
„Ich habe Meetings, also bin ich.“ Es ist eine der größten Lügen der Gegenwart, dieser bürokratische Narzissmus, der als Berufsethik durchgeht. Und jetzt, ganz neu: Coffee Badging. Ein dramaturgisches Meisterstück der Post-Zoom-Generation. Morgens ins Büro, den Chip an den Scanner halten – bip – und ab durch die Mitte. Die Täuschung als Kunstform! Wer hätte gedacht, dass man mit einem Badge und einem Espresso das Dasein als produktiver Mitarbeiter vortäuschen kann?
Und natürlich wird der jungen Generation der Schwarze Peter zugeschoben: Sie seien die Erfinder dieser „Verweigerungskultur“, die Meister des subtilen Arbeitsplatz-Ausstiegs. Dabei ist die Inszenierung des Arbeitsmüßiggangs so alt wie der Kaffeefleck auf dem Berichtsheft eines Wirtschaftsprüfers. Die Alten nannten es früher „auf Dienstreise“ – dass man nie rausfand, wohin genau, lag wohl an der fehlenden GPS-Technik.
Kreative Pause oder innerer Rückzug?
Die heutige Debatte über „stille Ferien“ und „Workplace Cheating“ ignoriert das Wesentliche: Seit Jahrzehnten simuliert jede Altersgruppe Arbeit, egal ob mit gefälschten Excel-Sheets, endlosen PowerPoint-Kaskaden oder Meeting-Marathons, die der ultimative Beweis für Daseinsberechtigung sind. Ironie der Sache? Diese Meetings erzeugen genau nichts – außer dem Bedarf für weitere Meetings. Der „Modus Dienst nach Vorschrift“? Gallup sagt: 70 Prozent. Zynismus? Pflichtprogramm.
Der Soziologe Dirk Baecker sagt: Zynismus ist die letzte Form der intelligenten Beobachtung. Stimmt. Der Zyniker sitzt mit verschränkten Armen im Kreis der Knetmasse-Motivationsgruppe, nickt zum „Ich fühle mich just great“-Mantra und denkt sich: „Was für ein Bullshit-Bingo aus Ziel, Strategie und Synergien.“ Denn wenn die Synergien nicht kommen, leidet die Rendite. Die Rendite leidet immer.
Der Chef als Schauspieler
Und dann kommt der Manager mit den Autoverkäufer-Sprüchen. Vielleicht trägt er ein offenes Sakko und eine Rolex, vielleicht heißt er Dirk oder Klaus, vielleicht war er mal Torwart in einer Profiliga. Er hebt an, eine Brandrede zu halten, irgendwas mit „Zusammenhalt“, „Innovation“ und „Kundenorientierung“. Die Belegschaft? Nimmt sich erstmal einen weiteren Kaffee. Noch nie war das Desinteresse so höflich maskiert.
Und wenn gar nichts mehr hilft? Achtsamkeits-Workshops. Die Angestellten kneten ihre „Visionen“, während der Chef sich einbildet, es helfe. Die ganze Komödie gipfelt in einem „Brainwriting“, bei dem der einzige Output die Erkenntnis ist, dass Brainwriting völliger Quatsch ist. Später kommt dann ein PR-Text: „Wir leben Kollaboration.“ Ein Satz wie eine Scheibe Toast ohne Belag.
Alkoholismus durch Homeoffice?
Und nun zum Homeoffice. Der neue Bösewicht. „Fördert den Alkoholismus“, raunen die Schlagzeilen. Weil der Prosecco im Homeoffice scheinbar griffbereiter ist als das Leitungswasser. Die Logik? Absurd. Denn die jahrzehntelange Kunst, Arbeit zu simulieren, blüht doch vor allem im Büro: Ein paar Aktenstapel, ein gehetzter Blick, eine jammernde Bemerkung à la „Ich bin so überlastet“. Fertig ist die Arbeitsillusion.
Die Realität ist eben nicht hübsch. Keine Organisation ist nur positiv. Die Negativbereiche? Riesig. Die Sätze der Führungskräfte? Noch leerer als der Konferenzraum nach einem Freitag-Meeting. Vielleicht sollten wir das Management einfach mal auf Coffee Badging umstellen. Dann wüsste endlich jeder, wie wenig tatsächlich passiert.
Siehe auch:
Illegale Auszeiten und „Coffee Badging“: So tricksen junge Berufstätige Arbeitgeber aus
Pingback: Wochenrückblick KW4/2025 und Freitagsfüller
Danke, das hat mir den Tag ein wenig schöner gemacht. Ich musste doch mehrmals wissend nicken und grinsen.
Schönes Wochenende, Tommi
Das wünsche ich Dir auch.
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