Pulver gegen die Prognose: Dritter Skitag in Samnaun – und ein Nachmittag am Stifterhaus

Der dritte Skitag begann mit einer kleinen Widerlegung der Meteorologie. Die Vorhersage war nicht besonders verheißungsvoll, der Morgen dann aber durchaus. Oben lag frischer Pulverschnee, nicht in jener brav präparierten Form, die einem die Arbeit abnimmt, sondern weich, aufnahmebereit, stellenweise geradezu zum Durchpflügen.

Zurück in Pfunds rückt dann wieder etwas anderes in den Blick: nicht die Weite der Hänge, sondern die Dichte des Ortes. Direkt neben dem Hotel Kreuz steht das Stifterhaus, und schon der Name wirkt so, als müsse er aus einer älteren Ordnung stammen, in der Häuser nicht nur Adressen, sondern soziale Rollen hatten.

Die Tafel am Gebäude ist knapp und dabei außerordentlich ergiebig. Das Haus wurde demnach im 15. oder 16. Jahrhundert erbaut. Das Straßenniveau habe früher tiefer gelegen; ein nordseitig zugemauertes Fenster zeuge noch davon. Das obere Fresko zeigt die Heilige Familie auf der Flucht, datiert auf 1772, das untere ein Mariahilf-Bild um 1600. Und selbst die Bezeichnung „Stifterhaus“ wird nicht nur behauptet, sondern vorsichtig hergeleitet: Sie könnte mit der Gründung des daneben erbauten Spitals, des heutigen Gemeindehauses, zusammenhängen.

Das ist für eine einzige Hauswand bemerkenswert viel Geschichte.

Frömmigkeit an der Fassade

Die beiden Wandmalereien sind dabei nicht bloß dekorative Reste, sondern kleine theologische Programme. Oben die Flucht der Heiligen Familie – also jener Moment, in dem das Heilige nicht triumphiert, sondern bedroht ist, unterwegs, verletzlich, auf Schutz angewiesen. Man muss kein Frömmigkeitsspezialist sein, um zu spüren, warum ein solches Motiv in einem Alpenort Sinn ergibt. Die Berge kennen seit jeher das Thema des Unterwegsseins, des Ausweichens, des Sich-Durchbringens.

Darunter das Mariahilf-Bild. Seine kulturgeschichtliche Tiefenschicht reicht weit über Pfunds hinaus. Das Motiv geht auf das berühmte Gnadenbild zurück, das im Tiroler Raum seit dem 17. Jahrhundert in unzähligen Kopien verbreitet wurde und zu den meistverehrten Marienbildern des Alpenraums zählt. Gerade weil Maria darin nicht als entrückte Himmelskönigin, sondern als Mutter mit Kind erscheint, wurde das Bild in Tirol so populär – auf Altären, in Stuben, an Fassaden.

Am Stifterhaus ist davon heute nur noch eine verblasste, aber gerade dadurch eindrucksvolle Spur zu sehen. Das Bild ist nicht restauratorisch geschniegelt, sondern verwittert, ausgedünnt, beinahe ins Mauerwerk zurückgesunken. Und gerade deshalb wirkt es. Es erinnert daran, dass Volksfrömmigkeit früher nicht im Kircheninneren endete, sondern buchstäblich auf die Straße trat.

Wohlstand, Verkehr, Fassaden

Pfunds war über Jahrhunderte kein abgelegenes Nest, sondern ein Ort am Durchgang. Die Gemeinde verweist selbst auf die alte Nord-Süd-Verbindung über den Reschenpass und ins Engadin, die dem Ort Verdienstmöglichkeiten brachte; schon die Römer führten die Via Claudia Augusta durch das Gemeindegebiet. Aus diesem Verkehrsraum erwuchs Wohlstand, und der schrieb sich in Häusern, Höfen und Fassaden ein. In den Zentren der beiden Ortsteile stehen bis heute stattliche Häuser mit Fassadenmalerei im Engadiner Stil – sichtbare Zeichen einer Zeit, in der Handel und Handwerk hier mehr hinterließen als nur Durchreise.

Das Stifterhaus gehört in diese Welt. Es ist kein Solitär, sondern Teil einer Baukultur, die Frömmigkeit, Repräsentation und Alltagsnutzung miteinander verband. Vielleicht ist das der eigentliche Reiz: Das Haus will gar nicht pittoresk sein. Es ist einfach alt, gebraucht, überformt, weitergetragen. Ein Gebäude mit Gedächtnis.

Nebenan das Hotel, gegenüber die Gegenwart

Und daneben das Hotel Kreuz, freundlich beleuchtet, offen, gastlich, ohne falschen Historismus. Zwischen beiden Häusern liegt nur ein paar Schritte Raum und doch eine kleine Dorfgeschichte: hier das alte Pfunds mit seinen Fresken, Stiftungen und Straßenniveaus; dort der heutige Betrieb, in dem man nach dem Skitag zurückkehrt, isst, redet, sich aufwärmt. So sollte ein Wintersportort vielleicht überhaupt funktionieren – nicht als künstliche Themenwelt, sondern als Gegenwart mit Nachbarschaft zur Vergangenheit.

Blick nach morgen

Für morgen ist ein Abstecher nach Galtür geplant. WetterOnline kündigt dort freundliches Wetter an: ein trockener Tag mit Sonne und Wolken. Nach den Erfahrungen dieses dritten Skitags darf man daraus vorsichtigen Optimismus ableiten. In den Bergen ist das bekanntlich die vernünftigste Form der Hoffnung.

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