Anonymität ist kein Freibrief – Klarnamenpflicht aber auch kein Heilmittel

Stefan Pfeiffer argumentiert in einem Blogbeitrag überzeugend gegen den reflexhaften Ruf nach einer Klarnamenpflicht: Wer Pseudonymität pauschal abschafft, trifft sehr oft diejenigen, die sie als Schutz brauchen – Whistleblower, Minderheiten, Menschen in Abhängigkeitsverhältnissen. Der „chilling effect“ ist real: Schon die Drohung, identifizierbar zu werden, kann reichen, um legitime Rede zu unterlassen. Genau deshalb ist es rechtspolitisch nicht trivial, den Namen zur Eintrittskarte in die digitale Öffentlichkeit zu machen. Zum Spannungsverhältnis Anonymität/Meinungsfreiheit siehe etwa die Übersicht des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags.

Trotzdem bleibt mir in der Debatte oft ein blinder Fleck: Auch Anonymität hat Schattenseiten – und zwar nicht nur abstrakt, sondern konkret für diejenigen, die heute besonders häufig Ziel digitaler Aggression sind: Politikerinnen und Politiker (bis hinein in Drohungen gegen Familien), queere Menschen, Aktivisten, Journalisten. Wer schon einmal gesehen hat, wie schnell aus „Kommentar“ eine koordinierte Kampagne wird, weiß: Anonymität senkt die Eintrittskosten für Angriff und Masse. Sie ist Schutzschild – und sie ist Werkzeug.

Der Fehler liegt im Entweder-oder

Die öffentliche Diskussion tut oft so, als gäbe es nur zwei Zustände:

Klarnamenpflicht (staatlich oder über Plattform-AGB)

Anonymität ohne jede Verantwortung

Beides ist problematisch. Das praktikable Prinzip heißt pseudonyme Öffentlichkeit bei zugleich rechtsstaatlicher Nachverfolgbarkeit im Einzelfall: öffentlich kein Zwang zur Selbstentblößung – aber bei Straftaten eine belastbare Spur, die unter Richtervorbehalt geöffnet werden kann. Genau diese Differenz – öffentlich pseudonym, im Innenverhältnis identifizierbar – ist viel näher an liberaler Ordnungspolitik als der große Holzhammer „Klarnamen für alle“.

Dass Plattformen nicht ohne Weiteres per AGB eine generelle Klarnamenpflicht durchdrücken dürfen, hat der BGH (jedenfalls für die damalige Rechtslage/Altfälle) deutlich gemacht.

Der paternalistische Reflex ist das eigentliche Grundproblem

Was mich an der gegenwärtigen Gemengelage (links wie rechts) irritiert, ist weniger der einzelne Vorschlag als die Gesinnung dahinter: Pflichten, Vorschriften, Ermahnungen als Ersatz für politische Gestaltung. Heute Klarnamen, morgen Upload-Filter, übermorgen „Nutzt doch bitte die richtigen Plattformen“ – am besten gleich eine öffentlich-rechtliche. Es ist ein Denken, das Menschen als zu lenkende Objekte behandelt.

Das steht quer zum Freiheitsideal der Aufklärung: „Sapere aude“ – bediene dich deines eigenen Verstandes. Autonomie ist nicht nur ein Sonntagswort, sie ist eine Zumutung: Der Staat darf nicht in Permanenz versuchen, Charakterbildung durch Normtechnik zu ersetzen.

Und dann noch der gefährliche Nebentrend: Bürgerinnen und Bürger als Hilfspolizei

Ebenso fragwürdig finde ich den moralischen Imperativ „Meldet das!“ als gesellschaftliches Leitmotiv. Natürlich braucht es Hinweise – ohne Opferanzeigen, ohne Zeugenaussagen keine Strafverfolgung. Aber der Ton macht die Musik: Wenn „Melden“ zur Bürgerpflicht stilisiert wird, kippt es kulturell schnell in Denunziantentum und sozial in Misstrauen.

Rechtsstaatlich sauber wäre:

Plattformen müssen wirksame, nachvollziehbare Verfahren haben (Notice-and-Action, Beweissicherung, schnelle Reaktion bei Bedrohungen).

Der Staat muss konsequent verfolgen, mit spezialisierten Einheiten und praxistauglichen Auskunftswegen – von der Staatsanwaltschaft bis zur Polizei.

Bürgerinnen und Bürger sind nicht Blockwarte, sondern – wenn betroffen – Anzeigeerstatter oder Zeugen.

Was folgt daraus – jenseits von Klarnamenpflicht und Naivität?

Wer digitale Gewalt gegen Politikerinnen, Politiker und queere Menschen ernst nimmt, braucht drei Dinge – nicht eine symbolische Identitätspflicht:

Rechtsstaatliche Durchsetzung statt moralischer Appelle
Strafanzeigen müssen schneller zu Ergebnissen führen; Drohungen und Volksverhetzung dürfen nicht im Aktenstau versanden.

Plattformpflichten, die wirken
Nicht „Name drauf“, sondern: Rate-Limits gegen Massenangriffe, Schutzmechanismen gegen Doxxing, bessere Moderationsprozesse, transparente Beschwerdewege, konsequente Sperren bei Wiederholungstätern.

Differenzierte Identitätsmodelle
Pseudonyme für die Öffentlichkeit; optionale Verifizierung für Reichweite/Vertrauensfunktionen; Identitätsöffnung nur bei schweren Fällen und mit rechtsstaatlichen Hürden.

    So schützt man gleichzeitig freie Meinungsäußerung und körperliche wie soziale Sicherheit der Angegriffenen – ohne den liberalen Kern zu opfern.

    Replik zum Beitrag von Stefan:

    Recruiting 2026: Wenn die Jobsuche „conversational“ wird – und HR noch über Sichtbarkeit streitet

    Holger Schmidt (FAZ) schreibt über das amerikanische KI-Paradoxon: Wachstum ohne Jobaufbau, Produktivität rauf, Beschäftigung flach. Man kann daraus eine große Arbeitsmarkt-Dystopie ableiten. Man kann aber auch – und das war für mich der deutlichere Befund der – auf die Stellschraube schauen, die Deutschland sofort trifft: Matching. Nicht als Buzzword, sondern als harte Realität im Recruiting.

    Denn während wir in Deutschland noch über „Fachkräftemangel“ diskutieren, als sei das eine Stimmungslage, zeigt Robindro Ullah (Trendence): Der Arbeitsmarkt ist längst dabei, sein Betriebssystem zu wechseln. Und HR läuft Gefahr, mit dem alten Betriebssystem weiter zu patchen.

    Der Kandidat ist nicht „das Problem“. Der Prozess ist es.

    Ullah kommt nicht mit Bauchgefühl, sondern mit Daten. Trendence erhebt die Zahlen im „HR Monitor“, einer Langzeitstudie mit monatlichen Updates und rund 10.000 Befragten je Iteration; die in der Session verwendeten Daten stammen aus 2024, gefiltert auf Fachkräfte mit technischem Hintergrund.

    Damit stellt er HR eine unangenehme Diagnose: Wir reden gern über „die Zielgruppe“, wenn wir eigentlich über unsere eigenen Reibungsverluste sprechen. Und wir schieben Kandidat:innen gern vor, wenn es darum geht, Innovationen zu blockieren – in seinen Folien steht das ziemlich unmissverständlich: Kandidat:innen würden „gern vorgeschoben“, wenn es ums „Verhindern von technischen Neuerungen“ geht.

    Conversational Job Search: Die Stellensuche verschiebt sich – und zwar schon jetzt

    Der spannendste Punkt der Session ist nicht „KI im Recruiting“ (das ist 2024-Vokabular), sondern „Conversational Job Search“: die Stellensuche als Dialog mit der KI. Ullah formuliert es als Trendwende: „Die Suche nach Stellenangeboten verschiebt sich in Richtung KI“.

    Und dann kommt die Zahl, die man sich als Arbeitgeber an den Monitor kleben sollte: 50 Prozent geben zu Protokoll, passende Stellenangebote via KI zu suchen.

    Das ist keine Zukunftsmusik. Das ist Gegenwart. Und es bedeutet: Wer Recruiting immer noch wie einen Schaukasten denkt („Sichtbarkeit“, „Reichweite“, „SEO“), hat das Spiel nicht verstanden. Ullah setzt den Satz daneben, der wie ein Hieb gegen die HR-Routine wirkt: Während wir über Sichtbarkeit sprechen, übersehen wir den dialogischen Ansatz der LLMs; „die GEO/SEO Diskussion war gestern – wir werden conversational“.

    Wenn Kandidat:innen mit KI suchen, dann wird die Stellenausschreibung nicht nur „gefunden“, sondern interpretiert, gerankt, empfohlen – im Dialog. Damit verschiebt sich die Frage: Nicht „Wie sichtbar sind wir?“, sondern „Wie gut sind wir beschreibbar – für Menschen und Maschinen?“.

    Daten für Führungskräfte: Der härteste KPI ist die Besetzbarkeit

    Ullah macht noch einen zweiten Move, der für Unternehmen Gold wert ist: Er dreht Recruiting aus der HR-Innenperspektive heraus und in Richtung Führungskraft-Dialog. Seine These: Wer Hiring Manager steuern will, braucht ein Datenset, das nicht nur hübsch klingt, sondern die Realität abbildet.

    Dafür nutzt Trendence u.a. den „Recruiting Kompass“ – eine Analyse von 3 Millionen Stellenanzeigen. Daraus leitet Ullah einen Satz ab, der wie ein Management-KPI klingt (und auch so behandelt werden sollte): Wie schwer oder leicht eine Vakanz zu besetzen ist, sei „eine sehr wichtige Information“, gerade für den Dialog mit der Hiring Managerin oder dem Hiring Manager.

    Das ist der Punkt, an dem Recruiting aufhört, „HR-Service“ zu sein, und anfängt, Business-Steuerung zu werden: Wenn ich die Besetzbarkeit kenne, kann ich Prioritäten setzen, Jobdesign diskutieren, Gehaltsbänder plausibilisieren, Qualifizierung anstoßen – oder, ganz banal: endlich begreifen, warum ein „Wunschprofil“ manchmal ein Fantasieprodukt ist.

    Die neue Härte im Markt: Mehr Bewerbungen, weniger Signal

    Das ist die ironische Nebenwirkung der KI-Jobsuche: Sie macht Kandidat:innen schneller und besser – und sie macht Unternehmen selektiv überfordert. Tobias Zimmermann hat es in einer anderen Session sehr plastisch beschrieben: Bewerber nutzen ChatGPT am Smartphone, können passgenauer formulieren und zugleich mehr Bewerbungen rausschicken – „es ist einfach einfacher geworden, gute Bewerbung zu schreiben“.

    Ullahs Befund passt dazu: Wenn die Suche dialogisch wird, steigt nicht nur die Zahl der Kontaktpunkte. Es steigt auch die Erwartung an Prozessqualität – an Geschwindigkeit, Transparenz, Feedback, realistische Kommunikation. Recruiting wird zum Produkt. Und wie bei jedem Produkt gilt: Wenn es ruckelt, geht der Nutzer zur Konkurrenz.

    Wer „conversational“ ignoriert, baut Recruiting für 2016

    Das amerikanische „Jobless Growth“-Narrativ ist faszinierend – aber es lenkt in Deutschland leicht ab. Unser akuter Engpass ist nicht „zu wenig Arbeit“, sondern zu wenig Passung. Und Robindro Ullah zeigt sehr nüchtern: Die Stellensuche dreht sich bereits in Richtung KI-Dialog, die Datengrundlagen liegen auf dem Tisch, die Prozesslogik muss nachziehen.

    Wenn jeder zweite Jobs via KI sucht, dann ist die entscheidende Frage nicht mehr, ob HR Chatbots einführt. Die Frage lautet: Ist die Arbeitgeberstory, der Job, der Prozess so strukturiert, dass er im Dialog überzeugt – bei Menschen und bei Maschinen?

    Wer das nicht ernst nimmt, bekommt keinen „Jobless Boom“. Er bekommt etwas viel Banaleres: unbesetzte Stellen, verschleppte Projekte, und ein Recruiting, das im eigenen Ticketsystem stecken bleibt.

    Siehe auch:

    Kartonlicht und Kupferstichrauch: Über Ragnar Helgi Ólafssons „Die Bibliothek meines Vaters“ im Update Juni zweitausendfünfundzwanzig

    Das Update, das alles zusammenschiebt

    Die Strawberries Champagne Bar hat geschlossen. Guðmundur Jónasson, der letzte der Petsamo Pilger, ist gestorben. Und unten, im Keller, liegen die Überreste der väterlichen Bibliothek in Kartons, unbewegt und still. Mit dieser knappen Nachrichtenlage beginnt plötzlich ein ganzer Roman der Dinge: Nicht nur Menschen verschwinden, auch Orte, auch Routinen, auch jene Nebenbühnen des Lebens, an denen man merkt, wie Zeit arbeitet. Das Update wirkt wie ein kleiner Zusatz am Rand, ist aber die eigentliche Beleuchtung: Das Buch hat seine Zukunft bereits hinter sich, und die Kartons haben gewonnen.

    Worum es geht, wenn ein Bücherzimmer aufgelöst wird

    Der Erzähler sitzt im Arbeitszimmer des verstorbenen Vaters. Die Mutter wird umziehen und kann nur einen Bruchteil der Bücher mitnehmen. Der Sohn und der Bruder sollen räumen. Der Plan klingt nach einem langen Wochenende, nach entschlossener Vernunft, nach jener Sorte Tatkraft, die man sich selbst zuspricht, bevor man an einer Aufgabe scheitert, die größer ist als jede Selbstzuschreibung. In den Regalen stehen Bücher aus mehreren Jahrzehnten, in Keller, Garage und Flur lagert weiteres Material. Der Sohn zählt und schätzt, vorsichtig, weil Zahlen in solchen Momenten eine Art falscher Sicherheit geben. Dann wird aus der Aufgabe eine zweite Verabschiedung, nicht nur vom Vater, sondern vom Buch als Objekt, vom Buch als Zeitform.

    Diese Erzählung ist keine Bibliophilenidylle. Sie ist Räumungsliteratur. Und die Räumung ist hier nicht bloß Arbeit, sondern eine moralische Maschine: Behalten, verschenken, verkaufen, tauschen, wegwerfen. Jeder Griff ans Papier wird zur Entscheidung darüber, was ein Leben war und was davon hinüber darf.

    Kellerpolitik und die Kunst des Selbstbetrugs

    Der Sohn träumt von Klarheit, von ideologisch sauberen Schnitten. Die Wirklichkeit antwortet mit einer Stumpfheit, die man gut kennt: Keine klare Linie bleibt lange klar, weil Bindungen nicht ordentlich sind. Am Ende nimmt er selbst Kartons mit nach Hause. Er nennt das einen Waffenstillstand, nicht Frieden. Unten im Keller darf stehen, was oben im Wohnzimmer als Niederlage gelten würde. Kartons in Regalen sind plötzlich keine Regale mehr, nur weil sie im Untergeschoss stehen. So schreibt dieses Buch seine Komik: aus der juristischen Spitzfindigkeit, die man braucht, um sich selbst weiter ertragen zu können.

    Das Aufräumen wird zur Liturgie der Verschiebung. Noch eine Kanne Kaffee, noch ein Karton, noch eine Ausnahme. Der Text kennt diese Schleifen und macht aus ihnen ein Verfahren, fast ein Stilprinzip: Nicht das Ergebnis erzählt, sondern die fortgesetzte Unfähigkeit, ein Ergebnis zuzulassen.

    Volkskundliche Begebenheiten, Unglücksarchive, Witzhefte als Störsignale

    Den schwersten Widerstand leisten ausgerechnet die Bände, die man am ehesten für entbehrlich hielte: jene Reihen des Pjóðlegur fróðleikur, Sammlungen von Schäden, Missgeschicken, Unwettern, Niederlagen, Katastrophen und alltäglichem Unglück. Der Erzähler staunt über ihre Menge, aber mehr noch über ihren Sinn. Diese Bücher sind nicht nur Dokumente. Sie sind eine Kulturtechnik gegen das Verschwinden: Wer aufschreibt, glaubt an Haltbarkeit, selbst wenn er nur Brüche archiviert.

    Zu den besten Funden gehört das Unpassende. Eine dünne Broschüre mit Witzen und Geschichten lustiger Leute, die sich zwischen Management-Taschenbücher verirrt. Ein Regal braucht diesen Widerspruch, damit es nicht zum Museum erstarrt. Genau hier liegt eine stille Polemik gegen jene digitalen Empfehlungsautomaten, die der Erzähler beschreibt: Kategorien, die selten überraschen, Serien, die sich selbst fortsetzen, bis der eigene Geschmack nur noch als Rückkopplung existiert. Das Bücherzimmer des Vaters ist das Gegenteil davon. Dort stört ständig etwas. Und diese Störung ist eine Form von Freiheit.

    Der Apfel von Landbrot und das Glück der ungelösten Frage

    Dann diese herrliche Ankündigung aus einem Bericht: Wer sich an einen im Herbst neunzehnhundertneun verlorenen Apfel erinnert, erfährt, wer ihn fand und wo er landete. Eine Miniatur von Weltliteratur im Gewand der Lokalnotiz. Der Witz sitzt nicht in der Auflösung, sondern in der Nebenfrage, die das Buch stehen lässt: Wie kam der Apfel überhaupt mitten in die Landschaft. Vielleicht ein Wanderer. Wer, bleibt ungeklärt. Das ist eine Lesefrucht von hoher Qualität, weil sie zeigt, was Ólafsson mit der väterlichen Bibliothek macht: Er verwandelt Archiv in Abenteuer, ohne den Kriminalfall zu lösen. Die Wahrheit darf klein sein, solange sie eigenartig bleibt.

    Alexandria als Bild, das sich entzieht

    Das große Weltwunder der Bibliothek von Alexandria erscheint hier nicht als gelehrtes Zitat, sondern als verfolgtes Bild. Der Erzähler ist sicher, irgendwo in den Bänden des Vaters verstecke sich ein Kupferstich, Alexandria in Flammen, Rauch, winzige Bibliothekare in Aufruhr, Soldaten daneben. Er findet ihn nicht. Gerade dieses Nichtfinden macht die Stelle so stark: Das Buch zeigt, wie Erinnerung arbeitet, wie sie Bilder konserviert und Quellen verliert, wie sie sich sicher ist und dennoch scheitert.

    In diesem Zusammenhang fällt eine zweite, kühlere Erkenntnis: Ob Brand durch Unfall oder Absicht, das Ergebnis bleibt gleich. Der Verlust ist motivlos. Und damit wird Alexandria plötzlich zur Folie der eigenen Räumung. Müllkippe ist nur die unheroische Variante des Feuers. Der Unterschied liegt im Geräusch, nicht im Prinzip.

    Bókstafur, Zauberzeichen und die Scheu vor dem richtigen Wort

    Ólafsson bringt, scheinbar nebenbei, die Magie der Schrift ins Spiel. Im Isländischen hängt der Buchstabe am Buch und am Stab, der Stab an der Rune, die Rune am Zauber. Der moderne Leser möchte lächeln, wird aber schnell zurückgeholt in eine nüchterne Anthropologie: Lesen verändert den Kopf, Wörter greifen in Wirklichkeit ein, selbst wenn man es Neurobiologie nennt und nicht Magie.

    Von hier aus wird die private Scheu des Erzählers verständlich. Als der Vater krank wird, vermeidet er lange die korrekte Diagnosebezeichnung, als könne Nichtnennen das Geschehen aufhalten. Das ist kein intellektueller Aberglaube, sondern eine Zärtlichkeit, die sich schämt, weil sie sich nicht rechtfertigen kann. Und dann steht da, wie ein eingeklebter Zettel, ein Satz aus einem Brief an Una, der die Sprache selbst ausknipst: Als das Kind zu sprechen beginnt, verliert der Schreiber die Fähigkeit dazu. Mehr muss man über das Verhältnis von Vater, Kind, Wort und Verlust kaum wissen.

    Die Sonne als ultimatives Entsorgungsversprechen

    Der stärkste schwarze Trost dieses Buches kommt nicht aus Religion oder Philosophie, sondern aus Kosmologie. Der Erzähler erinnert sich an einen Kindheitsmoment, an ein Fernsehprogramm über den Kosmos, an den monotone Tonfall, der vom Ausbrennen der Sonne spricht, als würde ein Todesfall verlesen. Er schlägt nach, liest, begreift Unvermeidlichkeit, wird wütend: Wie kann man noch Brot backen, heiraten, Häuser bauen, Kinder bekommen, wenn das Schicksal des Planeten feststeht.

    Später kehrt diese Erinnerung als grotesker Trost zurück. Irgendwann, in der Fülle der Zeit, wird die Sonne alle Bibliotheken mit erledigen. Der Gedanke ist zugleich komisch und schrecklich, weil er das größte Denkbare zum Hausmeister der eigenen Unordnung macht. Wer mit Kartons ringt, bekommt ein kosmisches Argument, das jede menschliche Entscheidung entlastet und zugleich entwertet.

    Typografie, Münzen, Sammelläden und andere Nebentüren

    Zu den feinsten Exkursen gehören jene Stellen, an denen der Erzähler das Sammeln als Denkform zeigt. Da liegt die Münzsammlung auf dem Küchentisch, schwer, in einem Plastikordner aus einem Rehazentrum, gefüllt mit Fächern, jede Münze ein kleines Quadrat Vergangenheit. Der Sammlerladen erscheint als ökonomische Parabel: neues Geld wird benutzt, um altes Geld zu kaufen, und sobald ein Satz vollständig ist, entsteht Wert wie durch Zauberhand. Das ist das Prinzip der Bibliothek in Kurzform, nur ohne den Staub.

    Und dann die typografische Beobachtung, die im Feuilleton besonders sauber klingelt: Verleger fragen heute beim Setzen, ob der Zeilendurchschuss nicht größer sein könne, ob man den Text nicht etwas strecken dürfe. Verdichten will kaum jemand. Auch das gehört zur Bibliotheksräumung. Nicht nur Regale werden ausgedünnt, auch Aufmerksamkeit.

    Am Ende wird das Bücherzimmer nur noch ein Zimmer sein. Ein letzter Staubgang, eine letzte Kanne Kaffee, ein letzter Karton. Der Erzähler stellt sich sogar vor, wie der schmale Band, den man gerade in Händen hält, selbst einmal in einem braunen Karton verschwinden wird, irgendwo in einem Ikea Billy Regal, in einer stillen Abstellkammer, in der Weststadt von Reykjavík. Das Buch denkt sein eigenes Nachleben als Lagergut und trifft damit den Kern des Ganzen: Erbe ist nicht Besitz, Erbe ist Aufschubarbeit am Verlust.

    Und im Update Juni zweitausendfünfundzwanzig steht der Befund schon im Keller. Bar zu. Pilger tot. Kartons still. Die Zeit schreitet voran. Das Requiem ist nicht zu Ende, es hat nur den Standort gewechselt.

    Smart statt hart: Warum die Krankenstandsdebatte den falschen Gegner bekämpft @Bundeskanzler #ZPNachgefragtWeek

    Deutschland liebt die große Erzählung. Wenn die Konjunktur schwächelt, muss irgendwo ein Schuldiger stehen, am besten einer, der sich moralisch sortieren lässt: „zu oft krank“, „zu wenig Arbeit“, „zu viel Teilzeit“, „zu bequem geworden“. Dann braucht es nur noch einen Satz fürs Abendprogramm – und schon ist aus einem komplexen System eine Schlagzeile geworden.

    Genau so funktioniert die neue Debatte, die seit dem Vorstoß von Bundeskanzler Friedrich Merz wieder auf dem Tisch liegt: Tele-AU, Krankenstand, Leistungsfähigkeit – als wäre die Arbeitswelt ein Motor, der nur deshalb stottert, weil der Fahrer zu oft auf die Bremse tritt. Guido Zander, Arbeitszeit- und Personalplanungsexperte, hat in der diese Erzählung nicht mit Empörung beantwortet, sondern mit etwas, das in politischen Diskussionen fast schon unhöflich wirkt: mit Zahlen.

    Die elektronische Krankmeldung ist nicht der Grund, sondern der Spiegel

    Die erste politische Behauptung lautet: Die elektronische Krankmeldung und die telefonische Krankschreibung seien der „Booster“ des hohen Krankenstands. Zander stellt dem eine einfache Gegenfrage entgegen: Wenn das stimmen würde – warum ist der Krankenstand 2023 nicht gesunken, obwohl die telefonische Krankschreibung in diesem Jahr für neun von zwölf Monaten ausgesetzt war und später verschärft zurückkam?

    Seine Erklärung ist unspektakulär, aber entscheidend: Der sichtbare Sprung ist zu großen Teilen ein statistischer Effekt. Zum 1.1.2022 kam die eAU „für Ärzte“, zum 1.1.2023 die eAU „für Unternehmen“. Damit wurden Krankmeldungen sichtbar, die vorher im Nebel des Papierprozesses verschwanden – oder gar nicht gemeldet wurden, etwa weil der erste Krankheitstag ohne Arztbesuch blieb. Plötzlich ist das System nicht kränker, sondern besser vermessen.

    In seinen Folien wird dieser Mechanismus anschaulich: Die OECD-Kurve liegt ohnehin höher, weil die OECD Unternehmen befragt, während die Krankenkassen nur das sehen, was gemeldet wird. Mit eAU rückt die deutsche Statistik nun näher an diese OECD-Wirklichkeit.

    Das ist politisch unbequem, weil es den moralischen Hebel entwertet. Man kann Tele-AU verschärfen, man kann schimpfen, man kann „Durchgreifen“ ins Mikrofon sagen – aber man bekämpft damit womöglich nicht die Krankheit, sondern den Messfehler der Vergangenheit.

    2023 ist kein neues Krankheitszeitalter – eher ein Rückkehrjahr

    Noch eine zweite Korrektur ist für Entscheider wichtig, die den Standort retten wollen: Der Eindruck, Deutschland sei seit kurzem „viel kränker“, hält dem Vergleich nicht stand. Zander verweist darauf, dass der OECD-Wert 2023 „ziemlich exakt der gleiche“ wie 2019 war – obwohl Corona als zusätzliche Erkrankung hinzugekommen ist und sich der Anteil der Atemwegserkrankungen 2023 gegenüber 2022 von „10 auf 20 Prozent“ verdoppelt hat.

    Und er ergänzt einen kulturellen Faktor, den Politik gern übersieht: Nach Corona ist es sozial akzeptierter geworden, bei Infekten zuhause zu bleiben, um andere nicht anzustecken. Das ist nicht „Faulheit“, sondern ein Hygienelernprozess. Wer diesen Effekt als Arbeitsmoralproblem etikettiert, redet nicht über Gesundheit, sondern über Gefühle.

    „Lifestyle-Teilzeit“: Eine Debatte, die das Falsche trifft

    Die nächste Erzählung heißt „Lifestyle-Teilzeit“. Zander zeigt, wie schnell ein politisches Label die Wirklichkeit beleidigt – und wie teuer solche Beleidigungen werden können, wenn man sie für Politik hält. Die Regierung werfe „27 Prozent“ der Teilzeitbeschäftigten, die nicht explizit Carearbeit, Fortbildung oder Pflege als Grund nennen, in einen Topf und verordne ihnen implizit: zurück in Vollzeit. Zanders Antwort besteht aus Beispielen, die wie eine Ohrfeige für jede Pauschalität wirken.

    Wer nach 40 Jahren Schichtarbeit die Stunden reduziert, handelt nicht aus Lifestyle, sondern aus Überleben. Wer Teilzeit macht, um ein Ehrenamt zu tragen, stabilisiert soziale Infrastruktur. Wer studiert, arbeitet oft Teilzeit als notwendige Finanzierung. Wer in der Pflege Vollzeit nicht mehr durchhält, schützt nicht nur sich, sondern verhindert, dass er ganz ausfällt. Wenn man all das herausrechnet – wie viel „Lifestyle“ bleibt dann überhaupt übrig? Und selbst wenn etwas übrig bliebe: „Was geht das ehrlicherweise den Staat an?“ fragt Zander.

    Dann kippt die Debatte endgültig: Denn die Statistik, mit der Politik operiert, ist nicht neutral, sondern rollengeprägt. Zander zeigt die alte Logik: Der „Heinz“ mit 40 Stunden gilt als vorbildlich, die „Gudrun“ als Vollzeithausfrau verfälscht keine Arbeitszeitstatistik – obwohl sie 45 Stunden Carearbeit leistet. Das moderne Paar mit geteilter Carearbeit stellt dem Arbeitsmarkt 50 Stunden zur Verfügung, aber beide erscheinen als Teilzeit. Moralisch lässt sich das schnell als „Lifestyle“ abwerten, ökonomisch ist es eine höhere Erwerbsbeteiligung.

    Und hier liegt die Pointe, die Berlin und München hören sollten: Vollzeitkräfte arbeiten in Deutschland nach Zanders Daten weiterhin „über 40 Stunden“ (2023: 40,2; 1991: 41,4). Der vermeintliche Stundenverfall entsteht vor allem, weil die Teilzeitquote gestiegen ist – besonders, weil deutlich mehr Frauen überhaupt erwerbstätig sind (Erwerbstätigenquote Frauen: von 57 auf fast 75 Prozent). Das ist nicht „weniger Arbeit“, sondern oft mehr Doppelbelastung.

    Söders „eine Stunde mehr“ – und die Mathematik der Leerstunden

    Dann kommt der Satz, der so gut klingt, weil er so linear ist: „Eine Stunde mehr würde enorm viel Wirtschaftswachstum bringen.“ Markus Söder wird auf einer Folie wörtlich zitiert.

    Zander zerlegt diese Logik dort, wo sie in Deutschland besonders häufig scheitert: in volatilen Bedarfen bei starren Schichtplänen. Seine Visualisierung ist brutal einfach. Wenn ein Unternehmen in manchen Monaten weniger Bedarf hat, stehen Menschen herum: bezahlte Zeit, nicht genutzte Zeit. In anderen Monaten wird Mehrarbeit gefahren, oft mit Zuschlägen. Das Ergebnis: Stunden werden doppelt bezahlt – als Leerstunde und als Überstunde.

    Und nun die Pointe gegen die „eine Stunde mehr“-Rhetorik: Wird die Wochenarbeitszeit einfach erhöht, entstehen in den schwachen Phasen noch mehr bezahlte, aber ungenutzte Stunden. In Zanders Beispiel sind es „32 Stunden mehr bezahlt, nicht mehr genutzt“. Flexibilisiert man dagegen das Schichtmodell – weniger in schwachen Phasen, mehr in starken – erreicht man denselben Output mit denselben bezahlten Stunden. Nicht härter, sondern smarter.

    Das ist keine akademische Spitzfindigkeit. Es ist Standortökonomie. Wer in volatilen Märkten stumpf Stunden addiert, kauft sich Kosten, ohne Wertschöpfung sicherzustellen. Zander nennt das freundlich „unterkomplex“, und er sagt offen, was es nicht braucht: „Pauschalbeschimpfungen und unterkomplexe Lösungen.“

    Der unterschlagene Hebel: Gesundheit und Arbeitszeitgestaltung als Produktivsystem

    Der entscheidende Teil von Zanders Argumentation ist nicht Kritik, sondern Hebel. Er sagt nicht: Es gibt keinen Missbrauch. Er sagt: Missbrauch ist „ein kleiner Teil“, und Unternehmen müssten dort konsequenter sein – statt für alle Regeln zu verschlechtern, weil man Führung nicht macht.

    Und dann kommt der Befund, den politische Entscheider meist komplett ausblenden, weil er nicht in einen Wahlkampfsatz passt: Lange Arbeitszeiten, besonders in Schichtsystemen, erhöhen die Krankheitsquote überproportional. Zander verweist auf „belastbare Studien“, dass Arbeitszeiten jenseits der 40 Stunden – gerade bei Schichtarbeit – die Krankenquote treiben.

    Seine Praxisbeobachtung ist noch schärfer: In vollkontinuierlichen 40-Stunden-Schichtsystemen sieht er „grundsätzlich Krankenquoten deutlich über 10 Prozent“, nicht selten „über 15 Prozent“. In Unternehmen mit 35-Stunden-Woche im Vollkonti seien Krankenquoten „selten über 10 Prozent“. Diese Differenz – sagt er sinngemäß – sei oft schon ein großer Teil dessen, was man mit Debatten über „mehr arbeiten“ überhaupt zu gewinnen glaubt.

    Politisch heißt das: Wer Leistungsfähigkeit erhöhen will, darf nicht nur über Stunden reden, sondern muss über Erholungsfähigkeit, Planungsfähigkeit, Flexibilität sprechen. Und über einen kulturellen Tabubruch: Belastung nicht nur mit Geld zu „zuschmeißen“ (Zuschläge), sondern mit Zeit zu entlasten – Erholung als Produktivitätsinvestition.

    Die unbequeme Botschaft an die Macht: Ihr bekämpft das Symptom, nicht die Ursache

    Was bleibt für Merz, Söder und all jene, die die Arbeitswelt politisch vermessen? Zanders Session formuliert eine Warnung in Zahlenform. Wer den Krankenstand als Moralfrage behandelt, trifft die Falschen und verstärkt Nebenwirkungen: mehr Misstrauen, mehr Zynismus, weniger Bindung. Wer Teilzeit moralisiert, verkennt ihre Funktion als Flexibilitätsinstrument – und übersieht, dass sie in volatilen Branchen betriebswirtschaftlich sogar hochgradig sinnvoll sein kann.

    Und wer „eine Stunde mehr“ als Wachstumsrezept verkauft, verwechseln lineare Schulmathematik mit einer nichtlinearen Wirklichkeit, in der Nachfrage schwankt, Lieferketten reißen, Maschinen stehen und Menschen nicht beliebig länger leistungsfähig bleiben. Zander sagt es drastisch: In einem volatilen Umfeld lässt sich „definitiv nicht mehr sicherstellen“, dass jede zusätzlich bezahlte Stunde auch wertschöpfend genutzt wird.

    Die politische Pointe ist bitter: Gerade die, die sich als wirtschaftsfreundlich inszenieren, riskieren unternehmensfeindliche Effekte, wenn sie Flexibilität durch moralische Grobwerkzeuge ersetzen. Die Lösung ist nicht härter, sondern klüger: Arbeitszeitmodelle, die nach oben und nach unten atmen, Gesundheits- und Krankheitsmanagement als Führungsaufgabe, und ein Rechtsrahmen, der Flexibilität ermöglicht, ohne Schutzrechte zu pulverisieren.

    Siehe auch:

    Deutschland im Gegenwind – und der Arbeitsmarkt als Gezeitenanzeiger #ZPNachgefragtWeek

    Man kann Konjunktur lesen wie Wetterberichte: Einkaufsmanagerindizes, Auftragseingänge, Insolvenzen. Aber wer wissen will, ob ein Land seine Wachstumskräfte verspielt oder nur durch ein Tal fährt, schaut auf einen anderen, unterschätzten Indikator: auf das Angebot an Arbeit – und die Geschwindigkeit, mit der es verschwindet. Nicht als dramatische „Welle“, sondern als Ebbe.

    Dr. Tobias Zimmermann, Arbeitsmarktexperte und Sessiongeber der , hat dafür eine Formulierung, die in Zeiten dauererregter Schlagzeilen fast provokant klingt: „realistischer Optimismus“ habe derzeit „mehr Realitätsnähe“ als der verbreitete Alarmismus. Das ist kein Trostpflaster. Es ist eine Diagnose. Denn das, was Deutschland wirtschaftspolitisch bevorsteht, ist weniger eine plötzliche Krise als eine strukturelle Verknappung – und sie frisst sich leise durch Budgets, Personalpläne und Standortentscheidungen.

    Die Demografie: Das lange angekündigte Ereignis, das niemand ernst nahm

    Seit Jahren wird über Demografie gesprochen, als handle es sich um eine PowerPoint-Folie, die man in jedem Strategieprozess kurz einblendet – und dann wieder zuklappt. Zimmermann beschreibt dieses Muster mit einer Parabel: wie der Junge, der zu oft „Wölfe“ ruft, bis am Ende keiner mehr zuhört – und dann kommen sie doch.

    Das eigentlich Bittere: Die Demografie sei in Deutschland „eigentlich gar nicht richtig angekommen“ – nicht, weil sie irrelevant war, sondern weil man erfolgreich darin war, sie eine Zeit lang zu entschärfen. Höhere Erwerbsquoten wurden erreicht, gleichzeitig stiegen Teilzeitquoten – und damit, so Zimmermann, auch das „große Geschimpfe“ darüber, dass „wir vermeintlich zu wenig arbeiten“. Seine Einordnung ist unmissverständlich: „absoluter Quatsch“ und eine „völlig falsche Nebelkerzendebatte“.

    Nebelkerzen sind in der Wirtschaftspolitik nicht harmlos. Sie lenken Ressourcen. Sie verschieben Prioritäten. Und sie verführen dazu, einen Engpass moralisch zu diskutieren, statt ihn technisch zu lösen.

    Erwerbspersonenpotenzial: Der Engpass bekommt eine Zahl

    Zum ersten Mal wird die Verknappung nun nicht mehr nur gefühlt, sondern messbar. Für 2026, so Zimmermann, werde das Erwerbspersonenpotenzial „erstmal sinken“; das IAB rechne mit „40.000–100.000“ Personen weniger, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Und er setzt noch einen Satz nach, der für Unternehmen wie Politik unbequem ist: Diese Schätzung könne sich am Jahresende als „zu defensiv“ erweisen – unter anderem, weil sich Migration schwächer entwickle als erwartet.

    Die Pointe ist dabei nicht die Spanne, sondern die Richtung. Arbeitskräfte werden zur knappen Ressource – und Knappheit wirkt wie ein Preisschild. Zimmermann formuliert es mit dem nüchternen Einmaleins: „Wenn ein Gut an einem Markt knapp wird, steigt sein Wert.“ Wer das nicht in seine Lohn-, Produktivitäts- und Innovationspolitik einpreist, betreibt Standortromantik.

    Arbeitslosigkeit als Schlagzeile – Fachkräftemangel als Realität

    Deutschland diskutiert gern über das, was groß klingt. „3 Millionen Arbeitslose“ – das hat Schlagzeilenformat. Zimmermann nennt solche Aufgeregtheiten „Quatsch“, wenn sie die statistische Einordnung unterschlagen. Er zieht eine andere Kennziffer heran, die er für aussagekräftiger hält: eine Erwerbslosenquote von „3,6 %“, die sogar gegenüber Dezember rückläufig gewesen sei. Im internationalen Vergleich stehe Deutschland damit „mit am allerbesten da“; das individuelle Risiko, arbeitslos zu werden, sei „historisch gesehen“ gering.

    Noch schärfer wird die Lage, wenn man den Blick auf Institutionen richtet: Zimmermann zitiert ein Statement, das er ausdrücklich bemerkenswert findet – „die Arbeitslosigkeit beunruhigt mich weniger als der Fachkräftemangel“. Der Satz ist deshalb so stark, weil er die Achse verschiebt: Weg vom Defizitdenken („zu viele ohne Arbeit“) hin zum Kapazitätsdenken („zu wenige für Wertschöpfung“). Genau dort sitzt Deutschlands wirtschaftspolitische Sollbruchstelle.

    Stellenabbau ist nicht Entlassungswelle – aber auch kein Aufatmen

    Im öffentlichen Diskurs wird jede Meldung über Stellenabbau wie eine Bestätigung gelesen: Der Arbeitsmarkt kippt, die Macht kehrt zurück zu den Arbeitgebern. Zimmermann trennt hier sauber. Erstens: Der Arbeitsmarkt sei fragmentiert; man müsse „immer auf meine Profession schauen“ und sich nicht von großen Sammelzahlen verunsichern lassen.

    Zweitens: „Es gibt nicht diese massive Entlassungswelle … Es ist eine Stellenabbauwelle und das ist ein Unterschied.“ Stellenabbau läuft oft über Nicht-Nachbesetzung, über Alterung, über Rentenpakete. Für die Betroffenen ist das nicht trivial – für die volkswirtschaftliche Debatte aber entscheidend: Der Rückgang der Beschäftigung kann mit gleichzeitig hoher Knappheit in Schlüsselprofilen zusammenfallen. Dann wirkt der Markt paradox: weniger Stellen, aber noch weniger passende Menschen.

    Der Arbeitgebermarkt als Behauptung – und die Benefits als Gegenbeweis

    Nun kommt die Stelle, an der Zimmermann fast ironisch wird. „Ganz viele CEOs“ riefen die „Rückkehr des Arbeitgebermarktes“ aus – ein Verhandlungsanker, wie er sagt. Aber die Realität der Anzeigen spreche eine andere Sprache: Laut Auswertung (Bertelsmann Stiftung) habe sich die Zahl der in Stellenanzeigen angebotenen Benefits im Vergleich zu 2024 „fast verdreifacht“.

    Das ist mehr als HR-Folklore. Benefits sind Investitionen – und Investitionen sind Verhalten, nicht Behauptung. Wenn Unternehmen wirklich in einem komfortablen Arbeitgebermarkt wären, könnten sie sich dieses Aufrüsten sparen. Stattdessen professionalisieren sie ihre Pakete, positionieren sich im Wettbewerb um Kandidaten. Der Markt stimmt also mit den Füßen ab: nicht für Überfluss, sondern für Konkurrenz.

    Der Bewerbungsunami: Viel Papier, wenig Passung

    Und doch klagen viele Recruiter gleichzeitig über etwas völlig anderes: über Posteingänge, die überlaufen. Zimmermann greift dafür ein treffendes Wort aus der Praxis auf: „Bewerbungsunami“. Das Phänomen hat einen technologischen Treiber. Bewerber seien – anders als viele Unternehmen – sehr schnell darin, KI zu nutzen: „Ich nutze halt ChatGPT, ich habe es hier auf meinem Smartphone“, sagt Zimmermann; Bewerbungen lassen sich heute sehr viel schneller und zugleich gezielter zuschneiden.

    So entsteht ein neuer Arbeitsmarkt-Widerspruch: mehr Bewerbungen bei gleichzeitig steigender Knappheit. Der Engpass verschiebt sich – weg von Quantität hin zu Signalqualität, Passung, Auswahlfähigkeit. Wer das unterschätzt, führt Debatten über „zu viele Bewerber“ und verpasst, dass er eigentlich über zu wenig funktionierende Auswahl- und Entwicklungsinfrastruktur sprechen müsste.

    Kündigungen: Der Markt bewegt sich von innen

    Ein weiterer Punkt, der den „Arbeitgebermarkt“-Mythos unterhöhlt, kommt aus der Dynamik der Beendigungen. Zimmermann verweist auf eine IAB-Analyse: Die Kündigung „durch die Beschäftigten“ sei „mit Abstand der wichtigste Grund“, warum Arbeitsverhältnisse enden – deutlich vor Arbeitgeberkündigungen. Das ist eine stille Abstimmung: Mobilität entsteht nicht nur durch Konjunktur, sondern durch Entscheidungen von Individuen.

    Für Wirtschaftspolitik heißt das: Wer Wechselbereitschaft mit Unsicherheit bekämpfen will, greift zu kurz. Entscheidend ist, ob Menschen Perspektiven sehen – und ob Unternehmen Räume bieten, in denen Fähigkeiten entstehen und wachsen.

    Jobsicherheit: Vom Arbeitsplatz zur Beschäftigungsfähigkeit

    Zimmermann setzt hier den vielleicht wichtigsten mentalen Perspektivwechsel: „Den sicheren Job … gibt es nicht mehr“, nicht zwingend als Bedrohung, sondern als Konsequenz schneller Veränderung. Jobsicherheit, so seine These, werde heute vor allem selbst hergestellt – „indem ich in meine Employability investiere“.

    Das ist keine Coaching-Floskel, sondern ein wirtschaftspolitischer Auftrag. Denn Employability entsteht nicht im luftleeren Raum: Sie hängt an Bildung, an Weiterbildung, an innerbetrieblicher Mobilität, an Anerkennungslogiken für Kompetenzaufbau. Wer das System nicht liefert, bekommt die Rechnung als Produktivitätsproblem, als Innovationsstau – und irgendwann als Standortdebatte.

    Die politökonomische Ableitung: Nicht weniger Arbeit, sondern weniger Illusionen

    Die zentrale Gefahr für Deutschland liegt nicht darin, dass „zu viele“ arbeitslos werden. Sie liegt darin, dass wir einen demografisch bedingten Engpass weiter mit Nebelkerzen überdecken: mit symbolischen Diskussionen über Arbeitsmoral, mit Schlagzeilen über große Arbeitslosenzahlen, mit dem bequemen Narrativ, der Markt kippe nun zurück. Zimmermann hält dagegen: Der Druck kommt erst jetzt „rein“.

    Wer wirtschaftspolitisch ernsthaft handeln will, muss drei Dinge gleichzeitig aushalten: Erstens kann Konjunktur schwach sein, während Knappheit in Schlüsselprofilen zunimmt. Zweitens kann der Posteingang voller Bewerbungen sein, während die Pipeline an passenden Qualifikationen leerläuft. Drittens kann es Stellenabbau geben, ohne dass sich die strukturelle Verhandlungsmacht im Arbeitsmarkt fundamental dreht.

    Deutschland braucht dafür keine neuen Parolen. Es braucht eine Debatte, die wieder zwischen Zahlen und Gefühlen unterscheiden kann – und den demografischen Faktor nicht länger wie einen Wetterumschwung behandelt, sondern wie eine Gezeitenbewegung: langsam, sicher, unumkehrbar.

    Jobwechsel 2026: Wenn der Arbeitsmarkt taut – und doch noch Eis trägt #ZPNachgefragtWeek

    Ein Markt im Tauwetter, kein freies Schwimmen

    Wer dieser Tage wissen will, ob es klug ist zu wechseln, muss zuerst lernen, den Arbeitsmarkt wieder zu lesen. Nicht als Stimmungsbild, sondern als System. In den Schlagzeilen wirkt er wie eine schwarze Tafel: Stellenabbau in der Industrie, die magische „Drei-Millionen“-Zahl bei der Arbeitslosigkeit, Standortpessimismus im Dauerlauf. Dr. Tobias Zimmermann hat in seiner Session auf der genau gegen diese Dramaturgie argumentiert – nicht, weil er die Krise leugnet, sondern weil er die falsche Deutung für gefährlicher hält als den Gegenwind selbst.

    „Eingefroren“ heißt nicht „tot“. Es heißt: Viele Akteure halten den Atem an – Unternehmen, die nicht wissen, ob sie investieren sollen; Beschäftigte, die im Nebel der Negativmeldungen die Sterne nicht mehr sehen. Zimmermanns These ist so nüchtern wie provokant: Gerade dieses Zögern macht die Lage strategisch schlechter. Es öffnet ein Fenster, das sich ausgerechnet dann schließt, wenn man es am dringendsten bräuchte.

    Zahlen, die lauter sind als Schlagzeilen

    Die erste Korrektur betrifft eine der beliebtesten deutschen Erzählungen: dass der Arbeitsmarkt „kippt“ und wir zurück im Arbeitgeberland seien. Zimmermann hält dagegen, indem er nicht den Klang der Nachrichten, sondern die robusteren Indikatoren heranzieht. Die Erwerbslosenquote nach ILO-Logik liegt nach seiner Einordnung bei rund 3,6 Prozent – international niedrig, historisch eher beruhigend als alarmierend. Auch im Vergleich zu den Jahren, in denen Deutschland als Wachstumsmodell galt, ist das kein Absturz, sondern ein Wert, der an Vollbeschäftigung erinnert.

    Dass die öffentliche Debatte dennoch „Krise“ ruft, hat mit Statistiken zu tun, die sich gut erzählen lassen, und mit Konjunkturen, die sich schlecht erklären lassen. Die Drei-Millionen-Zahl ist politisch wirkmächtig; sie ist aber zugleich ein grobes Instrument, saisonal aufgeladen und selten geeignet, die individuelle Wechselchance zu beschreiben. Wer seine Karriere mit Schlagzeilen steuert, fährt wie jemand, der im dichten Nebel ausschließlich nach dem lautesten Hupen navigiert. Jpdf obwechsel

    Demografie: Die Tapete wird plötzlich zur Tragwand

    Der zweite, deutlichere Hinweis kommt aus einer Ecke, die in Sonntagsreden oft beschworen, im Alltag aber gern verdrängt wird: die Demografie. Man hat jahrelang darüber gesprochen, bis der Begriff selbst müde klang. Und genau das ist das Problem: Wenn eine Warnung lange genug wiederholt wird, wird sie irgendwann zur Tapete. Zimmermann verweist darauf, dass 2026 – prognostisch – erstmals das Erwerbspersonenpotenzial zu sinken beginnt; die Kurve flacht nicht nur ab, sie dreht.

    Damit wird aus der Theorie eine operative Größe: weniger verfügbare Köpfe, mehr Verteilungs- und Qualifikationskämpfe, härtere Konkurrenz um passende Profile. Für Wechselwillige und Arbeitgeber ist die strategische Frage dieselbe: Positioniere ich mich vor der nächsten Verknappungswelle – oder reagiere ich, wenn sie voll im System ist?

    Vakanzzeiten: Der Preis des knappen Matchings

    Wer diese Verschiebung noch nicht glaubt, kann sich an einem erstaunlich ehrlichen Indikator festhalten: an der Vakanzzeit. Wie lange bleiben Stellen offen? Nicht, weil Unternehmen aus ästhetischen Gründen zu langsam rekrutieren, sondern weil passende Kandidaten fehlen oder die Passung nicht gelingt. Zimmermann zeigt: Auch nach zwischenzeitlichen Bewegungen liegt diese Vakanzdauer im hohen Bereich, eher bei 160 Tagen und zeitweise darüber, teils sogar mit Rekordmarken um 180 Tage. Das ist kein Signal eines entspannten Arbeitgebermarkts. Es ist der Preis eines knappen Matchings.

    Sicherheit ist kein Arbeitgeber, sondern ein Profil

    In dieser Lage wird „Jobsicherheit“ neu definiert. Nicht mehr als Ort – „der sichere Arbeitgeber“ – sondern als Zustand: Beschäftigungsfähigkeit, Anschlussfähigkeit, Lernkurve. Zimmermann formuliert es als Zumutung und Befreiung zugleich: Der sichere Job ist weniger eine Adresse als ein Profil, das am Bedarf bleibt.

    Das ist keine Motivationsrede, sondern eine Beschreibung der deutschen Arbeitsökonomie in der Transformation: Rollen verschieben sich, Qualifikationen wandern, Tätigkeiten werden neu geschnitten. Der Wechsel ist dann nicht die Laune eines unruhigen Geistes, sondern ein Mechanismus, mit dem die Volkswirtschaft produktiver werden muss, wenn sie mit weniger Menschen mehr leisten will.

    Was den Wechsel trägt: Substanz vor Symbolik

    Damit kommt die Session zur eigentlichen Entscheidungsfrage: wechseln oder warten? Die Antwort ist kein pauschales „jetzt!“, sondern eine Abwägung unter veränderten Parametern. Wer wechseln will, sollte nicht nur auf Gehalt schauen, sondern auf die Substanz der nächsten Aufgabe: Wird man dort schneller besser, wächst Verantwortung wirklich, wird Lernen ermöglicht oder nur behauptet? In einer Phase, in der viele Unternehmen Prozesse „von gestern“ beschleunigen wollen, entscheidet nicht das Tool, sondern die Organisation: Wie verlässlich ist Führung, wie belastbar ist Kultur unter Druck, wie ernst ist Flexibilität jenseits der Homeoffice-PR?

    Die neue Bewerbungsökonomie: Viel Rauch, weniger Sicht

    Hinzu kommt ein Paradox, das Recruiting-Teams längst im Posteingang sehen: Bewerbungen „ohne Ende“ – und dennoch Besetzungsprobleme. Der Grund ist nicht nur Konjunktur, sondern Technologie. Bewerber können mit generativer KI Unterlagen skalieren, während Unternehmen mit Governance, Toolauswahl und Mitbestimmung ringen. Die Selektion wird schwieriger, nicht leichter; das gefühlte „Überangebot“ kann die strukturelle Knappheit überdecken. Jpdf obwechsel

    Warten oder wechseln: Eine Entscheidung im richtigen Licht

    So entsteht am Ende ein Bild, das im ersten Moment unbehaglich ist, im zweiten aber beruhigend wirkt: Der Arbeitsmarkt 2026 ist kein warmes Bad, eher ein Wetterumschwung. Es bleibt windig, und manche Branchen stehen unter Druck. Aber wer die richtigen Signale liest – Demografie, Vakanzzeiten, Qualifikationsverschiebungen, die neue Bewerbungsökonomie – erkennt, dass das Chancenfenster nicht zugeht, sondern sich verlagert.

    Zimmermanns Botschaft lässt sich in einem Satz bündeln: Nicht der Lärm der Schlagzeilen entscheidet, sondern die eigene Anschlussfähigkeit. In der Stadt sieht man kaum Sterne – nicht weil sie fehlen, sondern weil der Standpunkt falsch ist. Man muss nicht in die Atacama-Wüste fahren; manchmal reicht es, den Blick zu heben, die Daten zu ordnen und die eigene Lernkurve ernst zu nehmen.

    HR unter Druck: Wenn Recht plötzlich wieder Standortpolitik ist #ZPNachgefragtWeek

    In vielen Unternehmen hängt 2026 ein neues Messinstrument an der Wand: kein Thermometer für die Konjunktur, sondern ein Manometer für Legitimität. Kostendruck, Transformation, Personalknappheit – das ist die eine Seite. Die andere: Beschäftigte erwarten Fairness, Beteiligung und Schutz. Und HR steht dazwischen wie die Schalttafel eines Kraftwerks: stabilisieren und liefern, während Politik und Regulierung das Netz laufend neu verschalten.

    Professor Rupert Felder macht in seiner Session keinen Hehl daraus, worum es wirklich geht: Arbeitsrecht ist nicht Paragrafenfolklore, sondern Betriebssystem der Arbeitswelt – und wer es nicht beherrscht, verliert Zeit, Geld und Vertrauen. Vor allem aber warnt er davor, zu sehr nach Berlin zu starren: Viele Impulse kommen längst aus Europa – Mindestlohn, Datenschutz, Gleichberechtigung. Der nationale Gesetzgeber ist in diesem Spiel oft eher der Übersetzer als der Autor.

    Equal Pay: Kein Gesetzesdefizit, sondern ein Umsetzungsdefizit

    Das erste Reizthema wirkt wie ein Countdown: die Entgelttransparenz-Richtlinie der EU und ihre Umsetzung in deutsches Recht. Felder erwartet den Entwurf im Frühjahr und verweist auf die Deadline im Juni – andernfalls drohen europarechtliche Konsequenzen. Doch sein eigentlicher Punkt ist unbequemer: Wir haben das Prinzip längst, wir leben es nur nicht. Er erinnert an internationale und europäische Grundlagen, an alte Rechtsprechung – und zieht daraus eine Schlussfolgerung, die für HR nach Arbeit klingt: Nicht warten, machen.

    Ökonomisch übersetzt heißt das: Equal Pay ist kein „Compliance-Häkchen“, sondern ein Organisationsprojekt mit Reibungsverlusten. Denn die operative Kernfrage ist nicht, ob Gleichheit gilt, sondern was „gleiche Arbeit“ bedeutet – also Bewertung, Vergleichbarkeit, sachliche Differenzierung. Wer jetzt in reflexhafte „Gleichmacherei“ verfällt, erzeugt neue Ungerechtigkeiten und lädt Konflikte in die Lohnsystematik. Wer es sauber macht, muss Arbeit bewerten, Kriterien offenlegen, Diskriminierungsfreiheit dokumentieren – und genau dort wird aus einer juristischen Pflicht eine Managementkompetenz.

    Felders Seitenbemerkung ist dabei fast schon industriepolitisch: Das Thema kann zum Eintrittstor für Tarifbindung werden, weil Bewertungssysteme und Transparenz dort strukturierter verankert sind. In Zeiten, in denen Unternehmen nach Stabilität suchen, ist das kein nostalgischer Gedanke, sondern eine Governance-Option.

    Arbeitszeit: Flexibilität ist kein Slogan, sondern ein Arrangement

    Beim zweiten Thema – Arbeitszeit-Flexibilisierung – verschiebt Felder die Debatte weg von Symbolpolitik („eine Stunde mehr oder weniger“) hin zur eigentlichen Steuerungsfrage: Zahlen wir Zeit oder zahlen wir Wertbeitrag? Und vor allem: Wie schaffen Arbeitgeber einen attraktiven Raum aus Inhalt, Ort und Zeit – den drei Dimensionen des Direktionsrechts – der produktiv ist und zugleich Schutzrechte respektiert?

    Hier wird die ökonomische Spannung sichtbar: Unternehmen brauchen Anpassungsfähigkeit, Beschäftigte Schutz und Planbarkeit, Betriebsräte Mitbestimmung. Felder erinnert daran, dass das Arbeitszeitgesetz ein Schutzgesetz ist – Arbeitszeiterfassung ist nicht Bürokratie um der Bürokratie willen, sondern Arbeitsschutz. Gleichzeitig muss Arbeit leistbar bleiben; Flexibilität kann – kontextabhängig – sogar im Interesse der Beschäftigten sein (etwa bei Montage, Reise, Baustellenlogik). Das Entscheidende ist das Wort „passgenau“: Nicht der große Wurf per Gesetz, sondern das Arrangement der Betriebsparteien, angepasst an Tätigkeit und Lebenslage.

    Krankheit: Der Kulturkampf hinter der Krankschreibung

    Das dritte Reizthema – Krankheit/Entgeltfortzahlung – wird in der öffentlichen Debatte gern moralisch aufgeladen. Felder entzieht sich dem Reflex, über „zu leicht“ oder „zu viel“ zu reden, und legt den Finger auf die produktive Stelle: Daten und Kultur. Er empfiehlt HR, die Analysen der Krankenkassen systematisch zu nutzen: nicht „Gießkanne“, sondern diagnosebasierte Schwerpunkte (Muskuloskelett, psychische Erkrankungen – wenige Fälle, viele Tage). Wer betriebliches Gesundheitsmanagement ernst nimmt, muss es datenbasiert bauen.

    Der zweite Teil ist härter, weil er nicht delegierbar ist: Kultur. Felder spricht über Verantwortungssprache, über Empathie, über die Frage, ob Organisationen Teil-Arbeitsfähigkeit überhaupt denken (Teileinsatz, angepasste Aufgaben), statt nur „krank/gesund“ zu kennen. Und dann weitet er es aus: Die Verrohung der Sprache – im Unternehmen wie in der Politik – unterminiert Veränderungsfähigkeit. In Krisen, bei Restrukturierung, bei Jobabbau entscheidet Kommunikation darüber, ob ein Unternehmen handlungsfähig bleibt oder in Zynismus kippt. HR wird hier zum Hüter eines ökonomischen Gutes, das selten bilanziert wird: soziales Vertrauen.

    Online-Mitbestimmung: Eine vertane Chance mit langfristiger Rechnung

    Beim vierten Punkt – digitale Mitbestimmung/Online-Betriebsratswahl – ist Felder erstaunlich nüchtern. Das politische Versprechen existierte, geliefert wurde nicht. Ergebnis: Wahlen laufen weiter papierbasiert, die Chance eines Digitalisierungsschubs ist vertan – mindestens bis zur nächsten großen Wahlrunde. Was wie ein Nischenthema wirkt, ist in Wahrheit eine Frage der demokratischen Infrastruktur im Betrieb: Niedrigschwellige Beteiligung ist nicht nur „nice“, sondern ein Faktor für Legitimation – gerade wenn Transformation wehtut.

    Der Subtext: Sozialbeiträge, Standortkosten, Predictive HR

    Fast nebenbei schiebt Felder eine fünfte, größere Debatte hinein: Sozialsysteme und Beitragssätze. Steigende Beiträge belasten den Standort, verstärken Kostendruck und können Personalabbau indirekt beschleunigen. Sein Argument: Wir haben weniger ein Einnahmen- als ein Ausgaben- und Prozessthema – und HR solle politischer werden, weil diese Stellschrauben direkt auf jede Lohnabrechnung wirken. Daraus folgt eine moderne HR-Disziplin, die er „predictive“ nennt: Szenarien denken, demografische Kurven ernst nehmen, Skills und Geschäftsmodellstress früh antizipieren – statt nur das Morgen zu verwalten.

    2026 ist ein Belastungstest – und ein Professionalisierungsfenster

    Felders Klartext ist im Kern ein wirtschaftlicher Hinweis: In einer Zeit, in der Unternehmen gleichzeitig sparen, umbauen und gewinnen müssen, wird Arbeitsrecht zur Wettbewerbsbedingung. Equal Pay ist kein Presseprojekt, sondern eine operative Bewertungsaufgabe. Arbeitszeit ist kein Ideologiekrieg, sondern die Architektur von Produktivität und Schutz. Krankheit ist kein Moralthema, sondern Datenarbeit plus Kulturarbeit. Und Mitbestimmung ist kein Formalismus, sondern Legitimation im Umbau.

    Wer das als HR 2026 sauber aufsetzt, gewinnt nicht nur Rechtssicherheit, sondern etwas, das knapper wird als Kapital: Handlungsfähigkeit.

    Empathische KI: Der neue Standortfaktor heißt Beziehung #ZPNachgefragtWeek

    Die nächste Produktivitätswelle kommt nicht mit mehr Rechenleistung, sondern mit einem paradoxen Versprechen: Maschinen sollen einfühlsamer werden, damit Menschen weniger Maschine sein müssen. In der Session „Empathische KI: Wenn IT-Systeme einfühlsam werden – und Menschen wieder mehr Mensch sein können (Human X AI)“ beschreibt Professor Wolfgang Wahlster, Gründungsdirektor des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), genau diesen ökonomischen Kipppunkt: Kognitive KI ist heute Commodity – der Engpass wandert zur emotionalen und sozialen Intelligenz der Systeme.

    Wahlster gliedert „Intelligenz“ in vier Dimensionen: kognitiv, sensorphysisch, emotional und sozial. Kognitiv sind Systeme inzwischen beeindruckend; sensorphysisch bleibt Robotik oft unter menschlichem Niveau. Der lange Rückstand – und damit die neue Wertschöpfungschance – liegt in emotionaler und sozialer Intelligenz: Wer Stimmungen erkennt, angemessen reagiert und das auch multimodal ausdrücken kann (Sprache, Mimik, Gestik), gestaltet Interaktion neu – und damit Prozesse.

    Deutschlands unterschätzter Vorsprung: Personalisierung ist kein GenAI-Trend, sondern Forschungstradition

    Bemerkenswert ist Wahlsters historischer Seitenhieb: Der Kern dessen, was heute als „Human-centric AI“ verkauft wird, wurde in Deutschland vor Jahrzehnten als empathische Benutzermodellierung diskutiert – inklusive frühem Workshop (Maria Laach) und der bis heute aktiven Community rund um User Modeling, Adaptation and Personalization (UMAP). Diese Kontinuität ist wirtschaftlich relevant, weil sie ein Gegenargument zu einer verbreiteten Erzählung liefert: Europa sei bei KI zwangsläufig Nachzügler. Für empathische Interaktion gilt das so pauschal nicht.

    Drei Schritte zur Empathie – und warum sie sich in Euro messen lassen

    Wahlster reduziert empathische Systeme auf eine klare Prozesslogik:

    Emotionen erkennen (z. B. über Stimme, Tempo, Tonhöhe).

    Adaptiv reagieren (Kontext, mentaler Zustand, „was braucht mein Gegenüber gerade?“).

    Multimodal ausdrücken (nicht nur Text, sondern Verhalten, Ton, Gestik).

      Das klingt nach Soft-Skills. Ist aber knallharte Prozessökonomie. Im Callcenter etwa entscheidet Emotionslage über Eskalation und Bearbeitungszeit. Wahlster beschreibt, wie sich starke Emotionalisierung bereits mit wenigen, robust extrahierbaren Sprachparametern erkennen lässt – und dann gezielt an deeskalationsstarke Mitarbeitende geroutet werden kann. Ergebnis: weniger „Hotline-Terror“, höhere Erstlösungsquote, geringere Fluktuation in einer ohnehin angespannten Arbeitsmarkt-Nische.

      „Losgröße 1“ – diesmal nicht für Produkte, sondern für Bildung und Karriere

      Die vielleicht stärkste ökonomische Idee der Session ist eine Verschiebung des Industrie-4.0-Mottos „Losgröße 1“ in den Bildungs- und Arbeitsmarkt: Personalisierung lohnt sich dort noch mehr als bei Produkten. Wahlster argumentiert, KI könne nicht nur Fehler markieren, sondern Fehlkonzepte diagnostizieren – und damit individuelle Lernlücken zielgenau schließen, was Lehrkräfte in großen Klassen aus Zeitgründen kaum leisten können.

      Daran hängt eine arbeitsmarktpolitische Pointe: Wenn tutorielle Förderung und „persuasive“ Systeme (Motivation, Dranbleiben, Ermutigung) breit verfügbar werden, kann das soziale Muster „Herkunft gleich Zukunft“ aufbrechen. Nicht als Utopie, sondern als Skalierungsfrage: KI kann die Persistenz liefern, die menschliche Betreuung in überlasteten Systemen oft nicht leisten kann.

      Pflege, Psychologie, Teamrobotik: Empathie wird Infrastruktur

      Wahlster erweitert den Blick auf drei Felder, die 2026 nicht nur technologisch, sondern demografisch unter Druck stehen:

      Ambient Assisted Living / alternde Gesellschaft: Systeme müssen Tagesform und Grundstimmung respektieren, sonst scheitert Akzeptanz im Alltag.

      Psychologische Trainings- und Beratungskontexte: Menschen sind gegenüber einer KI teils offener, weil Scham- und Statusdruck sinken – ein Effekt, der für Prävention, Training und Versorgungskapazitäten relevant wird.

      Teamrobotik in der Industrie: Gemischte Teams aus Menschen und Robotern brauchen soziale Intelligenz (Rollen, Ausfälle, Koordination). Empathie ist hier kein „Gefühl“, sondern ein Mechanismus zur Stabilisierung von Zusammenarbeit.

      Damit wird empathische KI zur Infrastrukturtechnologie: Sie bestimmt, ob Systeme in menschlichen Umgebungen tragen – oder nur in Demos.

      Normative KI: Wettbewerb über Standards, nicht über Lautstärke

      Am Ende wird Wahlster europäisch-pragmatisch: Vertrauen entsteht nicht durch Claims, sondern durch Standards, Transparenz und begründete Verweigerung. Systeme müssen in der Lage sein, unethische Anfragen nicht nur abzulehnen, sondern die Ablehnung nachvollziehbar zu begründen. Das ist weniger Philosophie als Engineering – und zugleich eine strategische Positionierung gegen Modelle, die „alles beantworten“ und Verantwortung externalisieren.

      Wer empathische KI als „Nettigkeit“ missversteht, übersieht den ökonomischen Kern: In einer Arbeitswelt mit Fachkräftemangel, Alterung und wachsender Servicekomplexität entscheidet Interaktion zunehmend über Produktivität. Der nächste Wettbewerbsvorteil liegt nicht darin, dass Systeme schneller schreiben, sondern darin, dass sie besser verstehen, wann Menschen Unterstützung brauchen – und wann sie in Ruhe gelassen werden wollen. Human X AI ist dann kein Motto, sondern eine Standortfrage.

      People First: Warum KI selten am Code scheitert – und fast immer am Betrieb #ZPNachgefragtWeek

      Wer in diesen Monaten durch die Flure größerer Organisationen geht, hört ein merkwürdiges Geräusch: nicht das Surren neuer Technik, sondern das Schleifen alter Routinen. KI ist da – aber sie landet oft dort, wo schon Excel-Tabellen, Prozesshandbücher „Stand 2014“ und unklare Zuständigkeiten wohnen. Genau in dieser Kollision liegt die eigentliche Wahrheit vieler Transformationsprogramme: Die meisten KI-Projekte scheitern nicht an der Technologie, sondern an der Organisation.

      Das ist die Kernthese der Session „People First – Wie Miele, KUKA & Co. KI in ihre Organisationen bringen“ mit dem Analysten Bernhard Steimel. Sein Befund ist so unromantisch wie belastbar: Wer KI als Tool-Rollout behandelt, bekommt Tool-Nutzung. Wer KI als People Project versteht, bekommt Wertschöpfung. pdf Peope First

      60 Stunden Empirie statt Folienpoesie

      Steimel stützt sich auf eine Interviewserie, die für den deutschen Mittelstand ungewöhnlich tief in die Maschinenräume geht: rund 60 Stunden Gespräche mit 55 Hidden Champions – Geschäftsführer, CTOs, Data-Leads, Digitalverantwortliche. Die Leitfrage: Wie macht KI Unternehmen erfolgreicher – jenseits der öffentlichen Hype-Kurve?

      Was dabei herauskommt, ist eine Art Gegenbild zur gängigen Debatte. Nicht „KI ersetzt Menschen“, sondern: KI erhöht Schlagkraft, entlastet Routinen, beschleunigt Zyklen – wenn man sie systematisch in die Wertschöpfung integriert. Und genau dieses „Wenn“ ist der Engpass.

      Die typischen Sollbruchstellen: Akzeptanz frisst Architektur

      Wenn Steimel seine Interviewpartner fragt, was sie heute anders machen würden, kommt als erstes selten „Modellwahl“ oder „GPU-Budget“. Es kommt: Mindset und Akzeptanz. Projekte kippen, weil Mitarbeitende nicht mitgehen, weil Nutzen nicht sichtbar wird, weil Kommunikation zu spät beginnt – und weil Verantwortlichkeiten im Nebel bleiben.

      Dazu kommt eine zweite, unterschätzte Sollbruchstelle: Kompetenzlücken. Wer Use Cases aus der Belegschaft einsammeln lässt, ohne dass Grundverständnis über GenAI vorhanden ist, bekommt oft entweder Banales („Schreib mir Texte schneller“) oder Utopisches („Mach alles autonom“). Beides führt in Sackgassen. Und ja: Auch der Agenten-Hype bekam in vielen Unternehmen einen Realitätscheck – „autonom“ war in frühen Phasen häufig schlicht überschätzt.

      Kurz: Technologie skaliert. Aber Akzeptanz entscheidet, ob sie überhaupt starten darf.

      Die produktive Alternative: Augmentation statt Personalphantasie

      Steimel wird konkret, weil nur Konkretion die Floskel entlarvt. Ein Beispiel: EDAG (Engineering im Automotive-Umfeld). Dort geht es nicht um Entlassungsnarrative, sondern um die mühselige Realität großer Dokumente, Requirements, Tests, Nachweise. KI kann hier Routineanalyse abräumen, Dokumentationsphasen beschleunigen und Wissensarbeitern Luft geben – aber nur, wenn das Ganze nicht als isoliertes Pilotprojekt, sondern als Bestandteil der Wertschöpfung gedacht wird. Der Nutzen erzeugt dann Akzeptanz – nicht umgekehrt.

      Ähnlich bei Internorm: geringe KI-Budgets, aber spürbare Wirkung – weil Training (Prompting, Copilot-Schulung), Governance und eine wachsende Lern- und Fehlerkultur zusammenspielen. Der entscheidende Satz dahinter: Der Mensch bleibt „Human in the Loop“ – unterstützt, nicht ersetzt.

      Und dann Miele: ein Traditionsunternehmen, das die digitale Sphäre nicht als PR-Anbau betrachtet, sondern als Verlängerung der Premiumqualität. Neue Rollen entstehen („Director Data & AI“), Lernpfade für alle Ebenen, datengestützte Weiterentwicklung vernetzter Produkte. Das ist kein „Backofen-Gimmick“, sondern ein Muster: Wer KI nutzt, braucht Datenstrategie, Rollenklärung und Qualifizierung – sonst bleibt es Showroom.

      Governance: Bremse oder Sicherheitsgurt – je nachdem, wie man fährt

      Einer der interessanteren Punkte in Steimels Einordnung betrifft Governance als Kulturfrage. Manche Unternehmen erledigen ihre Regulierungs- und Compliance-Hausaufgaben so gründlich, dass sie am Ende keine Erfahrung sammeln – und damit die Lernkurve verlieren. Best Practice sei oft ein iteratives Vorgehen: vorstoßen, lernen, Governance parallel klären. Das ist ein pragmatischer Mittelweg zwischen deutschem Perfektionismus und Silicon-Valley-„Move fast“.

      Was daraus für HR 2026 folgt: Operating Model statt Tool-Schulung

      Der „People First“-Befund ist letztlich eine HR-Agenda – aber nicht im Sinne „HR macht Trainings“. Sondern als Betriebsmodell-Frage:

      1. Rollen & Operating Model
        Neue Verantwortlichkeiten (Data/AI-Leadership, Product Owner für KI-Use-Cases, Champions) müssen benannt werden – sonst bleibt KI eine Querschnittsidee ohne Eigentümer. pdf Peope First
      2. Kompetenzaufbau als Breitenprogramm
        AI Literacy darf nicht bei Spezialisten hängen bleiben. Steimel betont Kompetenzmodelle und Lernpfade – über Hierarchieebenen hinweg. pdf Peope First
      3. Datenkompetenz als Führungsdisziplin
        Viele Defizite liegen nicht bei Tools, sondern bei der Fähigkeit, Data Insights gegen Bauchgefühl durchzuhalten. pdf Peope First
      4. Governance + Change-Design
        KI-Transformation braucht Kommunikation, Mitnahme, Betriebsratsintegration – nicht als „Blocker-Management“, sondern als Gestaltung der Entlastungslogik („Stupid Work“ raus, Wertarbeit rein). pdf Peope First

      Der wirtschaftliche Kern: KI ist ein Produktivitätshebel, aber nur Organisationen können ihn in Wertschöpfung übersetzen. Technik liefert Optionen. Kultur, Zuständigkeit, Skills und Prozesse entscheiden über Ergebnis.


      Terminhinweise: Zukunft Personal Nord 2026 in Hamburg

      ZP Nord 2026 findet am 25.–26. März 2026 in Hamburg Messe & Congress statt.

      Passend zu „People First“ (Organisation vor Tool) sind diese Sessions besonders anschlussfähig:

      • Talent-Inventur: Wie man die Fähigkeiten und Skill-Lücken im Unternehmen aufdeckt (DE)
        25. März 2026 • 09:30–10:30 • Keynote Stage
        Mit Beate Maak (Schwarz&Grantz Hamburg GmbH), Anke Brinkmann (TÜV Nord AG), Prof. Dr. Werner Sauter (oneclick Learning GmbH), Phillip Mark, Moderation Cliff Lehnen.
      • Cawa trifft… Quo vadis Arbeitsrecht 2026 (DE)
        25. März 2026 • 16:00–17:00 • Keynote Stage
        Mit Cawa Younosi – inklusive Live-Quiz „Wer wird (Punkte) Millionär?“.
      • We the HR Community (DE)
        26. März 2026 • 09:30–10:30 • Keynote Stage
        Mit Veronika Birkheim, Tim Verhoeven, Moderation Cliff Lehnen – Agenda per App, ungefilterter Dialog.
      • Innovation in HR, Leadership & Recruiting – How to change: Ohne Führungskräfte geht es nicht (DE)
        26. März 2026 • 12:45–13:45 • Keynote Stage (Podcast-Aufzeichnung „neues lernen“)
        Mit Prof. Dr. Simone Kauffeld (TU Braunschweig) und Andrea Heinze (Jungheinrich AG).
      • Die wichtigsten Erkenntnisse aus 227 Recruiting-Kampagnen: Wie Mittelständler 2026 Fach- und Führungskräfte gewinnen (DE)
        26. März 2026 • 14:50–15:15 • Solution Stage 2
        Fokus: Handlungsempfehlungen aus Kampagnenpraxis, Positionierung als Arbeitgeber, gezielte Talentgewinnung.

      Corporate Learning 2026: Zwischen KI-Turbo und Kompetenzlücke #ZPNachgefragtWeek

      Man erkennt die Lage eines Marktes oft daran, wie nervös seine Rituale werden. In der Learning-Session von Thomas Jenewein beginnt das Ritual nicht mit der Folie, sondern mit dem QR-Code: Handy raus, Mentimeter an, einmal den Raum vermessen, bevor man ihn erklärt. Es ist ein kleiner Akt, der viel erzählt: Corporate Learning ist 2026 nicht mehr die Disziplin, die Gewissheiten verteilt. Es ist die Funktion, die Unsicherheit organisiert – und die Belegschaft dabei beobachtet, wie sie sich in Echtzeit neu sortiert.

      KI als General-Purpose-Technologie – und Learning als Nebenkriegsschauplatz?

      Jenewein zeichnet die Großwetterlage entlang zweier Linien: KI als dominante General-Purpose-Technologie – und die gleichzeitige Rückkehr klassischer L&D-Themen, die plötzlich wieder nach vorn drängen. Donald H. Taylors globale Stimmungsumfrage liefert den nüchternen Rahmen: AI steht oben, aber der Peak wirkt erreicht, die Kurve flacht ab. Darunter: Reskilling/Upskilling, Personalisierung, Skill-basierte Organisation. Weniger Revolution, mehr Konsolidierung – als hätte der Markt begriffen, dass der Hype zwar Schlagzeilen, aber keine Lernarchitektur baut.

      Dazu kommt ein Befund, der in seiner Einfachheit betriebswirtschaftlich ist: 2026 ist ein Jahr mit „Rekord an Stressfaktoren“ – Jobunsicherheit, Redundanzängste, unklare Zukunft. KI verschärft diese Gemengelage zunächst eher, als dass sie sie beruhigt. Und dennoch dominiert – bemerkenswert genug – ein Grundoptimismus: L&D kartiert „neues Terrain“ durch Experimente, weniger durch fertige Antworten.

      Der Markt dreht: SCORM ist nicht tot, aber nicht mehr souverän

      Wenn man wissen will, wie ernst ein Technologiesprung ist, sollte man nicht auf Keynotes schauen, sondern auf Standards. Jenewein greift Josh Bersins Blick auf den Enterprise-Learning-Tech-Markt auf: Die alten Plattformen sterben nicht sofort – „todgesagte leben länger“ –, aber sie verändern ihre Mechanik. SCORM, dieses ehrwürdige Trackingmodell des E-Learning-Zeitalters, wird nicht mehr als Zentrum gedacht. Stattdessen drängen dynamische Content-Modelle und KI-native Architekturen in die Mitte. Plattformen werden zu „Content Intelligence Platforms“, Lernsysteme zu Oberflächen für Suche, Tutorien, Q&A-Agenten und Flow-of-Work-Unterstützung. Die Pointe ist ökonomisch: Im Markt stecken Milliarden in Legacy-Systemen. Wer nicht auf dynamische, KI-native Architekturen umstellt, verliert Anschluss – nicht weil die Technik schöner ist, sondern weil sich die Erwartung an „Time-to-Competence“ verschiebt.

      Assessment wird erwachsen: Vom Ankreuzen zum Performen

      Besonders greifbar wird der Wandel beim Thema Assessment. Jenewein beschreibt, wie SAP Zertifizierungen von Multiple-Choice-Wissensabfrage hin zu Systemsimulationen und Rollenspielen umgestellt hat: weg vom „weiß es jemand“ hin zum „kann es jemand“. KI ist hier weniger der Tutor als der Prüfer im Hintergrund – ein Mechanismus, der Performance sichtbar macht, ohne gleich ein Prüfungstheater aufzubauen.

      Das ist mehr als Didaktik. Es ist ein Signal für die Arbeitswelt: Wenn KI Wissen überall verfügbar macht, wird Können die knappere Währung. Unternehmen, die weiter auf Wissensabfragen setzen, optimieren eine Größe, die ihre Knappheit verliert.

      Knowledge Management kehrt zurück – als KI-gestützte Betriebsinfrastruktur

      Ein weiterer Strang der Session wirkt auf den ersten Blick unspektakulär, ist aber wahrscheinlich der eigentliche Hebel: Dynamic Enablement und die Renaissance des Wissensmanagements. Jenewein skizziert den Shift von SharePoint-Gräbern hin zu semantischer Suche, RAG-Agenten, Expertenfinding, automatisierten Workflows und Knowledge Retention – also dem Versuch, implizites Erfahrungswissen so zu erfassen, dass es nicht beim Babyboomer-Abgang verdampft.

      Ökonomisch ist das der Übergang von „Lernen als Veranstaltung“ zu „Wissen als Infrastruktur“. In einer Zeit, in der Belegschaften schneller rotieren, Projekte kürzer werden und Produktzyklen schrumpfen, wird die Fähigkeit, internes Wissen auffindbar zu machen, zur Produktivitätsreserve – und zur Compliance-Versicherung.

      Agentic AI, Peer Learning, Immersion: Drei Trends, die einander begrenzen

      Jenewein lässt den Markt nicht in der KI-Erzählung stecken, sondern holt zusätzliche Perspektiven aus der Corporate-Learning-Community: Agentic AI als Dauerbrenner (viele Namen, wenig Greifbarkeit), die Zuspitzung auf Lernkultur und die Rückkehr von Lernökosystemen.

      Gleichzeitig betont Jochen Robes – zitiert über den Podcast-Kontext – Peer Learning als Gegenpol zur KI-getriebenen Individualisierung: Der Mensch sucht den Menschen, gerade weil Technologie überall ist. Barcamps, Lernzirkel, Promptathons – Formate, die nicht „Content“ liefern, sondern Erfahrung erzeugen.

      Und dann ist da Christoph Haffners „Hidden Champion“: Immersive Learning. Nicht als VR-Heilsversprechen, sondern als robuste Nische, die sich mit KI verheiratet und dort stark ist, wo reale Übung teuer, gefährlich oder schwer skalierbar ist – von Rollenspielen bis Ausbildungsszenarien.

      Zusammengenommen entsteht ein interessantes Kräftefeld: Agentic AI verspricht Automatisierung, Peer Learning erzwingt soziale Einbettung, Immersion liefert verkörperte Erfahrung. Die drei Trends sind keine additive Liste – sie sind Korrektive füreinander.

      Gegenwind: Schatten-KI und die zwei Geschwindigkeiten der Adoption

      Die schärfste Diagnose der Session ist weniger technologisch als organisatorisch: das Privatnutzungs-Paradox. Schatten-KI ist Realität – Mitarbeitende nutzen Tools, weil sie produktiv sein wollen, nicht weil Governance fertig ist.

      Dazu kommen zwei Geschwindigkeiten: Schnell ist alles, was in bestehende Produktionslogiken passt – Übersetzung, Video, Content-Erstellung. Langsam ist das, was wirklich neu wäre: KI als Coach, als Sparringspartner, als Tutor, als Begleiter im Arbeitsfluss. Genau dort fehlt oft die didaktische Innovation, und es drohen Rückfälle: mehr Kurse, mehr Zertifikate, mehr „besprochene PowerPoints“.

      Der zentrale Satz, der wie ein Stachel im System sitzt: Wissen ≠ Fähigkeiten ≠ Erfahrung. Wer KI nur benutzt, um Wissenspakete billiger zu produzieren, skaliert nicht Lernen, sondern Ablenkung.

      Die Kompetenzlücke: hohe Motivation, geringe Umsetzungskompetenz

      Aus einem SAP-internen Enablement-Projekt bringt Jenewein eine Beobachtung mit, die in vielen Organisationen weh tut: Motivation hoch, Umsetzungskompetenz niedrig. Ein klassischer Erwartungsfehler: Man verwechselt „Lust auf KI“ mit „Fähigkeit, KI sicher und sinnvoll in Arbeit zu übersetzen“.

      Das ist der Punkt, an dem Corporate Learning eine neue Rolle bekommt – und zwar nicht als Content-Fabrik, sondern als Befähigungsarchitekt für ein Arbeitsmittel, das zugleich Produktivitätshebel und Risikoquelle ist.

      Sieben pragmatische Sätze, die man als Programm lesen kann

      Jeneweins „sieben Tipps“ wirken in ihrer Form schlicht, sind aber in Wahrheit ein Organisationsprogramm: Grundlagen für alle (inkl. Ethik/Governance), Standortbestimmung, rollenspezifische Vertiefung, Lernziele und Dokumentation, Peer Learning, Hands-on-Projekte, kontinuierliches Update. Es ist die Abkehr vom einmaligen Training hin zur permanenten Lernökonomie.

      Und in diesem Punkt wird der Titel der Session („Trends, Gegenwind & Treffen“) plötzlich sehr präzise: Treffen ist nicht Folklore, sondern Infrastruktur. Communities, Camps, Barcamps, Messen – Orte, an denen Lernfähigkeit sozial verankert wird, weil Algorithmen allein keine Kultur bauen.

      Corporate Learning wird 2026 zur Betriebsbedingung

      Wenn man den wirtschaftlichen Kern dieser Session in eine Zeile zwingen wollte, wäre es diese: 2026 entscheidet sich Corporate Learning nicht an der Frage, ob KI Inhalte schneller macht, sondern daran, ob Unternehmen ihren Kompetenzaufbau gegen die eigene Bequemlichkeit verteidigen.

      KI ist der Beschleuniger. Aber Beschleunigung ohne Richtung ist nur Verschleiß. Corporate Learning steht damit vor einer unsentimentalen Aufgabe: Es muss aus dem KI-Turbo eine fähigkeitsbasierte Wertschöpfung machen – und aus dem Gegenwind den Nachweis, dass Lernen nicht „nice to have“, sondern die Produktionsbedingung der nächsten Jahre ist.