
Sonntagabend im WDR Funkhaus zu Köln. Ein Raum voller Zuhörerinnen und Zuhörer. Auf der Bühne: eine Schauspielerin, ein Autor, eine Essayistin. Und zwischen ihnen, fast körperlich spürbar: die Stimme von Thomas Mann. Nicht der Literaturnobelpreisträger, nicht der Familienchronist – sondern der politische Exilant, der Moralist in einer Zeit der Barbarei.
An diesem Abend der Phil.Cologne liest Maria Schrader aus den Rundfunkreden, die Thomas Mann zwischen 1940 und 1945 aus den USA via BBC nach Deutschland senden ließ: „Deutsche Hörer!“ – 58 Reden, durchdrungen von einer Klarheit, wie sie heute kaum noch gewagt wird. Es sind Worte, die anklagen, differenzieren, erklären – ohne zu beschönigen. Worte, die lange verdrängt wurden.
Kiyak gibt Thomas Mann seine politische Wucht zurück
Mely Kiyak, die diese Reden nun im S. Fischer Verlag neu herausgegeben hat, befreit Thomas Mann aus dem Schonkostformat deutscher Bildungskanonisierung. Ihr Vor- und Nachwort – so macht das Gespräch mit Moderator Daniel Schreiber deutlich – ist eine Arbeit am Gedächtnis. Denn die Bundesrepublik Deutschland der fünfziger Jahre konnte mit einem Thomas Mann, der offen über KZs, Gaskammern, Schuld und Mitschuld sprach, nichts anfangen. Er störte das Bild vom stillen Wiederaufbau. Vom ach so „unpolitischen“ Volk.
Kiyak spricht mit jener intellektuellen Schärfe, die nichts entschuldigt und doch alles differenziert. Sie legt offen, wie Thomas Mann sich – im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen – nicht ins Private zurückzog. Wie er politischer wurde, je länger der Krieg dauerte. Wie er sich dem Antisemitismus nicht nur widersetzte, sondern ihn zur Sache der deutschen Identität erklärte: Wer schweigt, stimmt zu.

Und sie sagt mehr. Viel mehr.
Kiyak erinnert daran, dass unser Bild von Thomas Mann weniger aus seiner Literatur als aus Jahrzehnten selektiver Germanistik stammt. Was wir zu wissen glauben – über seine Rolle als Vater, Ehemann, Lübecker, über seine Triebe, sein Schweigen, seine Homoerotik – ist geprägt von einer Forschung, die sich aus Tagebüchern und Briefen herauspickte, was zu ihren Thesen passte. Und es ist kein Zufall, dass gerade jene Aspekte – intime, sexuelle, private – immer wieder auf Interesse stoßen, während der politische Mann marginalisiert blieb. Ein „comic-haftes Bild“, sagt sie, das dem vielfältigen, widersprüchlichen, zutiefst politischen Menschen Thomas Mann kaum gerecht wird.
Vor allem aber: Thomas Mann war ein linker Autor. Nicht liberal-konservativ, wie viele glauben. Er war ein entschiedener Antifaschist, ein Verteidiger der Gewerkschaften, ein Intellektueller im Widerstand – weit vor seiner Emigration. Und er war ein politischer Flüchtling. Das Wort „Exil“, so Kiyak, sei zu harmlos: Mann und seine Familie wurden verfolgt. Die Geschichte der Manns ist eine Geschichte des schriftstellerischen Widerstands – gegen die Verführung, gegen das Wegsehen, gegen das Vergessen.
Kiyak spricht auch über den antidemokratischen Unterton, der Mann noch nach dem Krieg entgegenschlug. Über die Umfrage, ob er zurückkehren solle – und das mehrheitliche „Nein“. Über den Antisemitismus, der ihn und seinen Bruder Heinrich an der Zugehörigkeit zum deutschen „Volkstum“ zweifeln ließ. Und sie gesteht, dass es Mut brauchte, sich von der gängigen Rezeptionsgeschichte zu emanzipieren. Als Schriftstellerin, nicht als Germanistin. Aber: Es war notwendig. Und befreiend. Bestärkt wurde sie von Germanisten wie Kai Sina, die dasselbe Problem haben: Wie kann man sich gegen Jahrzehnte kanonisierter Thomas-Mann-Interpretation behaupten?
Was hier zur Sprache kommt, ist nicht bloß ein neues Bild Thomas Manns. Es ist ein Angriff auf eine akademische Tradition, die – so Kiyak – nach 1945 aktiv daran arbeitete, den politischen Thomas Mann zu marginalisieren. Kein „blinder Fleck“, sondern eine bewusste Umschreibung. Die „völkische Germanistik“, sagt Kiyak, habe dafür gesorgt, dass Thomas Manns radikaldemokratische, antifaschistische Stimme verstummte.
Schrader gibt der Wahrheit eine Stimme

Maria Schrader trägt diese Texte mit stiller Intensität vor. Keine Inszenierung, kein Pathos. Aber eine Präsenz, die das Publikum zwingt zuzuhören. Als sie die berühmte Rede vom 17. Oktober 1943 liest – „Das deutsche Volk muss die Wahrheit hören.“ – ist es, als würde Thomas Mann selbst im Saal stehen. Seine Worte: nicht appellativ, sondern notwendig.
Schrader erinnert an Stefan Zweig, an sein Verstummen im Exil. An den Moment, in dem der Glaube an Europa, an das Wort, an die Vernunft zerbrach. Zweig wählte den Freitod – Thomas Mann dagegen die Rede. Der eine zerbrach an der Ohnmacht, der andere fand in ihr seine Stimme.
Ein Abend über Sprache als Widerstand
Das Publikum im Funkhaus war klug genug, die Brisanz dieses Abends zu spüren. Was hier verhandelt wurde, war nicht nur Literaturgeschichte, sondern das Verhältnis eines Landes zu seiner Vergangenheit – und zur Wahrheit.
Dass Thomas Mann heute wieder so spricht – durch Schrader, durch Kiyak, durch das gedruckte Wort – ist mehr als eine editorische Leistung. Es ist ein Zeichen. Dass der demokratische Streit um Verantwortung, Schuld und Sprache noch nicht abgeschlossen ist. Und dass Exil, wie Thomas Mann es lebte, nicht nur Flucht, sondern eine Form der Treue sein kann: zur Vernunft, zur Aufklärung, zum Menschen.