass der Mensch nicht alles absichern kann und dennoch nicht ins Leere fällt. Für einen ersten Rundgang durch Pfunds ist das ein guter Auftakt.

Wenig später verdichtet sich der Eindruck. An einem Haus lagern sich gleich mehrere Schichten Ortsgeschichte übereinander: der Hinweis auf den Richterhof, das Niedergericht Pfunds 1282–1809, dazu die Tafel für Franz Michael Senn, den „Tiroler Demokrat und Bauernvertreter“, und am selben Gebäude die Erinnerung an den Dichter des „Tiroler Adler“, auf der Inschrift als Joh. Mich. Senn bezeichnet. Gericht, Politik, Freiheitsgeschichte, Literatur – selten steht das alles so nah beieinander wie hier.

Franz Michael Senn war nicht bloß ein lokaler Honoratior, dem man eine Gedenktafel gewidmet hat. Er war Landrichter in Pfunds, Vertreter bäuerlicher Interessen, politischer Kopf und Verfassungsdenker in einer Zeit, in der Tirol seine Stellung zwischen Beharrung und Umbruch neu bestimmen musste. Schon der Umstand, dass man ihn hier ausdrücklich als Demokraten bezeichnet, gibt dem Spaziergang einen anderen Ton. Man sieht plötzlich nicht mehr nur Fassaden, sondern eine politische Topographie des Oberinntals.

Dass Pfunds über Jahrhunderte Gerichtsort und Verkehrsknoten war, passt dazu. Der Ort liegt nicht abseits, sondern in einem Raum, in dem Übergänge immer wichtig waren: Richtung Reschen, Richtung Engadin, Richtung Grenze. Das merkt man selbst dann noch, wenn man nur durch die Gassen geht.

Der Dichter am selben Haus

Fast noch schöner ist, dass am selben Gebäude gleich der zweite Senn auftaucht. Der Dichter des „Tiroler Adler“ gehört in jene österreichische Frühzeit politischer Literatur, in der Regionalstolz und Freiheitssehnsucht ineinander übergingen. Die Zeile auf der Tafel – „Adler, Tiroler Adler, warum bist Du so roth?“ – hat noch immer diesen eigentümlichen Klang aus Pathos und Widerstand. Dass Vater und Sohn, Richter und Dichter, politische Praxis und poetische Verdichtung hier an einer einzigen Hauswand zusammentreffen, hebt Pfunds über das rein Malerische hinaus.

Mehr als ein Wintersportort

Gerade das macht diesen ersten Tag bemerkenswert. Man reist zum Skifahren an und stößt, kaum ist das Gepäck abgestellt, auf ein Dorf, das seine Geschichte nicht dekorativ ausstellt, sondern beiläufig mitführt. Pfunds ist nicht bloß Basislager für die kommenden Skitage, sondern ein Ort mit Tiefenschichten. Vielleicht fällt das gerade am ersten Tag so stark auf, weil der Blick noch nicht von Pistenplänen, Abfahrten und Schneeverhältnissen besetzt ist.

So blieb von diesem Auftakt mehr als die übliche Ankunftsroutine: gegen 11 Uhr eintreffen, im Hotel Kreuz frühstücken, kurz durchatmen, dann hinaus ins Dorf – und dort gleich merken, dass dieser Ort mehr erzählt, als man ihm auf den ersten Blick zutraut.

2 Gedanken zu “Ein erster Tag in Pfunds: Ankunft im Richterdorf

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