
Die Lage ist ernst – doch nicht alternativlos. Ein Gespräch mit Marcel Apel vom Kernspinnzentrum Hamburg über pragmatische Ansätze, bürokratische Hürden und das unterschätzte Potenzial von KI in der Radiologie.
Wer dieser Tage durch die Gänge der Zukunft Personal Nord in Hamburg schreitet, begegnet einem Paradox: Während auf den Bühnen über den Fachkräftemangel diskutiert wird, sind die Hallen voll, die Gespräche lebendig, die Themen vielfältig. Auch Marcel Apel, Geschäftsführer des Kernspinnzentrums Hamburg und Vorstandsmitglied der Berufsfachgesellschaft der medizinisch-technologischen Radiologie, spricht über Mangel – aber mit einem bemerkenswert pragmatischen Tonfall. „Wir suchen händeringend medizinisch-technologische Radiologie-Fachkräfte“, sagt Apel. „Und gleichzeitig erleben wir täglich, wie schwer es ist, hochqualifizierte Bewerber aus dem Ausland in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren.“
Ein Beruf zwischen Hochtechnologie und Anerkennungshürden
Der Beruf der MTR (medizinische Technologin / medizinischer Technologe für Radiologie) sei essenziell für die moderne Gesundheitsversorgung, so Apel. Deutschlandweit seien etwa 30.000 Fachkräfte im Einsatz, das Durchschnittsalter liege bei Mitte 50. Die Altersstruktur spricht für sich: In den kommenden zehn Jahren droht ein personeller Aderlass, dem der Ausbildungsmarkt nur unzureichend entgegentritt. Gleichzeitig steigen die Anforderungen – nicht zuletzt durch mehr bildgebende Verfahren, steigende Patientenzahlen und neue Versorgungsaufträge.
Das Problem ist vielschichtig. In Deutschland erfolgt die Qualifikation für den MTR-Beruf im Rahmen einer dreijährigen dualen Ausbildung. In vielen anderen europäischen Ländern jedoch ist es ein akademischer Studiengang – mit teils höherer theoretischer und praktischer Ausbildung. Doch statt diese Abschlüsse anzuerkennen, verlangt die deutsche Bürokratie häufig die vollständige Nachholung der Ausbildung – ein Hindernis, das viele abschreckt. „Wir erleben es regelmäßig, dass ausgebildete Bachelor- oder Masterabsolventen aus dem Ausland das System frustriert verlassen“, berichtet Apel.
Remote Scanning als Antwort auf starre Systeme
Angesichts solcher strukturellen Defizite hat das Kernspinnzentrum Hamburg eigene Wege eingeschlagen. Der wohl bemerkenswerteste: Remote Scanning. Dabei werden bildgebende Geräte nicht vor Ort, sondern aus der Ferne bedient – durch qualifiziertes Fachpersonal, das beispielsweise in Süddeutschland oder sogar im Ausland sitzt. Was technisch anspruchsvoll klingt, ist in der Praxis längst Alltag: „Das ermöglicht uns, qualifizierte Mitarbeitende zu gewinnen, ohne deren Lebensmittelpunkt infrage zu stellen“, erklärt Apel.
Die Effekte sind weitreichend: Teilzeitkräfte können leichter in Vollzeitstrukturen integriert werden, ältere Mitarbeiter bleiben länger im Beruf, Belastungen sinken, Versorgungsqualität steigt. „Remote Scanning ist für uns ein echter Gamechanger“, so Apel.
KI macht Arbeit menschlicher
Hinzu kommt der Einsatz künstlicher Intelligenz – nicht als Ersatz für Fachkräfte, sondern als Entlastung. Apel betont, dass KI in der Bildverarbeitung, Nachbearbeitung und sogar in der Befundungsunterstützung wertvolle Dienste leistet. „Wir schaffen so Freiräume für das, was den Beruf eigentlich ausmacht: die Interaktion mit den Patienten.“ Die Vorstellung, KI sei ein rein rationalisierendes Instrument, hält er für ein Missverständnis: „Richtig eingesetzt macht KI die Arbeit menschlicher.“
Die Rolle der Politik: zwischen Anspruch und Realität
Trotz aller betriebsinternen Innovationen bleibt Apel Realist. Die strukturellen Hürden sind mit technischem Fortschritt allein nicht zu beseitigen. Er fordert eine Vereinfachung der Anerkennungsverfahren ausländischer Abschlüsse, den Abbau bürokratischer Hürden und eine zukunftsgerichtete Familien- und Bildungspolitik. Die Politik sei in der Pflicht, das regulatorische Fundament für ein modernes Gesundheitswesen zu schaffen – international offen, digital effizient und dem demografischen Wandel gewachsen.
Ein Beruf, der unbekannt ist – und doch unverzichtbar
Abseits der großen Politik bleibt ein Anliegen besonders dringlich: den MTR-Beruf bekannter zu machen. „Ohne Bildgebung findet heute keine moderne Behandlung mehr statt“, so Apel. Doch kaum jemand kenne das Berufsbild oder seine Bedeutung. Eine deutschlandweite Informationskampagne soll das ändern – auch mit dem Ziel, mehr junge Menschen für die Ausbildung zu gewinnen.
Fazit: Der Weg ist da – man muss ihn nur gehen
Was Apel in Hamburg präsentiert, ist kein utopisches Konzept, sondern gelebte Praxis. Remote Scanning, KI-Einsatz, pragmatische Rekrutierung – das alles zeigt: Lösungen existieren. Was fehlt, ist die Geschwindigkeit im politischen Raum. Und vielleicht der Mut, neue Wege nicht nur zu denken, sondern endlich zu gehen.