
Die Digitalisierung ist gescheitert, weil sie nie stattgefunden hat. Stattdessen wurde sie als Dämon in den Köpfen installiert, als schwarzes Loch, in das Mittelständler, Vorstände und Ministeriumsbürokraten nur noch starren, hypnotisiert von den Prophetien der Berater, die längst selbst zu ihrer eigenen Simulation geworden sind.
Die große Erzählung der digitalen Zukunft, die überall auf Bühnen, in Studien, Büchern und LinkedIn-Posts herabregnet, ist nichts weiter als eine Kulisse aus Papiermaché. Wenn die Scheinwerfer ausgehen, bleibt nur ein leerer Raum voller Buzzwords, die an den Wänden kleben wie feuchte, abgenutzte Post-its aus einer Workshop-Hölle, in der sich selbsternannte Experten gegenseitig mit Konzepten füttern, die keiner mehr versteht, die keiner jemals umgesetzt sehen will.
Die Angst wird gepflegt, weil sie sich verkaufen lässt. Sie ist das eigentliche Produkt. Nicht die Technik, nicht die Lösungen, nicht die Maschinen, sondern die permanente Drohung, man sei schon zu spät, man könne nie mehr aufholen, man müsse jetzt, jetzt, jetzt digitalisieren – sonst kommt der Absturz. Aber wer genau stürzt eigentlich ab? Es sind nicht die Unternehmen, nicht die Führungskräfte in Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Verbänden. Es sind die Prediger selbst, die sich immer radikaler überbieten müssen, um noch gehört zu werden.
Die Verdummung durch Überwältigung
Man nimmt eine Handvoll Begriffe, mischt sie neu zusammen, schüttelt sie in Konferenzräumen, die so steril und generisch sind, dass man sie überall auf der Welt kopieren könnte, und heraus kommt der immer gleiche Satz: „Wir müssen umdenken.“ Oder: „Das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz beginnt jetzt.“ Oder: „Disruption bedeutet Chance.“ Die Wörter sind leer, weil sie nur für sich selbst existieren.
Und währenddessen? Währenddessen rutscht die Realität immer weiter aus dem Bild. Denn die, die wirklich Dinge bauen, die forschen, die codieren, die installieren, die programmieren, die im Lärm der Rechenzentren und in den Labors der Unternehmen stehen, die kommen in diesen Narrativen gar nicht vor. Stattdessen regieren die Alarmisten, die mit ausgestreckten Armen auf die Apokalypse der „Digitalen Transformation“ zeigen, die immer knapp bevorsteht, aber nie eintritt.
Die Kunst des Falschverstehens
Deutschland hat ein besonderes Talent dafür entwickelt, Fortschritt als Bedrohung zu inszenieren. Es beginnt in den Talkshows mit schlecht vorbereiteten Moderatoren, die mit skeptischer Miene fragen: „Aber wollen wir das wirklich?“ Und es endet bei auswechselbaren Think Tanks, die in Studien die Innovationskraft des Landes beschwören, während sie gleichzeitig vor neuen Technologien warnen.
Die wirklich relevanten Fragen – Was funktioniert? Was funktioniert nicht? Warum? – werden verdrängt durch eine Dauerbeschallung aus Schlagworten, die man für schlau hält, aber nur Lärm sind. Wer eine KI nicht erklären kann, die nicht funktioniert, erklärt stattdessen, dass sie „bald alles verändern wird“. Und wenn sie dann nicht verändert, dann ist das Management schuld, das einfach nicht innovativ genug ist.
Das Ende des Denkens
Die Angstindustrie wird weiterlaufen. Sie wird neue Begriffe erfinden, neue Bedrohungen heraufbeschwören, neue Propheten produzieren, die sich gegenseitig zu übertrumpfen versuchen. Und irgendwann, irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft, wird das Wort „Digitalisierung“ so tot sein wie die Disruption, wird es eine Vergangenheit sein, über die niemand mehr sprechen will, weil sich zu viele daran verbrannt haben.
Und dann? Dann beginnt das Spiel von vorn. Mit einem neuen Wort, einer neuen Angst, einer neuen Industrie.
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