Die Droge der Normalität: Amerika am Abgrund @BachmannRudi

Geschichte wiederholt sich nicht, heißt es – aber sie räuspert sich. Rudi Bachmann, Ökonom und scharfer Beobachter der US-Politik, hat auf TwitterX einen Befund geliefert, der an Klarheit kaum zu übertreffen ist: Die amerikanische Demokratie lebt gefährlich. Sie ist nicht in den Händen eines einzelnen Autokraten, sondern gefangen in einem Netz aus Machtgier, Feigheit und der trügerischen Hoffnung, es werde schon alles gut gehen.

Angst als politisches Klima

„Wir sind alle verängstigt“, gestand selbst die republikanische Senatorin Lisa Murkowski – Angst vor Vergeltung, Angst davor, die Stimme zu erheben. Bachmann deutet dieses Klima nicht als Randphänomen, sondern als Symptom einer Demokratie, deren Institutionen noch stehen, deren Nervensystem aber von Einschüchterung und Loyalitätstests durchzogen ist.

Anders als in Deutschland, so Bachmann, gibt es in den USA keinen institutionellen Oppositionsführer im Parlament. Niemand, der die Regierung Tag für Tag vor sich hertreibt. Die Opposition ist fragmentiert, die Demokraten lavieren – und verharren in einem verhängnisvollen Normalcy Bias.

Die Droge der Normalität

Der Normalcy Bias ist mehr als ein akademischer Begriff. Er ist das Betäubungsmittel der politischen Klasse: die Weigerung, das Ungeheuerliche zu sehen, solange es noch Zeit zum Handeln gäbe. Man tut so, als spielten alle noch nach den alten Regeln, obwohl die Gegenseite längst das Spielbrett verschoben hat.

Es ist das Bild des Mannes, der auf den Schienen steht, den Zug heranrasen sieht, die Erde beben spürt – und dennoch denkt: „Er wird schon rechtzeitig bremsen.“ Genau so verhalten sich die Demokraten, die abwarten wollen, bis die Midterms vorüber sind, um dann den Präsidentschaftswahlkampf zu eröffnen. Doch Trump und seine Bewegung arbeiten längst daran, die Spielregeln selbst zu diktieren.

Die erschöpfte Gesellschaft

Bachmann stellt die Frage, warum es keinen Aufschrei gibt, keinen Generalstreik, kein „revolutionäres Herzblut“. Seine Antwort ist ernüchternd: Trump hat Teile der Arbeiter- und Gewerkschaftsschicht für sich gewonnen. Und ohne Kohle-, Stahl- oder Transportarbeiter entfalten Streiks keine politische Macht. Würden Journalisten, Professoren oder Anwälte streiken, so Bachmann, man würde sie auslachen – und entlassen.

Dazu kommt ein zweiter Faktor: die Waffen. Wer in den USA streikt, weiß, dass die Gegenseite nicht nur rhetorisch aufrüstet. Die Drohung des Second Amendments hängt über jedem Versuch einer zivilgesellschaftlichen Mobilisierung wie ein Damoklesschwert.

Das Beispiel Murrow

Und hier betritt Edward R. Murrow die Bühne – nicht als Figur aus der Vergangenheit, sondern als Handlungsanweisung für die Gegenwart. Er war der Journalist, der McCarthy nicht mit Lautstärke, sondern mit Präzision entwaffnete. Mit dem Florett der Ironie und dem Schwert der moralischen Klarheit.

Murrow ließ McCarthy mit seinen eigenen Worten auffliegen. Er verstand, dass in Zeiten der Angst die Wahrheit nur dann durchdringt, wenn man sie in aller Nüchternheit präsentiert. Sein Mantra: „Anklage ist nicht Beweis.“

Murrow zeigte, dass Journalismus nicht neutral sein darf, wenn Neutralität bedeutet, der Lüge denselben Raum zu geben wie der Wahrheit. Sein Mut bestand darin, dass er wusste: Schweigen hätte ihn unantastbar gemacht – doch nur das Reden konnte die Demokratie retten.

Journalismus als Loyalitätstest

Heute stehen wir wieder vor einem „Loyalty Test“. Nicht für Pentagon-Angestellte wie Annie Lee Moss in den 1950er Jahren, sondern für Journalisten, Intellektuelle, Bürger. Loyalität gegenüber der Wahrheit oder Loyalität gegenüber der Macht?

Bachmann zeigt, wie sehr die amerikanische Demokratie in den Händen der Feigheit und der Gewöhnung hängt. Murrow zeigt, wie sie sich retten könnte: durch den unermüdlichen Akt des Sichtbarmachens, durch das Beharren auf Evidenz, durch die Weigerung, sich einschüchtern zu lassen.

Mit Florett und Schwert

Der Trumpismus testet die Demokratie auf ihre Loyalität zu sich selbst. Elon Musk liefert die digitale Infrastruktur, um diesen Test zu verschärfen – indem er Desinformation verstärkt und Kritik zum Schweigen bringt.

Die Antwort kann nur doppelt sein: das Florett der Recherche, das jede Lüge punktgenau durchstößt, und das Schwert der Haltung, das dort zuschlägt, wo das Fundament der Demokratie angegriffen wird.

Murrow verabschiedete seine Zuschauer einst mit „Good night, and good luck“. Heute müsste man hinzufügen: Glück ist nicht genug. Es braucht Mut.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.