
In Bonn, dieser Stadt zwischen Beethoven, Bundesviertel und Bürgerbeteiligung, wird gewählt. Am 14. September entscheidet sich, wer Oberbürgermeisterin oder Oberbürgermeister wird – oder bleibt. Noch interessanter als der Ausgang ist derzeit jedoch das Vorgeplänkel: der Wahlkampf, der zunehmend einem Resonanzwettbewerb gleicht. Im Zentrum steht ein neues Instrument – der Sichtbarkeitsindex des Hauses Sohn@Sohn.
Was ist dieser Index? Kein Umfrageersatz, sondern ein Frühindikator für politische Wahrnehmbarkeit. Er misst nicht nur, ob ein Kandidat präsent ist, sondern wie diese Präsenz wirkt: positiv, neutral oder negativ. Sichtbarkeit ist nicht gleich Sichtbarkeit – das ist der entscheidende Punkt. Wer gesehen wird, wird nicht automatisch gewählt. Wer sichtbar aneckt, erzeugt Reibung. Und Reibung wiederum kann mobilisieren.
Die Grammatik des Wahlkampfs
„Aber wir sind doch sichtbar“, tönt es aus einer Wahlkampfzentrale. Website, Facebook, Plakate – alles da. Was oft übersehen wird: Der Sichtbarkeitsindex von Sohn@Sohn differenziert. Er kombiniert Präsenzdaten mit Stimmungswerten, sogenanntem Sentiment. Dabei wird zwischen positiver, neutraler und negativer Wahrnehmung unterschieden – auf Basis eines laufenden Monitorings von lokalen Medien, Social-Media-Kommentaren, Veranstaltungen und Stadtgesprächen.
Ein Beispiel: Katja Dörner, die amtierende Oberbürgermeisterin, ist fraglos präsent. Doch das derzeitige Stimmungsbild tendiert ins Negative. Verkehrspolitik, Wärmeplanung, Haushaltskürzungen – all das erzeugt Unmut. Das ist keine ideologische Wertung, sondern ein statistischer Befund. Sichtbar? Ja. Beliebt? Eher nicht.
Guido Déus hingegen profitiert von dieser öffentlichen Irritation. Das Sentiment ist zwar nicht euphorisch, aber überwiegend neutral bis positiv.
Jochen Reeh-Schall wiederum steht im Schatten der beiden anderen. Weder polarisiert er, noch provoziert er – was ihn in der Logik des Indexes als „indifferent“ erscheinen lässt: nicht Fisch, nicht Fleisch. In einer zunehmend konfliktgetriebenen Öffentlichkeit ist das kein Vorteil. Er sollte am aus dem Windschatten heraustreten. Neue Ratskoalition? Andere Akzente in der Verkehrspolitik? Da fehlen noch Antworten. Wenn da in den nächsten Wochen nichts kommt, bleibt es bei der Stichwahl zwischen den OB-Kandidaten von Schwarz und Grün.
Der Bundestrend als Gegenwind
Nicht verdrängen darf man ein strukturelles Problem: Die allgemeine politische Großwetterlage ist für SPD und Grüne derzeit ungünstig. Der ARD-DeutschlandTrend vom Juli 2025 bestätigt: SPD bei nur 13 %, die Grünen bei 12 %. Wer also als SPD- oder Grünen-Kandidat in den Kommunalwahlkampf zieht, muss gegen den Gegenwind der eigenen Partei ankämpfen.
Das zeigt Wirkung: Dörners Anfangsvorsprung im Index hat sich verflüchtigt. Die SPD hat mit Reeh-Schall durchaus noch Potenzial, doch dafür müsste die Partei in Bonn ein eigenes Profil zeigen, jenseits der großen Koalitionsformel. Ein „weiter so“ in kleinen Schritten wird nicht reichen.
Mehr als ein Trendbarometer
Ist der Sichtbarkeitsindex politisch motiviert? Mitnichten. Zu Beginn lag Katja Dörner an der Spitze, jetzt sehen wir Guido Déus leicht vorn.
Wird das alle überzeugen? Natürlich nicht. Wahlkampfstrategen lesen ungern, dass ihre Kampagne womöglich unter dem Radar fliegt.
Die nächste Ausgabe des Sichtbarkeits- und Stimmungsindex erscheint am Mittwoch. Und man kann sicher sein: Nicht nur die Strategen der Parteien werden ihn genau studieren. Denn in einer Stadt wie Bonn, wo politische Milieus vielstimmig und fragmentiert sind, entscheidet nicht nur Programm oder Partei – sondern Wahrnehmung und Stimmungslage.