
Im Gespräch mit Oliver Ewinger auf der Zukunft Personal Europe entfaltete sich ein Dialog, der tiefer ging als die bloßen Zahlen über die Effizienzsteigerung durch Künstliche Intelligenz (KI) im Personalwesen. Die nüchterne Zahl, die 89 % der HR-Aufgaben, die laut einer Studie durch KI erledigt werden könnten, stand am Anfang – und doch war diese Zahl mehr als eine Statistik. Sie war ein Spiegel einer epochalen Verschiebung in der Arbeitswelt, die weit über das bloße Personalmanagement hinausgeht.
Ewinger spricht klar und ohne Scheu über die Herausforderungen, die diese Entwicklungen mit sich bringen. „89 % der HR-Aufgaben können durch KI gut oder sehr gut erledigt werden.“ Eine Aussage, die manch einen in der Branche erschrecken mag. Aber Ewinger selbst sieht das anders: „Die KI kann als Partner gesehen werden, als Coworker, der uns unterstützt.“ Diese Worte wirken wie eine Einladung, die tief sitzende Angst vor der Entmenschlichung durch Technologie zu überwinden und stattdessen eine neue Allianz zwischen Mensch und Maschine zu schmieden.
Hier liegt der eigentliche Kern des Gesprächs: Die Technik, so sehr sie die Prozesse revolutionieren kann, übernimmt nicht die Seele des Unternehmens. Was sie jedoch leisten kann, ist die Befreiung von den administrativen Fesseln, die HR-Professionals lange zurückgehalten haben. „Wenn die KI fast alles im HR-Bereich übernehmen kann, bleibt mehr Zeit, sich auf das zu konzentrieren, was wirklich zählt: die strategische Weiterentwicklung der Mitarbeiter und des Unternehmens.“ Das ist der eigentliche Kern der Vision: eine Personalarbeit, die nicht mehr in der alltäglichen Verwaltung ertrinkt, sondern in die Rolle des strategischen Impulsgebers aufsteigt.
Und genau hier tritt die eigentliche Revolution ein. Nicht die Frage, ob KI menschliche Arbeit verdrängt, sondern ob wir bereit sind, die durch KI frei werdenden Räume sinnvoll zu nutzen. Ewinger setzt einen klaren Aufruf: „HR muss endlich den Schritt zur strategischen Führung machen. Das ist keine Frage mehr, ob – sondern wie schnell.“ Diese Aussage markiert das Ende einer passiven HR-Kultur, die sich mit Verwaltungsaufgaben begnügte, und den Beginn einer Ära, in der HR als strategischer Motor des Unternehmens verstanden wird.
Doch die Herausforderung bleibt. Denn, wie Ewinger betonte, wird der Erfolg dieser Transformation auch davon abhängen, ob die HR-Abteilungen bereit sind, ihre neue Rolle zu akzeptieren. „Überlasst es nicht der IT. Seid Mitgestalter.“ Diese Worte schwingen nach. Sie erinnern uns daran, dass Technologie allein keine Rettung bringt. Es ist der Mensch, der diese Technologie formen und sinnvoll einsetzen muss.
Aber das Gespräch nimmt an diesem Punkt noch eine unerwartete Wendung. Ewinger betont, dass der Einsatz von KI nicht nur auf das HR-Management beschränkt bleibt. Es ist eine Veränderung, die ganze Gesellschaften umkrempeln kann. Ewinger bringt ein faszinierendes Beispiel: den Einsatz von Corporate Influencern und deren strategische Nutzung. Dabei spannt er einen weiten Bogen von Unternehmen bis hin zur Politik. „Warum sollten Unternehmen nicht das Potenzial ihrer Influencer nutzen?“, fragt er, und die Antwort liegt in der Synergie, die entsteht, wenn Menschen mit Reichweite die Botschaften einer Firma nach außen tragen.
Und dann fällt der entscheidende Gedanke: „Wieso nicht auch ein Land-Influencer?“, fragt Ewinger. Die Idee scheint zunächst kurios, entfaltet jedoch eine radikale Vision. Was wäre, wenn nicht nur Unternehmen, sondern ganze Regionen sich durch Persönlichkeiten repräsentieren ließen, die in der Lage sind, die Werte und das Innovationspotenzial dieser Region nach außen zu tragen? „Stellen Sie sich vor, Ministerpräsident Kretschmann würde diese Chance nutzen – eine völlig neue Form der regionalen Identität könnte entstehen“, so Ewinger.
Was hier verhandelt wird, ist mehr als die Digitalisierung der Arbeitswelt. Es ist der Beginn einer neuen, identitätsstiftenden Kommunikation, die die Grenzen zwischen Unternehmen und Region, zwischen Technologie und Mensch neu definiert. Das Gespräch endet mit einer Vision, die sowohl faszinierend als auch beunruhigend ist. Denn was bleibt, ist die Frage, die über allem schwebt: Werden wir diese neuen Technologien nutzen, um uns selbst zu befreien, oder werden wir zu ihren Gefangenen?
Zur Frage der Neudefinition des Personalmanagement, siehe auch das Gespräch mit Sven Gábor Jánszky.
Ich bin noch etwas unsicher, ob wirklich 89% der Prozesse der HR durch eine KI ersetzt werden kann. Leider konnte ich auf die Schnelle die Studie von Indeed nicht finden, aber der gegenwärtige Stand der KI lässt robuste Prozesse aus meiner Sicht nicht zu.
Auch Chatbots sind ein heißes Eisen, den die Gefahren des Missbrauchs, des Halluzinierens und erwünschter Kontextwechsel sind sehr hoch.
Daher Vorsicht! Die KI denkt nicht und ist leider kein Ersatz für transnationale Prozesse. Ich lasse mich gerne eines besseren Belehren.