Der Moral-Spießer als Zensor – Reloaded

Du willst also ein Buch lesen? Dann mach dich auf etwas gefasst. Vor dir liegt nicht nur ein Roman, ein Essay oder ein Gedichtband. Nein – du betrittst ein vermintes Gelände. Die Bibliothek deines Vertrauens, diese einst ehrwürdige Bastion der Aufklärung, reicht dir das Buch nicht mehr kommentarlos über die Theke. Sie steckt dir vorher einen Zettel ins Regal: „Achtung, dieses Werk enthält umstrittene Inhalte.“ Und damit nicht genug: „Wir stellen es nur aus Gründen der Meinungs- und Informationsfreiheit zur Verfügung.“

Na bravo. Das Buch als Verdachtsmoment. Der Autor unter Kuratel. Und du? Ein möglicher Gesinnungstäter. Willkommen im Zeitalter der vorauseilenden Gesinnungshygiene.

Was hier passiert, ist kein Service – das ist Maßregelung. Der neue Moral-Spießer, der sich da zwischen dich und deine Lektüre drängt, will dich nicht warnen, sondern lenken. Er glaubt, du könntest dich an Worten vergiften. Dass du Sherlock Holmes nicht mehr als faszinierenden Sonderling siehst, sondern als Vorbild für den nächsten Kokainrausch. Dass du, kaum hast du Max und Moritz gelesen, die erste Schrotflinte zückst, um einem Lehrer die Pfeife zu sprengen. Und Lucky Luke? Lebensgefährlich! Der Mann hat geraucht – früher. Und er jagt Banditen, ohne vorher das Diversity-Training abgeschlossen zu haben.

Was du lesen darfst, entscheiden heute kleine Komitees der moralischen Weltrettung. Und dabei geht es längst nicht mehr nur um Inhalte. Es geht ums Prinzip: Nur Werke mit der richtigen Haltung. Nur Autoren mit dem korrekten moralischen Rucksack. Nur Geschichten, die niemandem wehtun. Also eigentlich: gar keine mehr.

Früher nannte man das Zensur. Heute heißt es „Einordnungshilfe“. Klingt sanft. Ist aber autoritär. Und es kommt nicht mehr nur von oben – also vom Staat – sondern von überall: aus Redaktionen, Feuilletons, Elternbeiräten, Hochschulgremien, Corporate-Responsibility-Abteilungen, Influencern mit Ethikprofil. Die alten Tugendwächter des „Volkswartbunds“ würden heute glatt bei Netflix im Content-Board sitzen und Max und Moritz aus dem Programm nehmen – wegen Gewalt gegen Geflügel und Sprengstoff-Fantasien im Klassenzimmer.

Und der Leser? Wird behandelt wie ein debiles Kind. Die Kant’sche Idee der Aufklärung – „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ – ersetzt durch: Vertraue lieber unserem Gremium. Wir filtern schon vor, was für dich zumutbar ist.

Dabei wird alles zur Angriffsfläche: das Rotkäppchen mit Wein im Korb – Alkoholismus! Die Grimmschen Märchen – fatshaming! Wilhelm Busch – toxische Männlichkeit! Sherlock Holmes – Drogenverharmlosung! Das Leben selbst – zu widersprüchlich!

Und die Moral-Spießer? Sie arbeiten emsig an der Welt von morgen: einer hygienisch gereinigten Literatur mit Kaffee statt Whisky, Dinkel statt Griebenwurst, Smoothie statt Lebenslust. Der Genuss? Ein potenzielles Risiko. Das Denken? Nur unter Anleitung.

Es ist die Rückkehr der Repression durch die Hintertür – gut verpackt, im Softshell-Jargon der Gesinnungsethik. Aber du spürst, wie das Atmen enger wird. Wie aus dem offenen Buch ein Fluchtraum wird. Wie die Idee der Freiheit im Blätterrauschen erstickt.

Mach dir klar: Wenn wir anfangen, vor jedem Gedanken eine Triggerbremse zu setzen, dann wird das Denken zum Stillstand gebracht. Dann wird Literatur zur betreuten Zone. Und Bibliotheken zu ideologischen Schutzzonen, in denen keine Meinung mehr wildern darf.

Also lies, was du willst. Und lies es ohne Vorwarnung. Denk selber. Und wenn dich ein Text aufwühlt, dann atme nicht in eine Papiertüte – sondern diskutier. Widersprich. Reagiere – wie ein freier Mensch. Aber bitte: Hör auf, dich bei jedem Satz zu fragen, ob du ihn denken darfst. Sonst wird irgendwann auch der Gedanke selbst zum Risikofaktor. Und dann stehen sie wieder vor deiner Tür – mit einem Formular in der Hand und dem Satz auf den Lippen: „Dieses Exemplar wird aus Gründen der Informationsfreiheit zur Verfügung gestellt…“

Na dann, gute Nacht, Literatur. Und gute Besserung, Lesende.

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