
Man möchte sie schütteln. Nicht die Politiker – die schütteln sich bereits selbst, in Endlosschleife, vor Mikrofonen, die so geduldig sind wie Zimmerpflanzen. Man möchte die Nachrichten schütteln. Diese tägliche Wackelpuddingmasse, die uns von spiegel.de bis Tagesschau, vom Agenturticker bis zum TwitterX-Thread um die Ohren gehauen wird: zitternd, gläsern, scheinbar formschön – und doch ohne Biss, ohne Knochen, ohne Erkenntnis. Ein Dessert aus Dringlichkeit, das nach Vanille riecht und nach nichts schmeckt.
Die Second-Hand-Maschine
Was wir „News“ nennen, ist längst Second Hand. Nicht einmal Second Hand, eher Third Hand: Die Rede wird gehalten, die Rede wird zusammengefasst, die Zusammenfassung wird paraphrasiert, die Paraphrase wird kommentiert, der Kommentar wird empört geteilt, das Geteilte wird zur „Debatte“, und die „Debatte“ wird am Abend in einer Talkshow noch einmal vakuumverpackt – als hätte man Angst, sie könnte über Nacht verderben. Dabei ist sie schon bei der Herstellung geronnen.
Der Nachrichtenwert? Wackelpudding. Er hat die bewegliche Stabilität des Zeitgeists: Jede Erschütterung lässt ihn zittern, aber nichts fällt um, nichts bricht, nichts ändert sich. Ein Ereignis, das nicht einmal ein Ereignis sein will: ein Satz, der den Tag füllt, weil der Tag gefüllt werden muss.
Proporz, Pressetext und Pfandflaschen
Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist die Ausrede so alt wie die Gremien: Parteienproporz, Aufsicht, das höfliche Gitter des Einverständnisses. Hofberichterstattung als Kompromisskunst. Man kann es „Balance“ nennen, man kann es „Staatsferne“ nennen, man kann auch „Sitzordnung“ sagen. Der Effekt bleibt: Es wird berichtet, was sagbar ist, und sagbar ist, was ritualisiert ist.
Aber warum machen Agenturen und Tageszeitungen das Gleiche, ohne Proporz, ohne Gremien, ohne den Trost der formalen Entschuldigung?
Weil es billig ist. Weil es schnell ist. Weil es rechtlich sauber ist. Und weil es die Illusion von Relevanz erzeugt, ohne das Risiko von Recherche. Wer eine Politikerfloskel zitiert, hat immer etwas in der Hand: einen O-Ton, ein PDF, ein „Beleg“. So wird aus Journalismus, diesem alten Beruf des Nachprüfens, ein Gewerbe des Abschreibens: die Kunst, den Pressetext so zu entkernen, dass er wie Information aussieht.
Und dazu das Zauberwort „Einordnung“, das heute oft bedeutet: Wir sagen Ihnen noch einmal, was Sie ohnehin schon überall gelesen haben – nur in einer anderen Schriftart.
Wolf Schneider und die Hygienehypothese
Wolf Schneider empfahl vor rund 15 Jahren sinngemäß: Über politische Sprechblasen wahrheitsgemäß berichten heiße, in redlicher Absicht die Zeitung mit Schönfärbereien und Irreführungen zu füllen; je weniger man davon drucke, desto höher steige der Wahrheitsgehalt. Halbiert würde dabei auch die schiere Langeweile.
Das ist keine Polemik, das ist eine Art journalistische Hygienehypothese: Weniger kontaminierte Luft, weniger Erkältung. Weniger Sprechblasen, mehr Atem.
Die Agentur als Gelatinefabrik
Die Agenturen spielen dabei die Rolle der industriellen Gelatinefabrik. Sie liefern das Bindemittel: „X sagte“, „Y forderte“, „Z zeigte sich betroffen“. Danach wird portioniert: Regionalzeitung, Onlineportal, News-App, Push-Mitteilung. Ein Fließband, das nur einen Rohstoff kennt: das Gesagte. Nicht das Gemachte. Nicht das Belegte. Nicht das Herausgefundene. Das Gesagte.
Und weil täglich geredet wird, kann täglich produziert werden. Der Journalismus, einst ein Spürhund, ist stellenweise zum Papagei geworden – und wundert sich, warum ihm niemand mehr zuhört.
Francium-Meinungen und Dauerbeleuchtung
Social Media treibt diese Logik nicht an, es destilliert sie. Dort hat die Meinung die Halbwertszeit von Francium: Ein kurzer Blitz, dann Zerfall. Eine Empörung, die sich selbst frisst. Ein Thread in zwölf Teilen erklärt, warum die Lage „komplex“ sei – woraufhin dreizehn Leute kommentieren, dass sie „eben komplex“ sei. So entsteht eine Öffentlichkeit, die sich für wach hält, weil sie nie schläft. Dabei ist sie nur dauerhaft beleuchtet.
Live-Schaltungen aus Wanne-Eickel
Dazu kommt das Ex-post-Schlaumeiertum: Talkshows, Börsensendungen, Nachrichtensender, die „live“ sind, weil ein roter Balken unten durchs Bild läuft. Experten aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft kommentieren exakt das, was schon überall bis zum Abwinken berichtet wurde. Das ist Zweitverwertung mit Stirnfalte: Der Kommentar als Recyclinghof.
Und währenddessen steht ein Korrespondent in Kairo und ordnet Ereignisse im Iran ein. Dat kann ich auch in Wanne-Eickel – mit dem Vorteil, dass ich dabei wenigstens nicht so aussehen muss, als hätte ich gerade „die Großwetterlage“ erfunden.
Die große Ausrede: Großwetterlage
Wenn gar nichts mehr da ist, kommt sie: die Großwetterlage. Sie ist der Universaljoker für alles, was nicht verstanden und trotzdem gesendet werden muss: Venezuala, Lieferketten, geopolitische Komplexität, Auflösung der Blöcke – bla, bla, blub. Ein Wortschlauch, der alles berührt und nichts trifft.
Großwetterlage ist das „Vielleicht“ im Anzug: Man wirkt informiert, ohne sich festzulegen.
Eine Frischzellenkur, die wehtut
Niemand zwingt die Medien. Sie zwingen sich selbst – aus Angst, etwas zu verpassen, aus Angst, nicht dabei zu sein, aus Angst, dass ohne das Ritual der O-Töne die Welt still würde und man plötzlich merken müsste: Stille kann eine Form von Erkenntnis sein.
Man stelle sich vor: Ein Tag ohne Politikerstatements. Ein Tag, an dem Redaktionen pressetextfreie Kost servieren: Zahlen, Dokumente, Interessen, Widersprüche, Folgen. Ein Tag, an dem „Quelle“ nicht „Pressekonferenz“ bedeutet, sondern „Akte“, „Daten“, „Ortstermin“.
Das wäre nicht weniger politisch – es wäre politischer.
Schluss: Weniger Wackeln, mehr Wirklichkeit
Das politische Interesse sinkt nicht, weil Menschen zu dumm wären. Es sinkt, weil man sie mit Luft füttert und überrascht ist, dass sie nicht satt werden. Wer täglich Wackelpudding serviert, darf sich nicht wundern, wenn die Gäste irgendwann anfangen, ihre eigenen Desserts zu kochen – und dann ist im Topf nicht selten nur noch Zucker und Zorn.
Vielleicht beginnt die Frischzellenkur mit einer unromantischen Entscheidung:
Weniger „hat gesagt“, mehr „hat getan“.
Weniger „fordert“, mehr „wirkt“.
Weniger „betont“, mehr „belegt“.
Dann würden die Nachrichten nicht ärmer. Sie würden nur endlich aufhören zu wackeln.