
Es ist eine Szene, die zur Agenda der Zeit passt: Im Messe-TV-Studio der Zukunft Personal Europe erklärt Petra Maessen, Deutschlandchefin der Vitasion Group, warum das Arbeiten mit 60 nicht das Ende, sondern der Anfang eines zweiten Berufslebens sein kann. Ihr Satz wirkt wie ein Widerspruch zum politischen und unternehmerischen Alltag: „Das Pflichtprogramm im Arbeiten ist vorbei. Jetzt beginnt die Kür.“
Von der Frühverrentung zur Prävention
Die Realität in deutschen Konzernen sieht anders aus. Noch immer gilt die stille Formel: Wer mit fünfzig das Firmengebäude betritt, ist mit einem Bein schon auf dem Weg zum Aufhebungsvertrag. Ganze Abteilungen werden so ausgedünnt – Wissen, Netzwerke, Erfahrungsreichtum verschwinden mit Abfindungen. Maessen hält dagegen. Sie spricht nicht von Kosten, sondern von Investitionen. In Immobilien, Maschinenparks oder Fuhrparks werde selbstverständlich investiert – warum nicht in die Belegschaft?
Die Krankenkassen, argumentiert sie, seien längst überfordert. Die Berufsgenossenschaften reagieren erst, wenn etwas passiert, die Rentenkassen ebenso. Prävention – also die Vermeidung von Krankheit und Frühverrentung – werde nicht systematisch finanziert. Vitasion will diese Lücke schließen, mit Programmen, die den Arbeitgebern konkrete Rendite versprechen.
Die Ökonomie der Karteileichen
Die Beispiele sind ernüchternd. Unternehmen kaufen massenhaft Fitnessstudio-Zugänge für ihre Mitarbeitenden, genutzt werden sie im Schnitt von nur acht Prozent. In einem Unternehmen mit 200 Beschäftigten waren es zuletzt drei. Eine Investitionsruine im Kleinen. „Verschwenden Sie das Geld nicht“, mahnt Maessen. „Investieren Sie in das, was Ihre Belegschaft wirklich braucht.“
Die Rückmeldungen sind eindeutig: Tanzkurse statt Laufband, Ernährungsberatung statt Obstkorb, Massage und Physiotherapie statt Hochglanzbenefits. Gesundheit, sagt Maessen, sei nicht mit der Gießkanne zu verteilen.
Steuerparagrafen statt Sonntagsreden
Was in der politischen Debatte häufig untergeht: Es existieren längst steuerliche Hebel, die Unternehmen nutzen könnten. Maessen nennt § 37b Einkommensteuergesetz: Arbeitgeber dürfen Beschäftigten Sach- oder Dienstleistungen im Wert von bis zu 10.000 Euro jährlich zukommen lassen, pauschal versteuert, ohne Sozialabgaben. „Warum nicht einmal ein Antiburnout-Incentive auf den Kanaren?“, fragt sie.
Deutschland sei Sachbezugsweltmeister. Fünfzehn verschiedene Modelle gebe es, steuerlich begünstigt. Doch die Personalabteilungen kennten sie oft nicht – oder wollten sich nicht mit der Mühe ihrer Anwendung beschäftigen. Also gehe Vitasion direkt zu den CEOs und CFOs. Dort, wo gerechnet wird, dort, wo Return on Invest zählt.
Arbeit bis zum letzten Vorhang
Maessen, Jahrgang 1964, ist selbst Beweisstück ihres Programms. Mit 60 nach Deutschland zurückgekehrt, weil sie in Österreich bereits in Pension hätte gehen müssen, will sie weitermachen. „Was soll ich in Rente?“, fragt sie. Arbeiten sei für sie kein Zwang, sondern Lebenslust.
Der Gesetzgeber hinkt hinterher. Zwar sollen Rentner künftig im selben Unternehmen weiterarbeiten dürfen, bis zu 2000 Euro im Monat brutto gleich netto hinzuverdienen, ohne Sozialabgaben. Doch das reicht nicht. Wer im Alter weiterarbeitet, spart dem Staat nicht nur Rentenlasten, sondern stabilisiert das System insgesamt. Steuerliche Privilegien müssten das sichtbar machen – und nicht die Arbeit der Älteren als Sonderfall behandeln.
Zwischen Demografie und Demütigung
Die Demografie ist gnadenlos: Dreieinhalb Millionen Babyboomer gehen in den kommenden fünf Jahren in Rente. Deutschland steckt mitten in einem Fachkräftemangel, während gleichzeitig Konzerne ihre Belegschaften verjüngen wollen. Es ist ein Widerspruch, der sich nicht länger halten lässt. „Wer Lust hat, soll arbeiten dürfen“, sagt Maessen. Nicht bis zur Demenz, sondern solange, wie es Freude macht.
Das Gespräch in Köln erinnert daran: Arbeit ist mehr als Erwerb. Sie ist auch Ausdruck von Würde und Teilhabe. Wer Ältere aus den Betrieben drängt, vernichtet nicht nur Erfahrung, sondern auch gesellschaftliches Kapital.