Volkswagens schwieriger Kurs: Zwischen Kostensenkung und Innovationsstau – Ein Kommentar

Da ist er wieder, der Wolfsburger Koloss, taumelnd am Rande des Abgrunds, und die Schläge, die er kassiert, scheinen alles andere als zufällig. Vor knapp zehn Jahren habe ich den Finger schon auf die Wunde gelegt – „Die schwierige Zukunft des VW-Konzerns“, lautete die düstere Prophezeiung. Ein Menetekel für das, was heute Realität ist: Ein Riesenkonzern, dessen Füße aus Ton langsam in sich zusammenfallen.

VW, diese festgefahrene Trutzburg der deutschen Ingenieurskunst, steht vor einer historischen Zäsur. Zum ersten Mal in seiner Geschichte droht die Schließung eines Werks auf deutschem Boden. Was einst undenkbar schien, ist heute ein akutes Szenario. Es sind nicht nur die Zahlen, die den Vorstand zum Handeln zwingen, sondern eine Welt, die sich schneller verändert, als VW seine träge Massen in Bewegung setzen kann.

Als ich die Zeilen schrieb, war Matthias Müller noch das Gesicht des Konzerns, und die drängenden Fragen von damals hallen heute wider wie ein Echo aus der Vergangenheit. Schon damals war klar: Die Digitalisierung, das Software-Desaster und die Überheblichkeit der deutschen Autobauer würden ihnen irgendwann auf die Füße fallen. Der Elektromotor wurde zur Fata Morgana, während die Wolfsburger Manager noch an ihren Zwölfzylindern bastelten, unfähig, die Zeichen der Zeit zu deuten.

Die Entscheidung, eine Beschäftigungsgarantie zu kündigen, ist nur der erste Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Ein verzweifelter Versuch, das sinkende Schiff durch den Verzicht auf sein wertvollstes Gut – seine Arbeiter – zu retten.

Es ist eine Ironie der Geschichte: In den 90ern rettete VW sich durch die Einführung einer Viertagewoche und Gehaltskürzungen aus der Krise. Jetzt, in einer viel schwerwiegenderen Lage, erwägt man das Gegenteil – das Abstoßen von Arbeitsplätzen, das Schließen von Werken. Doch die Krise heute ist nicht mit der von damals zu vergleichen. Sie ist tiefer, viel tiefer. Sie ist ein Resultat der systemischen Blindheit, der Weigerung, sich zu ändern, der Verhaftung in einem Industriezeitalter, das längst von digitalen Ökosystemen überholt wurde.

Es ist ein Verfall auf Raten, ein langsames Absterben einer einst so mächtigen Organisation. Die Ingenieure von VW – einst die Götter der Autobranche – stehen nun wie einstürzende Altäre in einer Kirche, die niemand mehr besucht.

VW droht nun, wie IBM in den frühen PC-Tagen, in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen, weil es nicht verstanden hat, dass die Zukunft nicht im Stahl, sondern im Code liegt. Die dringend benötigte „Radikalkur“, von der vor Jahren schon die Rede war, ist heute überlebenswichtig.

Lutz Becker brachte es bereits vor einem Jahrzehnt auf den Punkt: „Die Software in meinem A6 ist auf dem gleichen Usability-Niveau wie meine Philips Universal Fernbedienung für TV und Video in den 1990er Jahren. Und die war damals schon schlecht.“ Dieses Versäumnis, die Digitalisierung ernsthaft anzugehen, rächt sich heute in einem Maße, das vielleicht noch nicht absehbar war, aber doch unvermeidlich schien. Die Ingenieurs-Organisation von VW stehe sich, so Becker, „selbst auf den Füßen“, ein Urteil, das nun wie ein Fallbeil über dem Konzern schwebt.

2 Gedanken zu “Volkswagens schwieriger Kurs: Zwischen Kostensenkung und Innovationsstau – Ein Kommentar

  1. Anonym

    Ich muss aktuell an die überhebliche Aussage von Matthias Müller denken und Steve Ballmer dazu. Das iPhone wird oft mit dem Niedergang von Nokia in Verbindung gebracht. Tatsächlich war es auch der Niedergang der ganzen Mobilphone-Sparte von Windows, als Steve Ballmer von Microsoft, damals Marktführer im Bereich Smartphone (mit Windows CE) das iPhone lächerlich machte.

    Matthias Müller äußerte sich ähnlich über „den Tesla“ und Philipp Rösler von der FDP lachte herzlich mit.

    Die Wahrheit ist, dass der in Deutschland zu recht unbeliebte Elon Musk mit einer Sache recht hat: „Innovation schlägt Effizienz, immer!“.

    Und das ist der Grund, warum der Effizienzweltmeister Deutschland gerade baden geht.

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