
Bundeskanzler Friedrich Merz sagt: „Wir müssen in diesem Land wieder mehr arbeiten.“ Als wäre Deutschland ein Konferenzraum mit zu vielen Stühlen und zu wenig Sitzfleisch. Doch was er meint, ist nicht Arbeit – was er meint, ist Kontrolle.
Gleichzeitig rufen Medien: Rekord bei geleisteten Arbeitsstunden. 55 Milliarden 2023. Burn-out auf Rekordhoch. 775 Millionen Überstunden – unbezahlt. Und eine IG Metall, die sich nun vorsichtig von der Vier-Tage-Woche entfernt. Kein Sieg für die Konservativen, sondern das Ende einer Pauschaldebatte, wie Guido Zander nüchtern konstatiert: „Das ist gut so.“ Denn was wirklich fehlt, ist nicht Arbeitszeit, sondern Denken.
Merz spricht von Wohlstandssicherung, als sei das Bruttoinlandsprodukt eine Monstranz, vor der alle knien müssen. Er stellt Work-Life-Balance in Frage, als wäre sie eine Marotte gelangweilter Hipster. Dabei ist genau sie der Hebel, der unsere Gesellschaft noch retten kann – vor Erschöpfung, Frustration und einem Rentensystem, das längst auf tönernen Füßen steht.
Guido Zander, der Praktiker im Maschinenraum der deutschen Arbeitszeitlogik, sagt es klar: „Die Vier-Tage-Woche kann sinnvoll sein – aber nicht überall, nicht für alle, nicht pauschal.“ Statt ideologischem Dauerfeuer brauche es betriebliche Realität, die zwischen Vollzeit, Teilzeit, Lebensphase und Unternehmenskultur vermittelt. Das hat nichts mit Faulheit zu tun – sondern mit Intelligenz.
Denn wer 40 Stunden schuftet, wenn 32 gesünder wären, handelt nicht effizient, sondern idiotisch. „Wenn du 44 Stunden statt 40 machst, hast du nicht 10 Prozent mehr Output – du hast mehr Krankenscheine.“ Das ist keine These, das ist empirisch messbar. Die Produktivitätsgewinne kommen nicht aus dem Hamsterrad, sondern aus seiner Abschaffung.
Und doch: Es gibt ein Dilemma. Der demografische Tsunami ist real. 13 Millionen gehen – 8 Millionen kommen. Das Loch ist nicht ideologisch, sondern mathematisch. Doch auch hier sagt Zander: Nicht die, die arbeiten, sollen mehr arbeiten – sondern die, die noch nicht arbeiten, sollen können. Betreuungsinfrastruktur, Bildung, Rentenflexibilität – da liegt der Schlüssel. Nicht im Wachrütteln der Erschöpften, sondern im Aktivieren der Vergessenen.
Die Antwort auf Merz’ konservative Pflichtmoral heißt nicht Laisser-faire, sondern flexible Intelligenz. Eine Gesellschaft, die älter wird, muss nicht härter arbeiten – sondern klüger. Arbeitszeit darf kein Dogma sein, sondern muss Gestaltungsmittel werden.
Denn was ist Wohlstand? Mehr Output pro Kopf? Oder weniger Tabletten pro Tag? Was ist Effizienz? Ein besserer Quartalsbericht? Oder eine Gesellschaft, in der die Menschen ihre Kinder sehen, ihre Eltern pflegen und morgens noch Hoffnung spüren?
Es ist an der Zeit, die Arbeitszeitfrage aus dem Maschinenraum der Ideologien zu befreien – und sie endlich dorthin zu bringen, wo sie hingehört: in die Mitte der Gesellschaft. Dorthin, wo Arbeit nicht Selbstzweck ist, sondern Teil eines erfüllten Lebens.
Exkurs: Die Debatte von gestern – ein Jahr später schärfer denn je
Bereits im vergangenen Jahr legte die Sendung Zukunft Personal Nachgefragt den Finger tief in die Wunde. Es war keine Wohlfühlrunde, keine paneuropäische Selbstvergewisserung im Zeichen von Feelgood-Flexibilität. Es war eine messerscharfe Sezierung der Debatte. Und mittendrin: Guido Zander, der mit der Präzision eines Arbeitszeitchirurgen operierte.
„Wir müssen aufhören, in Kalenderwochen zu denken – und anfangen, in Lebensrealitäten zu handeln.“ Dieser Satz fiel damals und hallt noch heute nach. Zander sprach nicht über Stunden, sondern über Systeme. Über die Absurdität, dass Unternehmen ihre Menschen behandeln wie Maschinen, obwohl längst bekannt ist, dass der Takt der Industriegesellschaft nicht mehr schlägt – zumindest nicht im Takt der Körper und Köpfe.
Dr. Andrea Hammermann vom Institut der deutschen Wirtschaft brachte es in der Sendung auf eine einfache Formel: „Es geht nicht um weniger Arbeit – es geht um klügere Arbeit.“ Und das in einer Zeit, in der das Loch zwischen denen, die gehen, und denen, die kommen, immer größer wird. Die damaligen Zahlen waren schon alarmierend: 13 Millionen verlassen den Arbeitsmarkt, 8 Millionen treten ein. Die Differenz ist keine Lücke – sie ist ein Abgrund.
Auch Professor Achim Truger vom Sachverständigenrat der Bundesregierung warnte damals wie heute vor einem Denkfehler: Wer weniger arbeiten wolle, sei nicht gleich weniger leistungsbereit. „Wir brauchen eine gerechtere Verteilung der Arbeit – und zwar auch zwischen den Geschlechtern.“ Die ökonomische Brille allein reicht nicht, wenn man die Care-Arbeit weiterhin im toten Winkel der volkswirtschaftlichen Rechnungen belässt.
Und dann war da Vera Schneevoigt. Ihre Stimme war leise, aber eindringlich. Keine Theorie, sondern gelebte Erfahrung. Sie erzählte von ihrem Bruder – vom Stress, der sich in Anfällen entlud, von der Klinik, vom Kampf gegen die Unsichtbarkeit psychischer Belastungen in der Arbeitswelt. „Es ist menschenverachtend, diese Diskussion nicht zu führen,“ sagte sie. Und traf damit den Kern der Sache: Wer Arbeitszeit diskutiert, ohne über mentale Gesundheit zu sprechen, führt eine Geisterdebatte.
Schneevoigt, die Digitalstrategin, die Führungskraft, die Angehörige, brachte die Dimension ins Spiel, die oft verdrängt wird: Arbeit macht krank, wenn sie nicht gestaltet wird. Und Gestaltung heißt heute: Flexibilität – nicht als Nice-to-have, sondern als Notwendigkeit. Als Antwort auf ein System, das aus dem Takt geraten ist.
Ein Jahr später sind diese Positionen nicht überholt, sondern brisanter denn je. Die IG Metall rudert zurück, Friedrich Merz presst die Debatte in das Korsett einer Leistungsmoral von vorgestern – und die Realität? Die ist weiter. Die Menschen sind weiter. Die Bedürfnisse sind klarer. Der Wunsch nach Flexibilität ist kein Luxus – er ist Voraussetzung für Teilhabe, Gesundheit, Lebensqualität.
Die Sendung von damals war ein Weckruf. Heute ist sie ein Mahnmal. Und ein Fahrplan. Wer zurückblickt, sieht: Die Werkzeuge liegen längst auf dem Tisch. Was fehlt, ist der Mut zur Montage.
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