
Es ist eine merkwürdige Zeit. Eine Zeit, in der sich intellektuelle Autorität nicht mehr aus Wissen speist, sondern aus Sichtbarkeit. Eine Zeit, in der Ratgeber zu Propheten stilisiert werden – je kürzer der Satz, desto größer das Vertrauen. Je apodiktischer die Aussage, desto viraler ihre Verbreitung.
Man muss nicht lange suchen, um zu verstehen, wie sehr sich unsere politische Kultur der praktischen Vernunft unterworfen hat – oder besser: einem Zerrbild davon. Praktiker, so heißt es, hätten das „echte Leben“ erlebt, sie wüssten, was „funktioniert“. Ihre Erfahrung, ihre Nähe zur Realität, ihr „Hausverstand“ – all das wird als Antidot gegen vermeintliche Abstraktion, gegen Theorie, gegen Wissenschaft ins Feld geführt.
Doch genau hier beginnt das Problem.
Wer etwa in diesen Tagen die Reaktionen auf US-Finanzminister Scott Bessent verfolgt, auf Jamie Dimon oder Peter Thiel, der merkt schnell: Der Glaube an den „weisen Kapitalisten“, an den Seher mit Businessplan, bleibt ungebrochen – selbst wenn sich dessen Aussagen im Rückblick als falsch, widersprüchlich oder schlicht phantastisch erweisen. Es reicht offenbar, Hedgefonds-Manager, Tech-Investor oder CEO zu sein, um in der politischen Debatte als Orakel anerkannt zu werden.
Dabei ist diese Verwechslung von Erfolg mit Wahrheit, von Macht mit Urteilskraft, nicht neu. Doch sie gewinnt in einer Welt, in der Rationalität zunehmend durch Narrative ersetzt wird, eine neue Wucht.
Die Figur des Gurus – und sei er im Maßanzug der Silicon Valley-Elite gekleidet – ist nicht weniger irrational als die des mittelalterlichen Propheten. Was sie vereint, ist ihr Anspruch: Sie behaupten, das Kommende zu kennen. Und sie tun dies nicht trotz, sondern wegen ihrer Distanz zur Wissenschaft.
Denn Wissenschaft – im besten Sinn des Wortes – ist heute unsexy geworden. Ihre Sprache ist vorsichtig, ihre Methoden langsam, ihr Fortschritt iterativ. Sie liefert keine Schlagzeilen, keine Pointen, keine Gewissheiten. Sie weiß, was sie nicht weiß.
Diese epistemische Bescheidenheit aber verträgt sich schlecht mit der politischen Ökonomie medialer Aufmerksamkeit. Wer Gehör finden will, muss den Ton der Autorität treffen – nicht den der Zweifelnden.
Die Konsequenz ist gravierend: Wirtschaftspolitik, Klima- und Energiepolitik, selbst Sicherheitsfragen – sie werden zunehmend aus dem Bauch heraus entschieden. Der Kanzler, so hieß es in der Energiekrise, habe „den Praktikern vertraut“. Gemeint waren CEOs. Unternehmensberater. Netzwerker. Männer mit schnellen Antworten.
Die Theoretiker – also jene, die sich mit strukturellen Zusammenhängen, mit langfristigen Wirkungen und empirischer Evidenz befassen – wurden übergangen, verspottet oder in die Rolle der Bedenkenträger verbannt.
Dabei ist Theorie keine Weltflucht. Sie ist – im Gegenteil – der Versuch, der Komplexität dieser Welt gerecht zu werden. Sie zwingt zur Prüfung. Zur Kontextualisierung. Zur Auseinandersetzung mit der Geschichte.
Denn wer sich allein auf das verlässt, „was funktioniert“, der denkt nicht. Er reagiert.
Der Rückzug auf praktische Intelligenz, auf Erfahrung und Intuition, mag in Krisensituationen kurzfristig helfen. Aber er ersetzt nicht das Denken in Szenarien, das Durchspielen von Alternativen, das Infragestellen der eigenen Prämissen.
Das Pathos des Praktikers ist gefährlich, wenn es die intellektuelle Durchdringung ersetzt. Und es ist nicht zufällig, dass viele dieser Praktiker mit einem beinahe messianischen Gestus auftreten: Sie allein, so scheint es, verstehen, was vor uns liegt.
Die Figur des „Gurus“ lebt von dieser Inszenierung. Er ist derjenige, der Komplexität auflöst, indem er sie mythologisiert. Der Apokalypse ruft, wo Analyse gefragt wäre. Der von „Endzeit“ spricht, wo langfristige Reformen notwendig wären. Dass er dabei nicht selten mit pseudo-religiösen Motiven spielt – sei es aus der Bibel oder aus Science-Fiction – ist kein Zufall. Es ist die Ersetzung der Vernunft durch Mythos.
Doch der Preis ist hoch.
Denn Politik, die sich auf solche Ratgeber verlässt, wird selbst irrational. Sie verliert die Fähigkeit zur Korrektur. Sie verwechselt Führung mit Charisma. Und sie blendet die Möglichkeit des Irrtums systematisch aus.
Was wir brauchen, ist kein neuer Guru. Kein neuer „Macher“. Kein CEO im Kanzleramt.
Was wir brauchen, ist ein neues Vertrauen in das, was sich prüfen lässt. In das, was sich begründen lässt. In das, was sich – im Zweifel – auch widerlegen lässt.
Die Wahrheit beginnt dort, wo jemand sagt: „Ich bin mir nicht sicher.“
Und es ist Zeit, wieder auf diese Stimmen zu hören.
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