West-Berliner Streifzüge: Die kleinen Siege des Stöberns und der stillen Entdeckungen

Nicolaus Sombart war in jenen Jahren der unumstrittene Herr über seinen Salon in Charlottenburg. Ein Dandy, der die alte Schule hochhielt und eine Vorliebe für die Inszenierung hatte, die jeder Theaterdirektor bewundert hätte. Wenn man seine Wohnung betrat, fühlte es sich an, als schritte man auf eine Bühne, auf der das Stück bereits seit Jahren lief – ohne Anfang, ohne Ende. Die Kulisse? Bücherstapel, leere Weingläser, und der süße, schwere Geruch von Zigarrenrauch. Alles war so platziert, als wäre es Teil eines durchdachten Bühnenbildes für den zerbröckelnden Traum der Intellektuellen.

„Ah, unser junger Rebell!“ Sombart begrüßte mich mit einem halb ironischen Lächeln und einem Glas Rotwein in der Hand. Seine scharfen Gesichtszüge wirkten wie gemeißelt, und in seinen Augen blitzte die Ewigkeit jener Gespräche, die wir seit Monaten führten, wieder und wieder. „Was bringst du uns heute? Neue Gedanken? Oder nur alte Zweifel?“

Ich ließ meinen Mantel achtlos auf einen der Stühle fallen – Sombarts Wohnung war ein Ort, wo man nie richtig ankam, sondern stets irgendwo in der Schwebe hing – und grinste. „Alte Zweifel, natürlich. Aber in einer neuen Verpackung.“

Sombart lachte leise, und das Licht des Kronleuchters über uns flackerte leicht, als hätte es sich dem feinen, aber unsichtbaren Zittern des Abends angepasst. „Das ist alles, was wir haben, nicht wahr? Alte Zweifel, neu verpackt. Setz dich. Jacob wartet schon darauf, dich wieder in die Mangel zu nehmen.“

In der Ecke des Zimmers saß Jacob Taubes, den Kopf gesenkt, vertieft in ein Gespräch über Paulus und die Eschatologie. Seine Stimme, dunkel und rauchig, wog schwerer als der Rauch der Zigarren, der die Luft erfüllte. „Nikolaus“, sagte er, ohne aufzublicken, „der junge Mann sollte sich von seinen Zweifeln nicht verführen lassen. Zweifeln ist gut, aber zu viel davon – das führt nirgendwohin.“

Ich ließ mich in einen der weichen Sessel fallen und lehnte mich zurück. „Vielleicht führt es nirgendwohin, aber manchmal ist nirgendwo besser als überall.“

Sombart lachte erneut, dieses Mal etwas lauter. „Da spricht der wahre Berliner! Immer auf der Suche nach dem Nirgendwo.“

„Manchmal frage ich mich“, fuhr ich fort, „ob es das ist, was wir hier tun. Wir reden, wir denken – aber was bleibt am Ende übrig?“

Er sah mich an, das Lächeln wich für einen Moment aus seinem Gesicht, und in der Stille hörte man das leise Tropfen des Weins, der in ein Glas gegossen wurde. „Was bleibt? Das, was immer bleibt. Das, was wir aus unseren Gesprächen machen. Worte sind nichts ohne Taten, das ist wahr. Aber Taten ohne Worte sind blind.“

Taubes nickte zustimmend und nahm einen Schluck aus seinem Glas. „Es geht nicht darum, die Welt zu ändern, mein Freund. Es geht darum, sie zu verstehen. Und wenn wir das tun, dann ändert sich vielleicht auch etwas in uns.“

„Wir sind nicht hier, um die Welt zu retten“, mischte sich Sombart ein. „Das überlassen wir den anderen. Wir sind hier, um zu beobachten, zu interpretieren, zu analysieren. Und wer weiß – vielleicht retten wir damit doch mehr, als wir denken.“

Die Nacht zog sich hin, das Gespräch wurde hitziger, der Wein floss in Strömen. Doch es war immer Sombart, der alles im Griff behielt, wie ein Dirigent, der das Orchester leitet – manchmal sanft, manchmal mit einer fast unsichtbaren Handbewegung, die den Takt vorgab. Sein Salon war kein Ort für einfache Antworten. Hier lebten die Widersprüche, der Zweifel, die ironische Distanz. Und doch war es gerade dieser Widerspruch, der uns alle anzog, der uns immer wieder hierher zurückbrachte.

Am nächsten Morgen war der Zauber verflogen. West-Berlin wirkte wieder einmal schwer und unnachgiebig, als ich mich zur Heinrich-Heine-Buchhandlung am Bahnhof Zoo aufmachte. Es war einer dieser Läden, in dem Bücher nicht in Reih und Glied standen, sondern in undurchdringlichen Bergen übereinander gestapelt waren. Ein Eldorado für die subtile Jagd nach antiquarischen Kostbarkeiten. Hier konnte man, wenn man Glück hatte, Erstausgaben zum Originalpreis kaufen – von Walser bis Thomas Mann. Und manchmal lag ein Schatz verborgen zwischen den zerknitterten Seiten, die schon unzählige Hände durchgeblättert hatten.

Der Bahnhof Zoo war schon immer ein dreckiger Ort. Selbst in den Achtzigern, als West-Berlin noch der abgeriegelte Spielplatz für die Unangepassten und Abseitigen war, mied man den Bahnhof, es sei denn, man wollte in die düstereren Ecken der Gesellschaft eintauchen. Die Gier der Freier, die nach jungem, männlichem Fleisch suchten, das in den Schatten der Bahnsteige und Seitengassen feilgeboten wurde, die verbrauchten Gesichter der letzten Überlebenden des Heroin Chic – es war ein Schmelztiegel der Verlorenen, der einen nur dann anzog, wenn man auf der Suche nach etwas ebenso Verlorenem in sich selbst war.

„Früh dran heute“, sagte Brockmann, der Inhaber, als ich den Laden betrat. Er stand wie immer hinter dem Tresen, von einem Berg Bücher umgeben, als hätte er sich darin verschanzt. „Ich dachte, die Nacht in Sombarts Salon würde dich länger festhalten.“

„Der Wein war zu stark und die Gespräche zu schwach“, erwiderte ich, während ich durch die Stapel wühlte, auf der Suche nach etwas, das ich nicht genau benennen konnte. „Alte Zweifel in neuen Verpackungen.“

Brockmann lachte trocken. „Ja, das ist es, was wir hier alle tun, nicht wahr? Wir suchen, wühlen, reden – aber am Ende bleibt nur das Papier.“

Er hatte recht. In diesem Laden, zwischen den alten Erstausgaben und verstaubten Manuskripten, fand ich mehr Wahrheit als in den hitzigen Diskussionen bei Sombart. Hier waren die Bücher still, aber nicht stumm. Sie sprachen in ihrer eigenen Sprache, eine Sprache, die nur die Geduldigen verstanden.

Als ich eine Erstausgabe von Buddenbrooks zur Hand nahm, dachte ich an Sombarts Worte von der vergangenen Nacht. „Worte ohne Taten sind blind“, hatte er gesagt. Aber vielleicht war es genau diese Blindheit, die uns alle hierher führte, in diesen Laden, in diese Stadt, in diese Gespräche.

„Schattenspiele“, murmelte ich und ließ das Buch zurück auf den Stapel fallen.

Es war dieser Fluchtpunkt zwischen den Bücherstapeln, das Kartonporträt von Heine, das mich immer wieder hierher zog. Heines verstehender Blick, seine verführerischen Lippen, die etwas zu sagen schienen, das über die Worte hinausging, die in seinen Büchern standen. Das Wissen, dass hier etwas Größeres auf mich wartete, etwas jenseits der Zweifel, die Sombart und Taubes in ihrem Salon wie Pokale zur Schau stellten.

Drei Besuche dauerte es, bis ich mich als würdig erwies. Beim ersten Mal erwarb ich Foucaults Überwachen und Strafen, beim zweiten Besuch Deleuzes Differenz und Wiederholung und schließlich, beim dritten Mal, Baudrillards Der symbolische Tausch und der Tod. Jedes Mal spürte ich, wie Brockmann mich prüfte, wie er meine Kaufakte still registrierte, als wäre es eine Initiation in eine geheime Bruderschaft.

Das Ritual des Bücherkaufs in der Heinrich-Heine-Buchhandlung war nicht nur ein Handel. Es war ein Test, ein Balanceakt zwischen Intellekt und Demut. Und mit jedem Kauf fühlte ich, dass ich tiefer in die Welt dieser Bücherhöhle vordrang – eine nicht unbeträchtliche, aber überschaubare Investition, die sich für mein Seelenleben lohnte.

Vielleicht war es diese Stille, die wahre Flucht vor der Welt draußen, die ich immer suchte. In Sombarts Salon ging es um große Gedanken und die Rettung der Welt, die wir in hitzigen Debatten sezieren wollten. Aber hier, zwischen den Büchern, ging es nur um mich und meine Suche – die kleinen Siege des Stöberns, der stillen Entdeckungen, die keine Worte brauchten, um ihre Bedeutung zu entfalten.

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