Verzetteln, vergleichen, vertagen – und dann?Der Mutausbruch als Wirtschaftsfaktor

Friedrich Merz könnte einen gebrauchen – einen echten Mutausbruch. Nach dem eher holprigen Start seiner Kanzlerschaft, dem zähen Ringen um Mehrheiten und der rhetorisch aufgeladenen Ehrenrunde im Bundestag wirkt seine Regierungsfähigkeit derzeit mehr verwaltet als inspiriert. Vielleicht hilft ihm ja ein Perspektivwechsel – etwa einer wie jener, den Sandra Baggeler auf der Zukunft Personal Süd in Halle 10 vorgeschlagen hat: Weg von der Strategie, hin zur Bewegung. Raus aus dem Kopf, rein in die Handlung.

„Mut zum Mutausbruch“ heißt das, was Baggeler ihren Coachees mit auf den Weg gibt. Und was in vielen Unternehmen, Karrieren – und möglicherweise auch Koalitionsrunden – schmerzlich fehlt.

Fensterputzen statt Fortschritt

Was zunächst wie ein netter Ratgeber-Titel klingt, entpuppte sich im Gespräch mit der Hamburgerin als kluges psychologisches Konzept – mit dem nötigen Maß an Selbstironie. „Verzetteln steht auf der Liste der inneren Verhinderer ganz weit oben.“ Gemeint ist die subtile Kunst, große Vorhaben immer wieder zu verschieben, bis plötzlich das Bücherregal neu sortiert werden muss – obwohl der Pitch längst überfällig ist.

Baggeler kennt sie alle:
– den Perfektionisten, der lieber gar nicht beginnt, weil es nicht glänzend genug wäre
– die Aufschieberin, für die Fensterputzen auf einmal strategische Bedeutung bekommt
– das Impostor-Syndrom, das leise flüstert: „Hoffentlich merkt keiner, dass ich eigentlich nichts kann.“

Und dann gibt es noch die Selbstvergleicher, die sich innerlich schon disqualifizieren, bevor sie überhaupt angefangen haben – weil andere es bestimmt besser, schneller, wirkungsvoller machen.

Koeppen, Coaching und Kontrolle

Baggeler bleibt nicht im Allgemeinen. Sie denkt in Bildern – und trifft. So wie beim Beispiel des Schriftstellers Wolfgang Koeppen, der nach ein paar gefeierten Romanen nie wieder einen veröffentlichte – aus Angst, den eigenen Maßstab nicht mehr zu erreichen. Erfolg als Falle. Qualität als lähmende Referenz.

Der Weg heraus, sagt Baggeler, beginne nicht mit dem perfekten Plan, sondern mit dem ersten Schritt. Auch wenn der nur zu 80 Prozent sitzt. „Nicht die Idee muss perfekt sein – sondern der Mut, es trotzdem zu tun.“

Führung braucht keine Helden – sondern Ermöglicher

Im Unternehmenskontext verschärft sich das Muster. Dort, wo Führung immer noch zu oft als Steuerzentrale und nicht als Resonanzraum verstanden wird, bleiben Mutausbrüche Einzelfälle – wenn überhaupt.

Baggeler fordert nicht weniger als ein neues Führungsverständnis:
Führungskraft als Enabler, nicht als Entscheider. Als jemand, der das Umfeld für Mut schafft, nicht nur Ziele definiert.

Und sie weiß auch: „Zu viel Coach auf dem Namensschild reicht nicht. Man muss den Mut wirklich begleiten – nicht nur auf Folien schreiben.“

Der nordische Weg zur Zuversicht

Als das Gespräch auf das Thema Zuversicht kommt, wird es fast philosophisch. Deutschland – in der Gallup-Studie wieder mal im globalen Mittelfeld. Die Finnen, Dänen, Isländer führen, als hätten sie einen Vertrag mit dem Glück. Warum ist das so?

Baggeler hat einen humorvollen Erklärungsversuch: „Ich lebe ja in Hamburg – wir sind geografisch einfach näher dran an Finnland.“ Es ist ein Satz zum Schmunzeln – und gleichzeitig eine Einladung zur Selbstverortung. Denn Zufriedenheit, so sagt sie, hat mit Haltung zu tun – nicht mit Headlines.

Wirtschaft braucht Wagemut – nicht nur Wachstumsziele

Der Punkt, an dem Mutausbrüche wirklich volkswirtschaftlich relevant werden, ist schnell benannt: Ohne Zuversicht kein Aufschwung. Und ohne den inneren Mutausbruch keine äußere Bewegung.

Baggeler verweist auf die kognitive Verzerrung, die viele kennen: 70 Prozent sagen, ihnen persönlich gehe es wirtschaftlich gut – aber die allgemeine Lage sei katastrophal. Eine paradoxe Kollektiverzählung, gespeist aus medialen Dauerkrisen und einem Grundgefühl, das dem Fortschritt misstraut.

Das Resultat: eine Kultur der Selbstsabotage. Pläne werden zu lange besprochen, Risiken nur noch vermieden, Talente nicht eingesetzt – aus Angst, sie könnten untergehen.

Mutausbrüche machen keine Schlagzeilen – aber Fortschritt

„Der Moment, in dem Fensterputzen attraktiver wird als ein Projekt, ist der Moment, in dem Führung versagt – oder noch gar nicht stattgefunden hat.“
Dieser Satz fasst zusammen, was Sandra Baggeler so eindrucksvoll vermittelt: Mut ist kein Zufallsprodukt. Er ist eine Entscheidung. Und manchmal auch eine Frage der Erlaubnis.

Ob im Team, im Unternehmen – oder im Kanzleramt.

Denn Mut beginnt nicht mit der großen Geste. Sondern mit der kleinen Bewegung, die endlich rausführt aus dem Dauerentwurf.

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