
Axel Oppermann hat im Heise-Webcast die digitale Souveränität als Schlüssel zur strategischen Unabhängigkeit von Unternehmen beschrieben. Er differenziert sauber zwischen Autarkie, Autonomie und Souveränität, analysiert Risiken in drei Kategorien – real, abstrakt und wahrgenommen und entwickelt Instrumente wie die CIO-Souveränitätsmatrix, um Abhängigkeiten sichtbar zu machen. Doch am Ende bleibt die politische Pointe: Es fehlt eine konsistente deutsche und europäische Strategie. Ohne sie läuft der Ruf nach Souveränität Gefahr, zum wohlklingenden Schlagwort ohne Wirkung zu verkommen.

Das waren noch Zeiten.
Das Problem liegt tiefer: „Digitale Souveränität“ ist in Europa seit Jahren ein Sehnsuchtsprojekt. Von Chiracs gescheitertem Quaero – der europäischen Google-Alternative – bis zur „Cloud Made in Germany“ haben viele Initiativen große Worte, aber wenig Substanz geliefert. Subventionen, Symbolprojekte, nationale Alleingänge – sie zeigen eher die Fragmentierung Europas als seine Stärke.
Gleichzeitig sind deutsche Unternehmen längst global verflochten. Direktinvestitionen in den USA, in China oder Mexiko sind fester Bestandteil ihrer Wertschöpfungsstrategie. Umgekehrt sind chinesische Investitionen in Deutschland deutlich geringer. Wer in dieser Lage von „Rückverlagerung“ träumt, riskiert eine gefährliche Illusion. Studien des ifo-Instituts zeigen klar: Sowohl „Reshoring“ als auch „Nearshoring“ würden Deutschlands Wirtschaftsleistung schwächen, weil sie Produktivitätseinbußen und höhere Kosten nach sich ziehen. Auch kürzere Lieferketten sind nicht automatisch krisensicherer.
Die Alternative ist nicht Rückzug, sondern kluge Diversifikation. Janet Yellen hat dafür den Begriff des „Friendshoring“ geprägt: Handelsbeziehungen mit Partnern, die Werte und Interessen teilen. Doch auch das Konzept ist riskant. Außenpolitik folgt Interessen, nicht Freundschaften – Kissinger lässt grüßen. Zudem erschwert eine zu enge Blockbildung die Lösung globaler Probleme wie Klimawandel oder Pandemien. Multilaterale Handelsregeln und Allianzen sind daher langfristig stabiler als neue Abschottungslogiken.
Oppermanns Diagnose ist insofern richtig wie ernüchternd: Ohne politische Rahmensetzung bleibt digitale Souveränität ein Unternehmensproblem. Aber die Lösung kann nicht in einer renationalisierten Industriepolitik liegen. Europas Chance liegt darin, seine wirtschaftliche Macht durch offene Märkte, faire Handelsabkommen und eine gezielte Diversifizierung der Bezugsquellen auszuspielen. Investitionsgarantien, Rohstoffpartnerschaften, eine gestärkte Recyclingwirtschaft und innovationsfreundliche Rahmenbedingungen wären realistischere Hebel als der Traum von einer souveränen „Airbus-Cloud“.
Digitale Souveränität – so verstanden – ist weniger eine Festung als ein Netzwerk. Sie entsteht nicht durch Rückzug, sondern durch die Fähigkeit, Abhängigkeiten zu managen, Optionen offen zu halten und Resilienz aufzubauen. Wenn Europa diesen Weg nicht findet, bleibt das Schlagwort, das heute Konferenzen und Webcasts füllt, tatsächlich nur eine Chimäre.