Dirk Baeckers neues Suhrkamp-Buch „Digitalisierung“ und die späte Einsicht, dass Suchmaschinen keine Gesellschaftstheorie ersetzen

Der Satz „Luhmann statt Google“ steht nicht bei Dirk Baecker. Er stammt von mir. Ich habe ihn über einen älteren Text gesetzt, den ich 2019 noch einmal hervorgeholt habe, um zu prüfen, wo der frühe Instinkt in Sachen Computerkommunikation trug und wo er sich täuschte. Die spätere Diskussion in der über den Niedergang lokaler und regionaler Medien im Rheinland gehört in dieselbe autobiographische Linie: als publizistische Selbstkontrolle, nicht als Baecker-Exegese. Diese Trennung ist wichtig. Sonst verlegt man dem Soziologen in die Tasche, was aus meiner eigenen Werkstatt stammt: den Blick auf die ausdünnende regionale Öffentlichkeit, die Erosion der alten Medienzwischenhändler und die Frage, was aus einer Gegend wird, wenn sie ihre Beobachter verliert.

Mein Satz, sein Buch

Baeckers neues Buch setzt anders ein, kälter, höher, ohne Rücksicht auf jene Behaglichkeit, mit der die Gegenwart ihre Apparate bewundert. Schon der Titel ist eine kleine Zumutung. Das durchgestrichene Wort „Digitalisierung“ klingt nach Verwaltungsdeutsch, nach Handreichung, nach Schreibtischlampe. In Wahrheit liegt hier ein Buch vor, das die Lampe ausknipst und zeigt, wie sehr wir uns daran gewöhnt haben, im Schein der Geräte die Gesellschaft selbst zu übersehen. Baecker nennt Digitalisierung ein „analoges Phänomen“. In diesem Ausdruck steckt das ganze Programm: Das Digitale marschiert nicht auf leerem Feld. Es trifft auf eine widerständige Welt aus Körpern, Routinen, Institutionen, Missverständnissen, Gewohnheiten und Interessen. Der Rechner rechnet diskret; die Gesellschaft antwortet kontinuierlich, zäh, krumm, bisweilen boshaft.

Das ist der erste Vorzug dieses Buches: Es behandelt den Computer nicht als Zaubergerät und die künstliche Intelligenz nicht als säkularen Geist. Es fragt vielmehr, was aus sozialer Wirklichkeit wird, wenn sie in Datenformate übersetzt, durch Modelle gejagt und wieder an jene Wirklichkeit zurückgespielt wird, aus der sie zuvor herausgeschnitten wurde. Baecker spricht vom Zusammenspiel von Technik, Organismus, Bewusstsein und Gesellschaft; Digitalisierung sei nur dann verstanden, wenn man diese vier Größen zusammen denkt und ihre Synchronisation als flüchtigen, aber folgenreichen Moment begreift. Damit ist der Ton gesetzt: keine Maschinenmystik, keine Kulturpanik, sondern eine Theorie der Lage.

Der Rechner als neuer Dativ

Die stärksten Seiten des Buches beginnen dort, wo Baecker den Begriff der Kommunikation von der sentimentalen Umarmung der Gegenwart befreit. Überall hört man inzwischen, Maschinen „reden“ mit uns, „verstehen“ uns, „helfen“ uns, „begleiten“ uns. Die Sprache der Gerätewerbung hat sich wie Parfüm über ganze Debatten gelegt. Baecker geht einen Schritt zurück und sieht genauer hin. Rechner sind keine Personen. Aber sie verändern die Grammatik des Sozialen. Der entscheidende Satz lautet, in äußerster Nüchternheit: Kommunikation mit Rechnern „kommuniziert Berechnungen“. Damit ist mehr gesagt als in einer halben Bibliothek zum Thema KI. Nicht mehr nur Sätze, Bilder, Töne und Gesten zirkulieren, sondern ihre statistische Vorbewertung, ihre relationale Einordnung, ihr möglicher Anschluß. Mitteilung wird zum Index, Rede zur Rechenlage, Aufmerksamkeit zur Funktion eines Datenraums.

Man könnte sagen: Der Rechner ist der neue Dativ der Moderne. Man kommuniziert nicht über ihn wie über einen Hammer auf der Werkbank, sondern mit ihm wie mit einem Gegenüber, das sich der Verfügung entzieht und doch von Menschen gemacht ist. Eben darin liegt die eigentümliche Verlegenheit der Gegenwart. Sie hat ihre Werkzeuge so gebaut, dass diese Werkzeuge inzwischen an der Form der Welt mitschreiben, ohne darum schon Autoren zu sein. Baecker hält diese Schwebe aus. Er zieht weder den naiven Schluss, der Computer sei nur ein Mittel, noch den modischen, er sei bereits ein Subjekt. Er zeigt, dass das Digitale den Raum möglicher Anschlüsse umbaut und damit tiefer in das Soziale eindringt als jede alte Apparatekunde.

Die Plattform als höfliche Falle

Hier beginnt der Punkt, an dem mein alter Satz wieder interessant wird. Denn „Luhmann statt Google“ war zunächst eine Polemik gegen die intellektuelle Bequemlichkeit, die in der Suchmaschine schon eine Weltformel sehen wollte. Diese Polemik ist heute noch richtiger als damals, nur aus einem anderen Grund. Google war die erste große Schule der Indexierung. Man lernte, die Welt als Trefferliste zu sehen. Baeckers Buch handelt bereits von der nächsten Stufe: von einer Umwelt, in der nicht nur gefunden, sondern fortwährend vorselektiert, gewichtet, angestupst, umgeleitet, wahrscheinlich gemacht wird. Die Plattform ist keine Bibliothek; sie ist eine höfliche Falle. Sie sagt nicht: Du musst. Sie sagt: Hier entlang. Und wenn man ihr lange genug folgt, hält man die sanfte Lenkung irgendwann für die eigene Bewegung.

Baecker beschreibt das ohne moralischen Tremor. Er sieht, dass Plattformen, Apps und digitale Umgebungen einen neuen Kalkül der Attraktion, Kontrolle und Steuerung hervorbringen. Freiheiten werden nicht abgeschafft, sondern inszeniert; Zugänge werden nicht verriegelt, sondern so gestaltet, dass man die Schwellen oft erst bemerkt, wenn man schon daran gescheitert ist. Das ist eine präzisere Beschreibung der Gegenwart als die alte Gegenüberstellung von Freiheit und Überwachung. Die Macht der Plattformen liegt gerade darin, dass sie beides ineinander falten: die Einladung und die Kontrolle, die Leichtigkeit und die Berechnung.

Von hier aus fällt auch neues Licht auf meinen älteren Text zur Computerkommunikation und auf die Rheinlandrunde-Debatte über den Niedergang regionaler Medien. Der Instinkt war richtig: Die klassischen Redaktionen verloren nicht bloß Auflage und Anzeigen, sondern ihren Status als privilegierte Sortiermaschinen des Öffentlichen. Falsch oder jedenfalls zu optimistisch war nur die Annahme, an die Stelle dieser alten Gatekeeper trete einfach eine offenere, demokratischere Suchordnung. In Wahrheit trat etwas Raffinierteres auf den Plan: eine Infrastruktur der Sichtbarkeit, die Öffentlichkeit nicht abschafft, sondern sie in berechenbare Mikrobewegungen zerlegt. Die Provinz verschwindet dann nicht deshalb aus dem Bild, weil niemand mehr über sie spricht, sondern weil sie im Datenraum keinen hinreichenden Reizwert mehr erzielt.

Vier Systeme, keine Erlösung

Baeckers zweite große Stärke liegt darin, dass er die Debatte aus der infantilen Zweierlogik Mensch gegen Maschine herausholt. Man müsse, schreibt er sinngemäß, nicht bis eins, sondern bis vier zählen. Technik, Organismus, Bewusstsein und Gesellschaft bilden jene Konstellation, in der digitale Prozesse überhaupt erst zu Wirklichkeit werden. Auf der einen Seite rechnen die Maschinen; auf der anderen interpretieren Körper, Geist und soziale Zusammenhänge. Die Schnittstelle ist keine harmonische Naht, sondern eine dauernde Übersetzungsarbeit, ein neuralgischer Übergang, an dem Missverständnisse, Überforderungen und plötzliche Evidenzen entstehen. Genau deshalb ist Digitalisierung kein bloß technisches, sondern ein kulturelles und institutionelles Ereignis.

Der vielleicht wichtigste Satz des Buches lautet: „Gesellschaft lässt sich nicht errechnen.“ Das ist keine Trotzformel des geisteswissenschaftlichen Feuilletons, sondern die sauberste Grenzmarkierung in einer Zeit, die ihre Modelle gern mit Wirklichkeit verwechselt. Baecker bestreitet nicht die Leistungsfähigkeit generativer und stochastischer Verfahren. Er unterschätzt sie gerade nicht. Aber er besteht darauf, dass eine soziologische Theorie keine Algorithmen des Sozialen liefert, sondern die Unberechenbarkeit jenes Zusammenhangs sichtbar macht, in dem Daten, Erwartungen, Situationen und Institutionen einander fortwährend umlagern. Der von ihm entworfene „Kalkül der Lage“ ist deshalb kein Herrschaftswissen, sondern der Versuch, die Form der Unübersicht mit begrifflicher Disziplin zu verfolgen.

Warum am Ende doch Luhmann gewinnt

Am schönsten wird das Buch dort, wo es drei Versuchungen der Gegenwart in einer knappen Reihung ordnet. Für Habermas tendiert Kommunikation, wenn man sie nur lange genug von Zwang freihält, zur „Vernunft“; für Michel Serres je nach parasitärem Geschick zum „Netzwerk“; für Luhmann, abhängig von produktiven Zufällen, zum „System“. Diese kleine Trias ist kein Seminarwitz, sondern ein Kompass. Denn genau zwischen diesen drei Polen schwankt die gesamte Debatte über Digitalisierung: zwischen der Hoffnung auf vernünftige Verständigung, der Faszination am Netz und der Einsicht, dass soziale Ordnungen sich nur aus kontingenten, selektiven, eigensinnigen Anschlüssen bilden.

Hier steht mein Satz also an seinem richtigen Ort. Luhmann statt Google heißt nicht: zurück in die Bibliothek, raus aus dem Netz. Es heißt: Die Suchmaschine bleibt innerhalb der Probleme, die sie technisch löst. Sie ordnet Zugriff, nicht Gesellschaft. Sie verbessert Auffindbarkeit, nicht Selbstverständigung. Sie sortiert, aber sie weiß nicht, was sie anrichtet, wenn das Sortieren selbst zur heimlichen Verfassung des Öffentlichen wird. Baeckers Buch liefert für diese Einsicht die Begriffe, die Schärfe und jene Kälte, ohne die Theorie rasch zu Weltanschauung gerinnt.

Darum ist dieses Buch mehr als eine Intervention in die KI-Debatte. Es ist eine Erinnerung daran, dass die Gesellschaft kein Dashboard ist. Sie ist kein Prompt, kein Modelloutput, kein sauber kuratierter Datenraum. Sie ist das Geräusch der Anschlüsse, das Knirschen der Übersetzungen, das Wiederauftauchen des Analogen im Innern der elegantesten Maschine. Gerade deshalb lohnt die Lektüre. Denn wer nach diesem Buch noch immer glaubt, Google erkläre die Gegenwart, verwechselt die Straßenkarte mit der Stadt.

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