
Immer dieser moralische Schaum, der uns jeden Morgen entgegenschwappt. Aufkochen, abschäumen, umrühren, Meinung servieren. Wer sich verweigert, ist raus. Pandemie war nur der Anfang, das Symptom, das große Aufräumen der richtigen Gefühle. Jetzt, Jahre später, hat sich der Reflex verselbständigt: erst die Diagnose, dann der Pranger. Klimaleugner, Putinversteher, Palästina-Relativierer, Verpackungs-Verschwender. Alle im selben Dunstkreis der Gerechten. Ein Land im Dauer-Lynch der Gesinnung.
Und keiner redet mehr über Politik. Über Politik! Über die Frage, warum die Mehrwegquote in der Kohl-Ära bei 80 Prozent lag und heute bei 40 herumkriecht. Weil? Trittin-Pfand, Dosenautomaten, PET-Orgien. Weil niemand den Unterschied kennt zwischen Anreiz und Steuer, zwischen Preiswahrheit und Mengensteuerung. Aber Hauptsache: Thermosbecher aus recyceltem Bambus. Selfie mit Jutebeutel. Haltung beim Latte. In der Wirklichkeit: Camouflage.

Wir brauchen Vernunft, nicht Betroffenheitskunst. Marc Aurel, Kants Imperativ, Helmut Schmidt im Geiste: Gelassenheit, Urteilskraft, Pflicht. Nicht dieses ewige TwitterX-Bluesky-Mastodon-Gefühl, das sich an provokativ-frechen Postings wundreibt. Mehr Schmidt wagen, weniger Moral-Schminke. Vernunft als Pflichtübung, nicht als Pose.
Schmidt hätte die Timeline nicht ausgehalten. Dieses permanente Schrei-Turnen, diese rhetorischen Schnellschüsse, die sich für Erkenntnis halten. Er hätte die Zigarette angezündet, den Rauch zur Seite geblasen und gefragt: „Und was genau ist jetzt Ihr politisches Konzept?“ Kein Mensch hätte geantwortet, alle hätten Moral getweetet.
Der Diskurs als Straflager. Das Denken als Risiko. Wer abweicht, kriegt Etikett. Wer nachfragt, steht unter Verdacht. Dabei beginnt alles Denken mit dem Zweifel. Wissenschaftstheoretiker Hans Albert wusste das, Popper sowieso: Falsifikation, nicht Fühlisation.
Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung der Gegenwart: dass wir alles durch moralische Schablonen jagen, aber kein Werkzeug mehr besitzen, um Wirklichkeit zu gestalten. Statt Pragmatismus in sittlicher Absicht – Gesinnung in hysterischer Dauerrotation. Kant würde die Augen verdrehen, Schmidt den Kaffee nachgießen, Popper die Hypothese verwerfen.
Vielen Dank für die klare Kante! Es tut wirklich not, unseren Empörungsnotstand als das zu benennen, was er ist. Wobei wir unsere Bewertungen zu Plastikmüll, isalmistischer Terror, russischer Imperialismus und – ja, natürlich – drohende Kipppunkte des Klimawandels benennen sollen. Rational. Und daraus Handlungen ableiten. Was ein europäisches, aber scheinbar insbesondere deutsches Problem zu sein scheint.
Europa, und besonders Deutschland, hat sich in eine eigentümliche Diskurs-Schleife manövriert: Wir bewerten schneller, als wir verstehen. Wir urteilen, bevor wir prüfen. Dabei wäre die eigentliche Stärke des alten Kontinents doch genau das – die Fähigkeit zur Differenzierung, zum Denken ohne Schaum vor dem Mund.