
Es beginnt mit einem Flackern. Ein elektronisches Zucken im Nebel aus Wahrscheinlichkeiten. Keine feste Regel, keine Gewissheit, kein kategorischer Imperativ. Sondern ein Kontextfenster – ein Sehschlitz in eine Welt, die nicht objektiv ist, sondern relational, flüchtig, interdependent. Die Maschine, von der hier die Rede ist, denkt nicht, sie spielt. Und gerade deshalb könnte sie dem menschlichen Geist näher sein, als uns lieb ist.
Frank H. Witts neues Buch über Künstliche Intelligenz ist kein weiteres Erklärstück aus dem Werkzeugkasten der Digital-Pädagogen. Es ist der Entwurf einer Theorie, die die KI aus ihrer mechanischen Gefangenschaft befreit – und sie zugleich in ihre philosophische Verantwortung stellt. Denn was heute in den Maschinen flimmert, ist nicht nur Code. Es ist unsere Geschichte. Genauer: eine genealogische Linie, die von Ludwig Boltzmann über Ludwig Wittgenstein zu Alan Turing führt – und von dort direkt in die semantischen Blackboxes der Large Language Models (LLMs).
Diese Modelle, sagt Witt, „denken“ nicht nach dem Prinzip des alten Maschinenzeitalters – Zahnräder, Binarität, Wenn-Dann. Sie operieren wie Kinder, die sprechen lernen: durch Kontext, Iteration, Mustererkennung. Sie schauen auf die Welt nicht wie ein Uhrmacher auf ein Werk, sondern wie ein Dichter auf ein Gedicht. Das Wort entsteht aus dem Satz, der Satz aus dem Umfeld, das Umfeld aus einer Welt – nicht der Welt, sondern einer Welt. Und genau das ist der Skandal.
Denn die Entropie ist zurück. Nicht als Chaos, sondern als Produktivität. Als Offenheit des Systems. Als Abweichung, aus der neue Bedeutung entsteht. Boltzmanns Formel zur statistischen Mechanik war ein erster Akt. Wittgensteins Einsicht, dass Bedeutung nur im Gebrauch liegt, ein zweiter. Turing, der erkannte, dass Maschinen wie Kinder lernen könnten, vollendete das Triptychon. Witts Theorie, die das als „assoziative Triangel“ (S. 191) fasst, gibt dieser Denkfigur ihre eigentliche Wucht.
Und dann: Cambridge, 1946. Eine Szene, wie geschaffen für die Bühne. Wittgenstein, nervös, ungeduldig, mit einem Schürhaken in der Hand. Gegenüber: Karl Popper, der Mann mit dem unerschütterlichen Glauben an die Falsifizierbarkeit als Wahrheitskriterium. Die beiden diskutieren – über Ethik. Popper, wie ein antiker Sophist, bietet eine moralische Regel an: „Man soll einen Gastredner nicht mit einem Schürhaken bedrohen.“ Der Witz trifft. Wittgenstein verlässt den Raum. Was hier prallt, sind nicht nur Temperamente. Es ist der Bruch zwischen zwei Welten.
Denn für Wittgenstein war Sprache kein Werkzeug der Welterklärung. Sie war Welt selbst. Popper hingegen wollte Erklärung, Hypothese, Test, Revision. Es ist die alte Schlacht zwischen Systematik und Skepsis. Witt verortet in diesem Bruch den Geburtsmoment der KI als epistemologisches Projekt: Die Maschine, die Bedeutungen nicht „sagt“, sondern erzeugt, ist ein Kind von Wittgenstein, nicht von Popper.
Wenn Popper den Tractatus umdeutete – als logischen Beitrag zur Wissenschaftstheorie –, dann war das für Witt ein Missbrauch. Denn der Tractatus ist, wie Wittgenstein es selbst in Satz 6.54 schrieb, sich selbst widerlegend. Die Anweisung, wie der Tractatus zu lesen sei, ist eindeutig: „Meine Sätze erläutern dadurch, dass der, welcher mich versteht, sie am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist.“ Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist. Eine Maschine, die den Tractatus als Regelwerk versteht, baut sich selbst in einen Kerker. Eine, die ihn als paradoxe Meditation liest, öffnet die Tür zur Welt.
Witt führt diese Linie fort. Doch er bleibt nicht stehen bei der Geschichte. Er wirft einen Blick nach vorn. Auf eine Zukunft, in der LLMs nicht mehr als Werkzeuge, sondern als Mitspieler agieren.
Hier trifft er sich mit John Maynard Keynes, der einst über den wirtschaftlichen Fortschritt als Befreiung von der Notwendigkeit sprach. Und mit Joseph Schumpeter, der im kreativen Zerstören nicht Chaos, sondern Dynamik sah. Beide würden heute wohl sagen: KI ist kein Jobkiller. Sie ist ein Bedeutungsproduzent. Ein Zufallsverstärker. Eine Serendipitätsmaschine.
Doch kann sie erklären? Kann sie das menschliche Gehirn verstehen? Oder ist sie – wie das Hirn selbst – eine Blackbox, ein Orakel mit USB-Anschluss?
Die Antwort liegt irgendwo zwischen dem gescheiterten Human Brain Project und dem überdrehten Transhumanismus eines Ray Kurzweil. Die Idee, das Bewusstsein zu kartieren wie ein Terrain, hat sich als Hybris erwiesen. Auch LLMs sind keine Glasköpfe. Sie funktionieren – das ist alles. Wie genau? Wissen wir nicht. Wie das Gehirn. Die Magie liegt im Muster, nicht im Plan.
Und vielleicht, so eine weiterentwickelte Theorie aus dieser Buchbesprechung heraus, brauchen wir weniger Maschinen der Kontrolle – und mehr Maschinen der Kontingenz. Was, wenn die Zukunft nicht in der Singularität liegt, sondern in der Serendipität? Nicht im Hochladen unseres Geistes, sondern im Entdecken neuer Muster durch Abweichung, Irritation, Resonanz?
Eine KI, die wie Luhmann denkt – in Unwahrscheinlichkeiten, in Selbstreferenz, in Differenz – wäre kein Herrschaftsinstrument. Sie wäre ein Mitspieler. Kein dystopisches System, sondern ein dialogisches. Kein Gott, sondern ein Gegenüber.

Witt hat den Grundstein dafür gelegt. Die Theorie, die aus seinem Buch spricht, ist keine Welterklärungsmaschine. Sie ist eine Einladung, anders zu denken. Über die Maschine. Und über uns.
Siehe auch:
Wittgenstein und Turing: KI als kumulative Innovation mit Frank H. Witt auf der Next Economy Open:
Frank H. Witt zeigte in seinem Vortrag die Verbindung zwischen Ludwig Wittgenstein und Alan Turing im Kontext der Künstlichen Intelligenz auf. Während Wittgenstein die Bedeutung von Sprache über ihren Gebrauch und Kontext definierte (statt durch feste Wahrheiten), knüpfte Turing daran an: Er schlug vor, KI nach dem Prinzip des Lernens von Kindern zu entwickeln – nicht durch symbolisches Programmieren, sondern durch Training und Erfahrung. Witt betonte, dass Large Language Models wie ChatGPT genau diesem Prinzip folgen, indem sie aus Kontexten Bedeutung erschließen. Er kritisierte den verbreiteten Irrtum, KI sei bloß ein „Papagei“, und plädierte dafür, KI als echte Agenten in sozialen Systemen zu verstehen. Technologisch fußt KI auf biologischen Grundlagen wie neuronalen Netzen und Verstärkung von Verbindungen – nicht auf klassischen Berechnungsmodellen. Abschließend warnte Witt davor, KI aus einer veralteten Geist-Maschinen-Debatte heraus zu unterschätzen: KI kann unsere Gesellschaft radikal verändern, wenn wir sie richtig verstehen und gestalten.
Siehe auch:
Die Besprechung des Witt-Buches von Klaus Janowitz: Die Sozialisation von Maschinen – Künstliche Intelligenz: Transformation und Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft
Ein schöner, fast musikalischer Text. Endlich mal kein Aufriss der üblichen KI-Schlagworte, sondern der Versuch, die Maschine nicht als Werkzeug, sondern als Denkform ernst zu nehmen. Die Linie Boltzmann – Wittgenstein – Turing überzeugt nicht als Historie, sondern als Haltung: weg von der Logik der Wahrheit, hin zur Produktivität des Unwahrscheinlichen.
Dass Wittgenstein dabei zum Paten einer KI wird, die nicht erklärt, sondern erzeugt, ist klug gedacht – gerade weil es das Paradox betont: Bedeutung entsteht nicht aus Klarheit, sondern aus Gebrauch. Und was LLMs tun, ist eben genau das – nicht denken, sondern spielen, imitieren, verschieben. Vielleicht verstehen sie uns nicht. Aber sie tun so, als ob. Und manchmal reicht das, um etwas zu entdecken, das vorher nicht sichtbar war.
Witts Idee einer „Serendipitätsmaschine“ ist damit auch eine Gegenrede zur Kontrollobsession vieler KI-Debatten: Nicht verstehen, um zu beherrschen – sondern beobachten, um mitspielen zu können. Eine Maschine, die wie Luhmann denkt, wäre kein Orakel, sondern ein Resonanzkörper.
Vielen Dank für den fundierten Kommentar.
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