
Rückblick auf ein Jahr der Signale
Das Jahr 2019 begann mit einer historischen Zäsur – ein Jahrhundert Weimarer Republik. Man erinnerte sich, oft pflichtschuldig, manchmal verzerrt, selten mit der nötigen Genauigkeit. In Siegburg wurde damals ein Abend gestaltet, der sich von routiniertem Gedenken deutlich abhob. In der Literaturbuchhandlung R² – einem Ort, an dem politische und ästhetische Diskussionen noch eine Öffentlichkeit fanden – versammelte sich ein aufmerksames Publikum zu einer Veranstaltung, die sich rückblickend als konzentrierte Betrachtung der deutschen Zwischenkriegszeit erweist.
Es war zugleich der letzte Abend dieses Hauses. Die Schließung war bereits beschlossen. Die Lesung wurde so – ungeplant – zum Schlussakkord einer Institution, die zu den wenigen zählte, an denen Literatur noch als ernsthafte Form des Weltbezugs begriffen wurde.
Tucholsky: Chronist im Gegenlicht der Republik
Im Mittelpunkt des Abends stand Kurt Tucholsky. Dr. Günter Rüther, mit dem ich einst in der politischen Bildungsarbeit verbunden war, stellte sein Buch „Wir Negativen. Kurt Tucholsky und die Weimarer Republik“ vor. Keine Apologie, keine Verklärung – Rüther zeichnete ein Bild Tucholskys, das auf gründlicher Quellenkenntnis beruhte, nicht auf moralischem Überschuss.
Er las konzentriert, mit jener Ruhe, die aus jahrelanger Beschäftigung erwächst. Seine Darstellung war präzise, nicht inszeniert. Tucholsky erschien nicht als gescheiterter Warner, sondern als genauer Beobachter einer Republik, die sich selbst nicht verstand. Ein Schriftsteller, der die politische Entwicklung mit wachsender Verzweiflung kommentierte – nicht aus Bitterkeit, sondern aus der ernüchterten Einsicht, dass Aufklärung oft ungehört verhallt.
Tucholskys Polemiken, seine satirischen Glossen, seine Kabarettverse – all das zielte auf eine politische Öffentlichkeit, die bereits damals in Ritualen erstarrte. Rüther ließ den Zwiespalt stehen, ohne ihn aufzulösen: Tucholsky als Verteidiger und zugleich radikaler Kritiker einer Ordnung, die sich aus historischen Altlasten nie vollständig befreite.
Chansons zwischen Wehmut und Widerstand
Dem Vortrag folgte ein musikalisches Zwischenspiel, das Tucholskys Texte in andere Register übersetzte. Ulrich Schütte, begleitet von seinem Pianisten Trug Sam, trug politische, melancholische und freche Chansons vor – Vertonungen Tucholskyscher Gedichte, die den Spagat zwischen Witz und Wunde, Spott und Sentenz meisterhaft vollzogen. Es war kein leichter Teil des Abends. Aber ein notwendiger.
Kurt Weill – der Emigrant als Neuerfinder
Dann trat Claus Recktenwald ans Klavier. Jurist, Musikkenner, ein Intellektueller, dem das Parlando fremd ist. Er stellte einen Kurt Weill vor, wie ihn die wenigsten Deutschen, aber die meisten Amerikaner kennen: als Broadway-Komponisten, als Mann hinter Musikfilmen und Songbooks, als Partner von Textern wie Ira Gershwin.
Hier sprach nicht der deutsche Weill der Dreigroschenoper, sondern der amerikanische Künstler, der sich neu erfand – im Medium der Unterhaltung, aber mit künstlerischem Ernst. Recktenwald spielte mit Strenge, nie gefällig, nie anbiedernd. Es war Musik, die von Exil und Erfindung erzählte. Vom Fortgang – und vom Überleben durch Form.
Europa und das Meer
Den Reigen beschloss Jürgen Elvert mit einer Lesung aus seinem Erfolgstitel Europa, das Meer und die Welt. Eine Passage über Seewege, Identitätsräume und geopolitische Horizonte – am Ende dieses ohnehin dichten Abends wirkte sie wie ein Rückgriff in größere Zusammenhänge. Die Fragilität des Republikanischen, der Kulturbruch des Exils, die Frage nach Europas Zukunft: Sie stehen nicht isoliert nebeneinander. Sie gehören in ein Kontinuum.
Der Verlust des Orts
Am Rande blieb die Tatsache nicht unbemerkt, dass dies die letzte Veranstaltung im R² war. Andreas und Paul Remmel, die Betreiber, hatten sich zur Schließung entschlossen. Die Umstände – steigende Mieten, strukturelle Verdrängung – sind bekannt. Aber der Verlust ist damit nicht erklärt.
Orte wie dieser, an denen gelesen, gesprochen und gestritten wurde, sind nicht einfach Läden. Sie sind Speicher kollektiven Wissens. Ihr Verschwinden bedeutet mehr als wirtschaftliches Scheitern – es bedeutet das Verstummen einer Form von Öffentlichkeit, die auf Reflexion setzte, nicht auf Reichweite.
Kein Nachruf, sondern ein Signal
Der Abend endete ohne große Gesten. Kein symbolischer Schlussakt, kein Nachruf. Aber er hinterließ Eindruck. Wer Tucholsky las, Weill hörte und Elvert zuhörte, wurde erinnert an etwas, das zu oft verschüttet wird: Dass Demokratie nicht von selbst entsteht. Dass politische Kultur nicht ohne Erinnerung auskommt. Und dass der Ernst der Lage sich nicht in Alarmismus erschöpft, sondern in Analyse und Gestaltung zeigt.
Rüther hat mit seinem Buch kein Denkmal gesetzt, sondern ein Instrument zur historischen Selbstprüfung vorgelegt. Tucholsky blieb darin nicht das literarische Gewissen der Republik, sondern deren schärfster Befrager. Die Fragen, die er stellte, sind nicht beantwortet. Der Abend in Siegburg hat sie neu gestellt – im Wissen, dass es auf die Antworten ankommt.
Exkurs zur Lesung mit Markus Gabriel in Siegburg: Zwischen Globus-Anekdote, Weltabschaffung und Scharfsinn
„Hören mich die, die unten sitzen, auch?“ – Mit dieser charmant schelmischen Frage eröffnete Paul Remmel die Auftaktveranstaltung der neuen philosophischen Reihe „R² Katheter“ in der Literaturbuchhandlung R² in Siegburg. Eine Frage, die im Rückblick fast programmatisch für den Abend stand. Denn was folgte, war nicht nur auf allen Plätzen gut hörbar – es war auf vielen Ebenen hörenswert: intellektuell fordernd, rhetorisch glänzend, überraschend komisch – und vor allem: erkenntnisreich.
Die Eröffnung des Abends hatte etwas von einem philosophischen Varieté: Zwischen Bonner Anekdoten, Globen aus der elterlichen Wohnung und dem kleinen Dilemma, wie man eine Reihe nach Markus Gabriel sinnvoll fortsetzt, entwickelte sich schon vor dem eigentlichen Vortrag eine Atmosphäre zwischen Salon und Hörsaal. Moderator Bastian Reichard, ebenfalls philosophisch geschult, sorgte für die strukturierte Überleitung ins Gespräch – und überließ einem der bekanntesten Philosophen der Gegenwart die Bühne.
Was es gibt – und was es (nicht) gibt
Gabriels Vortrag, eine fein komponierte Mischung aus Philosophie, Polemik und performativer Lust am Denken, kreiste um die provokante These seines Buches „Warum es die Welt nicht gibt“. Was für manche wie ein launiger Aphorismus klingt, entfaltete sich in Siegburg als präzise begründete Argumentation gegen philosophische Überverallgemeinerungen, gegen naturalistische Reduktionen – und gegen das Missverständnis, dass populär gleich populistisch bedeuten müsse.
Gabriel nimmt sein Publikum ernst – ganz im Gegensatz zu manchem Fernsehphilosophen, dessen Namen Gabriel zwar nicht überbetont, aber mit scharfer Zunge einordnet. Seine Kritik an Richard David Precht etwa hatte er bereits vor über einem Jahrzehnt formuliert – sie wirkt heute hellsichtig und notwendig.
Von Toilettenspülungen bis Hexen in Faust
Gabriel begann mit einem scheinbar einfachen sprachphilosophischen Gedankenexperiment: Was bedeutet es eigentlich, wenn wir sagen „es gibt“ etwas? Es gibt Bonn, Toilettenspülungen, Zahlen, Hexen in literarischen Werken – aber was haben all diese Dinge gemeinsam? Und warum funktioniert die geläufige Definition „etwas existiert, wenn es in der Raumzeit vorkommt“ offensichtlich nicht für Zahlen oder literarische Figuren?
Mit Witz und Scharfsinn führte Gabriel sein Publikum in eine alternative Ontologie ein, die sich nicht durch Vereinfachung auszeichnet, sondern durch den Verzicht auf falsche Vereinheitlichung. Er nennt es augenzwinkernd eine „Dschungelontologie“: Eine Philosophie, die zulässt, dass unterschiedliche Dinge auf unterschiedliche Weise existieren – ohne sie in eine übergeordnete Superkategorie („die Welt“) zu pressen.
Zwischen Wittgenstein und Lasagne
Einer der humorvollsten Momente des Abends: Gabriels Attacke auf das naturwissenschaftliche Weltbild, das alle Phänomene – auch Liebe – auf Neurochemie reduzieren will. „Stellen Sie sich vor, Sie sitzen beim Candle-Light-Dinner und sagen: Wie ist eigentlich dein Neurococktailpegel gerade?“ – Das Publikum lachte befreit. Die Pointe: Solche Reduktionen sind nicht nur absurd, sie verfehlen auch die Lebenswirklichkeit – und das, was wir Wahrheit nennen können.
Denken als Vergnügen – und als Widerstand
Am Ende bleibt die Einsicht: Markus Gabriel bringt Philosophie zurück in die gesellschaftliche Debatte – nicht als elitäres Elfenbeinturmspiel, sondern als ernsthafte, öffentlichkeitswirksame Denkarbeit. Seine These, dass es „die Welt“ nicht gibt, ist kein Slogan, sondern ein Aufruf zur intellektuellen Redlichkeit. Eine Einladung, genau zu unterscheiden, differenziert zu argumentieren und die große Geste der Weltbeschreibung durch präzises Denken zu ersetzen.
Die Literaturbuchhandlung R² in Siegburg war an diesem Abend mehr als ein Ort des Buchverkaufs – sie wurde zum Resonanzraum für eine Philosophie, die ernst nimmt, was gesagt werden kann. Und die mit einem kleinen Satz begann, der sich wie ein ironisches Echo durch den Abend zog: „Hören mich die, die unten sitzen, auch?“ – Ja, sie hörten. Und sie dachten mit.