
Thilo Heinrich über Fachkräftemangel, den unterschätzten Beruf des Rettungssanitäters und pragmatische Rekrutierungsstrategien abseits großer Reformversprechen.
Auf der Zukunft Personal Nord, unweit der Keynote Stage, spricht Thilo Heinrich mit ruhiger Entschiedenheit über einen Berufszweig, der in der öffentlichen Wahrnehmung meist erst auftaucht, wenn Blaulichter blinken: den Rettungsdienst. Heinrich ist Geschäftsführer von Falck Deutschland, einem der größten privaten Anbieter im Bereich präklinischer Notfallversorgung. Sein Thema: Fachkräftemangel im Rettungsdienst – ein strukturelles Problem mit hohem gesellschaftlichem Risiko.
Das Problem sei keineswegs neu, betont Heinrich, doch es spitze sich dramatisch zu: Der Bedarf an Transporten, medizinischer Erstversorgung und nicht-notfallbedingten Krankenfahrten wachse kontinuierlich, getrieben vom demografischen Wandel und einer alternden Bevölkerung. „Gleichzeitig gelingt es uns nicht, die Zahl der qualifizierten Fachkräfte im selben Tempo zu steigern“, so Heinrich.
Dabei sei die Einstiegsschwelle formal niedrig, die Perspektive hingegen erstaunlich breit: Die Ausbildung zum Rettungssanitäter dauert lediglich dreieinhalb Monate. Sie eröffnet jungen Menschen oder Quereinsteigern einen schnellen Zugang zu einem systemrelevanten Berufsfeld mit langfristiger Perspektive – nicht selten auch als Sprungbrett in Pflegeberufe oder ein späteres Medizinstudium. „Doch das Image des Berufs hinkt der Realität hinterher“, sagt Heinrich. „Viele assoziieren den Rettungsdienst mit Freiwilligendiensten, nicht mit einem qualifizierten Gesundheitsberuf.“
Zwischen Idealismus und Realität
Dass der Beruf zudem körperlich und psychisch fordernd ist, steht außer Frage. Heinrich spart nicht mit klaren Worten: „Man arbeitet im Schichtdienst, hat es mit vulnerablen, teils dementen oder aggressiven Patienten zu tun – und bewegt sich oft in unsicheren sozialen Räumen.“ Gewalt gegen Rettungskräfte sei kein medialer Hype, sondern reale Belastung. Dennoch sieht Heinrich darin nicht den Hauptgrund für Rekrutierungsschwächen. „Das Problem ist eher: Der Beruf wird gesellschaftlich nicht ernst genommen. Eine dreieinhalbmonatige Ausbildung gilt als ,nicht akademisch genug‘ – ein Missverständnis mit Folgen.“
Ausbildung als Zugang zur Gesundheitswirtschaft
Die Falck-Akademie in Hamburg verfolgt daher einen pragmatischen Ansatz: kontinuierliche Ausbildungskohorten, monatlicher Einstieg, flexible Modelle für Teilzeitkräfte, Eltern oder Quereinsteiger. Das Ziel: möglichst vielen Interessierten niederschwellig den Zugang zum Beruf ermöglichen – ohne lange Wartezeiten oder formale Hürden. „Wir bilden in unserer Akademie nicht nur für die Notfallrettung aus, sondern vor allem für den Krankentransport – das Rückgrat der Versorgung im Alltag“, so Heinrich.
Die Perspektive reicht dabei weit über das Einsatzfahrzeug hinaus: „Wer einmal im Gesundheitswesen angekommen ist, kann sich weiterentwickeln – in Richtung Pflege, Medizin, Verwaltung oder Ausbildung.“ Für viele sei die Tätigkeit auch ein Test: Ist das mein Berufsfeld? Die Antwort ergibt sich nicht im Hörsaal, sondern im Alltag zwischen Einsatz und Empathie.
Migration und Integration statt Abwerbung
Während andere Branchen auf internationale Fachkräfte setzen, bleibt Heinrich skeptisch gegenüber der aktiven Anwerbung im Ausland. „Was wir brauchen, sind Strategien zur Integration derjenigen, die bereits hier sind.“ Der Rettungsdienst sei durch die kurze Qualifikationszeit besonders geeignet, um Zugewanderte schnell in Arbeit zu bringen – bei gleichzeitigem Spracherwerb, kultureller Einbindung und beruflicher Orientierung.
Dass dabei ein hoher Anteil von Mitarbeitenden mit Migrationshintergrund im Unternehmen tätig ist, sei für ihn kein Mangel, sondern ein Erfolgsindikator. „Wir sollten diese Vielfalt nicht als Übergangslösung betrachten, sondern als Stärke eines modernen Gesundheitswesens.“
Flexibilisierung als Schlüssel
Einen weiteren Erfolgsfaktor sieht Heinrich in der Arbeitszeitgestaltung. Während klassische Modelle im Rettungsdienst auf feste Schichtpläne setzen, bietet Falck in Hamburg eine Vielzahl an Optionen: Tagesdienste, Wochenendschichten, Teilzeitmodelle – und sogar sogenannte „Elternschichten“ mit nur vier Stunden Einsatzzeit. „Unsere größte Nachfrage besteht vormittags. Wer also von 8 bis 12 Uhr verfügbar ist, hilft uns enorm.“
Fazit: Systemrelevant, modern, unterschätzt
Heinrichs zentrale Botschaft ist klar: Der Rettungsdienst ist längst nicht mehr die Notlösung für Zivildienstverweigerer oder Übergangssuchende. Er ist ein hochdynamischer Sektor mit Zukunft – vorausgesetzt, man erkennt ihn als solchen. „Wir müssen aufhören, Berufsbilder nach Bildungsdauer zu bewerten“, sagt er. „Die Gesundheitswirtschaft ist eine Wachstumsbranche. Und der Rettungssanitäter ist oft der erste Schritt hinein.“
Weiterführende Informationen:
📺 Interview ansehen: YouTube: Fachkräftemangel im Rettungsdienst
🌐 Informationen zur Ausbildung: Falk Akademie Hamburg – Jetzt bewerben
📲 Kontakt auf LinkedIn: Thilo Heinrich
📸 Instagram: @falckgermany
Das nenne ich mal gute Ideen um im Rettungsdienst an Arbeitskräfte zu kommen. Es ist schön zu sehen, dass dort über das Aufbrechen von alten Modellen und Arbeitszeiten nachgedacht wird. Ich befürchte aber, es wird dauern, bis das in der Breite ankommt. Ich bin ja selbst nicht mehr betroffen. Ich war bis vor 15 Jahren ehrenamtlich dort aktiv. Bei flexibleren Arbeitszeiten hätte ich mir das auch beruflich vorstellen können.