
Um sieben Uhr Frühstück, um 8.15 Uhr der Reisebus, und um neun standen wir schon auf der Piste in Samnaun. Viel schneller lässt sich ein Tag kaum aus der Behaglichkeit eines Hotels in die Hochgebirgswirklichkeit überführen. Nach dem stillen ersten Abend in Pfunds, nach Richterhof, Senn-Tafeln und dem lateinischen Satz über der Tür, ging es nun hinauf in einen ganz anderen Geschichtsraum: vom alten Gerichtsort an die Grenze, vom Dorf der Verfassungs- und Freiheitsfiguren in jenes Gelände, in dem einst Kaffee, Tabak und Nylonstrümpfe über den Berg getragen wurden.
Eine Organisation, die den Tag leicht macht
Zu den stillen Qualitäten dieser Reise gehört, wie mühelos alles ineinandergreift. Das SportBildungswerk Bielefeld beschreibt seine Winterreisen selbst als seit rund vierzig Jahren erprobte Gruppenreisen mit Übernachtfahrt, ausgewählten Unterkünften, Lehrtrainerinnen und Lehrtrainern sowie Reiseleitungen, die für ein persönliches Gruppenklima sorgen sollen. Das klingt auf dem Papier ordentlich; vor Ort erwies es sich als präzise, sympathisch und erstaunlich unaufdringlich. Man musste sich um fast nichts kümmern und konnte sich, was in Skigebieten selten genug vorkommt, vom ersten Lift an ganz auf den Tag konzentrieren. (sportbund-bielefeld.de)
Vielleicht erklärt das auch die Stimmung in der Gruppe. Sie wirkte von Anfang an homogen, nicht im Sinn irgendeiner künstlichen Gleichförmigkeit, sondern in der angenehmen Art, wie sich ähnliche Erwartungen und ähnliche Taktgefühle rasch zueinander finden.

Frischer Schnee, wenig Betrieb
In der Nacht hatte es geschneit. Oben lag ein frischer, griffiger Schnee auf den Hängen, und weil wenig los war, konnte man früh in jenen Rhythmus finden, der einen Skitag trägt: nicht hetzen, nicht warten, einfach fahren. Die Sonne zeigte sich nur zeitweise, aber gerade das machte den Morgen reizvoll. Erst stand man an einer Geländekante und blickte über ein Wolkenmeer, aus dem nur einzelne Gipfel und Rücken hervorragten. Dann riss der Himmel auf, und plötzlich wurden die Konturen scharf: dunkle Felsabbrüche, weich gezeichnete Hänge, breite weiße Flächen, über die die ersten Spuren des Tages verliefen. Später wieder zog der Nebel an, schluckte einen Teil der Weite und gab den Pisten jenen beinahe abstrakten Charakter, den nur Hochgebirge in wechselndem Licht besitzen.
Es war ein Tag, an dem man gut fahren konnte, vielleicht gerade weil nichts Spektakuläres erzwungen werden musste. Rund 6000 Höhenmeter kamen zusammen, und sie kamen ohne Zwang zusammen. Das Gelände trug, der Schnee trug, die Beine taten, was sie sollten.

Zwei Staaten, ein Skigebiet
Die Bühne dieses Tages war die Silvretta Arena Samnaun/Ischgl, jenes grenzüberschreitende Skigebiet zwischen dem schweizerischen Samnaun und dem Paznaun in Tirol. Offiziell sind es 239 Pistenkilometer und 45 Anlagen; Samnaun wirbt damit, dass hier „grenzenloses Skivergnügen“ zwischen Schweiz und Österreich beginne und die Doppelstockgondel hinauf an den Alp Trider Sattel führe. Solche Formeln liest man gewöhnlich rasch hinweg. Dort oben bekommen sie einen sachlichen Kern. Die Grenze ist nicht bloß ein Strich auf der Karte, sondern Teil der Landschaft, ein geschichtlicher Akteur, der heute vom Skibetrieb elegant überfahren wird.
Gerade deshalb fühlt sich das Fahren hier anders an als in manchen abgeschlossenen Wintersportwelten. Man gleitet nicht nur durch ein Skigebiet, sondern durch einen Grenzraum, dessen alte Funktion unter den modernen Sesseln und Gondeln nicht ganz verschwunden ist. Sie hat nur ihre Form geändert.
Die Schmugglertour als Gedächtnislinie
Am Nachmittag folgte dann die Schmugglertour von Ischgl nach Samnaun. Der Tourismusverband beschreibt sie als Runde „auf den Spuren der Schmuggler“; seit der Wintersaison 2016/17 ist sie markiert und wird in Gold, Silber und Bronze gefahren. Die Gold-Variante kommt auf 61,8 Kilometer und bis zu 13.740 Höhenmeter inklusive Liftfahrten. Was heute als sportliches Vergnügen vermarktet wird, ruht auf einer Geschichte, die viel prosaischer und härter war.
Der Schmuggel zwischen Ischgl und Samnaun hat im Paznaun eine lange Tradition. Als 1768 die alten Zollfreiheiten aufgehoben wurden, gewann der heimliche Warentransport neue Bedeutung; in den Notzeiten nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er vielerorts zur Überlebensstrategie. Über den Alp-Trida-Sattel trugen Männer schwere Rucksäcke über die Berge, oft 40 bis 50 Kilogramm Last, und versuchten, sechs oder sieben Zöllnern auszuweichen. Hinüber gingen Butter und Felle, zurück kamen Kaffee, Reis, Tabak, Mehl, Saccharin und die begehrten Nylonstrümpfe. Eine solche Runde dauerte etwa zehn Stunden, sechs bis sieben davon zu Fuß. Dass die schlecht im Gelände zurechtkommenden Zöllner von den Einheimischen abfällig „Grasrutscher“ genannt wurden, ist eine jener regionalen Vokabeln, in denen ein ganzes Milieu fortlebt.
Vom Schmuggel zum Lift
Die schönste Pointe dieser Geschichte ist vielleicht, dass der Schmuggel nicht nur Not linderte, sondern indirekt den Tourismus mitfinanzierte. Auf Ischgler Seite wird offen darauf verwiesen, dass der erste Skilift des Ortes, 1952 im Ortsteil Brand errichtet, auch ein Zeugnis des Schmugglergeschäfts sei: Gewinne aus dem Grenzhandel flossen in jene frühe touristische Infrastruktur, aus der später der heutige Wohlstand erwuchs. Mit dem Aufschwung des Fremdenverkehrs in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren verlor der Schmuggel dann allmählich seine wirtschaftliche Funktion. Was blieb, war das Gelände – und die Erinnerung.
Wenn man am Nachmittag mit Ski von Ischgl nach Samnaun wechselt, fährt man also nicht bloß eine Themenrunde, sondern über einen historischen Resonanzraum. Man sieht die weiten Rücken, die Einschnitte, die sattelartigen Übergänge und versteht mit einem Mal, warum gerade schlechtes Wetter früher ein Verbündeter der Schmuggler war. Heute ist die Sicht mal offen, mal milchig; damals konnte dieselbe Wolke Schutz bedeuten.
Samnaun, zollfrei bis heute
Samnaun selbst trägt diesen Grenzcharakter bis in die Gegenwart. Das Tal wurde 1892 zollfrei gestellt, nachdem die Einbindung in das Schweizer Zollsystem wirtschaftliche Nachteile für die Bevölkerung gebracht hatte. Der Sonderstatus blieb erhalten, auch nachdem 1912 die Straße von Martina nach Samnaun gebaut worden war. Bis heute ist Samnaun die einzige Schweizer Duty-Free-Zone außerhalb eines Flughafens; über die Talabfahrten gelangt man direkt zu den zollfreien Geschäften, und der Ort wirbt offen mit der Verbindung von Skifahren und Duty-Free-Shopping. Was früher heimlich geschah, wird heute reguliert und legal angeboten. Die Grenze ist geblieben, nur der Umgang mit ihr hat sich geändert.
Gerade das macht den Reiz dieser Landschaft aus. Sie ist nicht bloß schön, sie ist funktional gewesen. Pässe, Sättel, Übergänge und Talabfahrten waren hier nie nur Aussichten, sondern Wege, Handelslinien, Risiken, Gelegenheiten. Skifahrer nutzen heute dieselben topographischen Vorteile, aus denen früher eine Ökonomie des Mangels entstand.
Bewegung in einem geschichtlichen Raum
Vielleicht war das die eigentliche Qualität dieses ersten Skitags: dass die Bewegung durch den Schnee nie ganz von der Geschichte getrennt war. Der Tag begann mit der Effizienz einer perfekt organisierten Sportreise, mit einem Reisebus, der pünktlich kam, und einer Gruppe, in der sich vom ersten Schwung an eine gute, fast heitere Selbstverständlichkeit einstellte. Er führte dann in ein Gelände, das zugleich hochmodern erschlossen und tief in ältere Grenzgeschichten eingelassen ist. Zwischendurch stand man an einer Kante, unter sich das Wolkenmeer, vor sich die weichen Grate und dunklen Felsen, und hatte für einen Moment das seltene Gefühl, dass Wintersport nicht bloß Freizeitbeschäftigung, sondern eine Form der Lektüre sein kann.
Pfunds hatte am Vorabend mit seinen Tafeln und Inschriften gezeigt, dass Tirol Geschichte gern an den Häusern befestigt. Samnaun und Ischgl tun es anders. Dort steht die Geschichte nicht an der Wand, sondern liegt im Gelände. Man muss sie fahren, um sie zu merken.
hen Satz über der Tür, ging es nun hinauf in einen ganz anderen Geschichtsraum: vom alten Gerichtsort an die Grenze, vom Dorf der Verfassungs- und Freiheitsfiguren in jenes Gelände, in dem einst Kaffee, Tabak und Nylonstrümpfe über den Berg getragen wurden.
Vielen Dank für die ausführlichen und sehr interessanten Infos und Einblicke in Eure Skiferien. Das macht Lust auf dieses Skigebiet. Herzliche Grüße aus Bielefeld von Andrea
Ja das ist ein gutes Gebiet
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