Der blinde Staat im digitalen Vorfeldkrieg

Die Pipeline und die Lektion der Entschlossenheit

Am 7. Mai 2021 traf ein einzelner Angriff eine der empfindlichsten Nervenbahnen der amerikanischen Moderne: die Colonial Pipeline. Der Stillstand zwischen Texas und New York löste Panikkäufe aus, Notstandsmaßnahmen, eine öffentliche Regierungskommunikation, die bis zur grotesken Bitte reichte, Diesel nicht in Plastiktüten zu transportieren. Und er führte – so berichten es amerikanische wie europäische Beobachter – zu einem Prinzip, das in Deutschland gern als anrüchig gilt, in Washington aber als nüchterne Staatsräson verstanden wird: Der Angreifer sollte den Preis spüren.

Tatsächlich meldete das US-Justizministerium kurz darauf die Sicherstellung eines großen Teils des Lösegelds: 63,7 Bitcoin konnten beschlagnahmt werden. Das ist mehr als eine kriminalistische Pointe. Es ist eine Botschaft: Wer kritische Infrastruktur angreift, wird nicht nur beobachtet – er wird in seiner Handlungsfähigkeit getroffen.

Sabotage ohne Absender

Deutschland kennt ähnliche Gefährdungen – nur ohne die demonstrative Antwort. In einer Bundestagsdrucksache wird ein Fall genannt, der wie aus dem Lehrbuch der hybriden Nadelstiche wirkt: Bei der im Bau befindlichen Korvette „Emden“ seien im Januar 2025 mehrere Kilogramm Metallspäne im Antriebssystem entdeckt worden; der Verdacht: gezielte Manipulation, Ermittlungen liefen, öffentlich geworden durch Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung.

Doch während Amerika in der Pipeline-Krise sichtbar handelte, bleibt hierzulande oft schon die Benennung im Nebel. Man kann das rechtsstaatlich loben: Keine Schuldzuweisung ohne Beweis. Man muss es sicherheitspolitisch fürchten: Abschreckung lebt nicht vom Verdacht, sondern von der Erwartung einer Reaktion.

Der Satellit, der nicht kommt

Das Problem ist tiefer als eine einzelne Maßnahme. Es beginnt bei der Feindaufklärung – also bei der Fähigkeit, überhaupt zu sehen, was geschieht. Holger Stark beschreibt in seinem sehr lesenswerten Buch „Das erwachsene Land“ (Propyläen) eine Szene aus dem Jahr 2014, die wie ein Menetekel über dem folgenden Jahrzehnt hängt: „Peter Altmaier, Merkels ehemaliger Kanzleramtschef, erinnert sich noch daran, wie schmerzhaft die Bundesregierung diese Lücke zu spüren bekam. 2014, als die Spannungen im Donbass eskalierten, hatten Satellitenaufnahmen eines Privatunternehmens mehrere russische Panzer an der Grenze zur Ukraine gezeigt. Am nächsten Morgen waren sie verschwunden. Wo die Panzer stattdessen wieder auftauchten, das vermochten die BND-Auswerter nicht zu sagen: Sie hatten leider keine neuen Bilder vorliegen. Altmaier war entsetzt. ‚Ein richtiges Land braucht einen richtigen Satelliten‘, sagte er in einer Besprechung im Kanzleramt.“

Das Aufklärungsdesaster führte nach Recherchen von Holger Stark dazu, dass Kanzleramt dazu, dass das Kanzleramt gut 400 Millionen Euro auftrieb, um eigene Satelliten für den BND einzukaufen. „Im Frühjahr 2017 flog eine deutsche Delegation unter Leitung eines Staatssekretärs aus dem Kanzleramt nach Springfield, Virginia, zur NGA, um sich vor Ort inspirieren zu lassen. 2022 sollten die beiden BND-Satelliten ins All geschossen werden, das System trägt den Namen ‚Georg‘ (für den denglischen Begriff ‚Geheimes Elektro-Optisches Reconnaissance System Germany‘), was intern auch als Anspielung auf den heiligen Georg verstanden wird, den Drachentöter. Aber wie so oft bei Großprojekten verzögerten sich die Arbeiten. Im Herbst 2025, rund zehn Jahre nach dem Erweckungserlebnis mit den verschwundenen russischen Panzern im Donbass, flog noch immer kein eigener deutscher Aufklärungssatellit, demnächst soll es endlich so weit sein“, resümiert Stark, stellvertretender Zeit-Chefredakteur.

Der Autor zeichnet daraus das Bild eines Staates, der sich in existenziellen Fragen an fremde Augen gewöhnt hat. Es ist eine Paradoxie unserer Debattenkultur: Als Google Street View einst begann, Straßenansichten zu veröffentlichen, genügte hierzulande die Ahnung einer abfotografierten Fassade, um eine hysterische Sicherheits- und Privatsphärendebatte auszulösen. Bei der äußeren Sicherheit hingegen lebt man mit Abhängigkeiten von Partnerdiensten, Plattformkonzernen und privaten Datenlieferanten, als sei das ein Naturgesetz – ausgerechnet dort, wo Souveränität nicht Pose, sondern Überlebensbedingung ist.

Hackback: Rachewort, Notwehrproblem

In Deutschland ist „Hackback“ ein Reizwort – es klingt nach Revanche, nach digitaler Selbstjustiz. Gerade deshalb ist bemerkenswert, wie früh Christian Hummert, Forschungsdirektor der Cyberagentur, die Debatte früh auf Handlungsfähigkeit zuspitzte – auch öffentlich, etwa im Sohn@Sohn-Adhoc-Interview in Halle an der Saale. Er spricht dort offen über die Spannungen mit der Hackerszene und sagt sinngemäß: Die Ressentiments – etwa beim Chaos Computer Club – seien groß; der Vorwurf laute, eine „Hackerbehörde“ finanziere Sicherheitslücken. Dann setzt er die berühmte Alltagsmetapher: Wenn „jeden Tag“ jemand die eigene „Wohnungstür kaputt“ mache, sage man irgendwann: „Jetzt ist Schluss.“ Und der entscheidende Satz folgt: „Die Debatte um Hackbacks wird wiederkommen – ob wir es nun aktive Cyberabwehr oder vigilantes Verhalten nennen.“ Das ist der Kern: Nicht Rache, sondern Unterbrechung.

Wenn selbst Minister von „Abwehrschlägen“ sprechen

Dass diese Debatte wieder da ist, zeigt die politische Sprache der Gegenwart. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt forderte, es reiche nicht, Cyberangriffe „nur mit möglichst wenig Schaden zu überstehen“; man müsse Angriffe stoppen und dafür – im Rahmen der Gefahrenabwehr – in der Lage sein, Angreifer auch im Ausland lahmzulegen. Zugleich wich er dem Wort „Hackback“ aus und sprach von „reinen Abwehrschlägen“. Die Semantik verrät die Lage: Man will handeln, aber man fürchtet den Begriff.

Der Preis der Handlungsfähigkeit: Recht, Risiko, Kontrolle

Die Einwände gegen Hackbacks sind real – und nicht kleinzureden: Attribution ist unsicher, Angriffe laufen oft über gekaperte Drittinfrastruktur, Kollateralschäden sind möglich. Wer einen Server abschaltet, trifft womöglich nicht den Täter, sondern ein missbrauchtes Zwischenstück. Genau deshalb ist die Frage nicht „Hackback: ja oder nein“, sondern: Welche Eingriffsschwelle? Welche Beweisanforderungen? Welche Verhältnismäßigkeit? Welche parlamentarische und richterliche Kontrolle – in welchem Tempo?

Eine „Agenten-Offensive“ als verspäteter Realismus

Der politische Druck wächst, weil Abhängigkeit zur strategischen Gefahr wird. In einer Recherche über eine geplante „Agenten-Offensive“ heißt es, BND und Verfassungsschutz sollten künftig nicht nur sammeln, sondern auch Gegenmaßnahmen ergreifen dürfen – bis hin zu Operationen, die ausdrücklich auf das Stören oder Zerstören gegnerischer Infrastruktur zielen. Und Bundeskanzler Friedrich Merz verlangte, der BND müsse „auf dem allerhöchsten Niveau“ mitspielen – verbunden mit dem Ziel, Deutschlands Sicherheitsinteressen stärker aus eigener Kraft zu wahren.

Das klingt nach „Normalstaat“. Nur sind wir es im Cyberraum, in der Satellitenaufklärung und in Teilen der technischen Souveränität noch nicht. Wir haben uns – um Starks Bild aufzunehmen – an fremde Augen gewöhnt. Und wir haben – um Hummerts Metapher ernst zu nehmen – lange zugesehen, wie jemand die Wohnungstür bearbeitet, während wir über die Gardinenstange stritten.

Abschreckung braucht Fähigkeit – Fähigkeit braucht Aufklärung

Abschreckung ist im 21. Jahrhundert nicht nur Panzer und Munition. Sie ist auch Sensorik, Datenhoheit, schnelle Auswertung, robuste Infrastruktur – und, im Ernstfall, die Möglichkeit zum Eingriff. Ohne Feindaufklärung bleibt jedes „Zurück“ im Hackback ein Schuss ins Dunkel. Ohne rechtlich sauber definierte Eingriffsrechte bleibt jede „aktive Abwehr“ bloße Rhetorik. Ohne Kontrolle aber wird Fähigkeit zur Gefahr im Innern.

Deutschland muss deshalb zwei Dinge gleichzeitig lernen: sehen und handeln – und beides so, dass der Rechtsstaat nicht Opfer seiner eigenen Blindheit wird.

Licht, Ton, Wirkung: Smarter Service Talk mit Samir Ayoub (28.01. | 12:00)

Die moderne Arbeitswelt ist reich an Tools – und erstaunlich arm an Räumen, die diese Tools zur Wirkung bringen. Zu oft gilt der Besprechungsraum als neutraler Ort. Tatsächlich ist er ein Faktor: Er bestimmt, ob Kommunikation gelingt.

Am Mittwoch, 28. Januar 2026, um 12:00 Uhr wird der Smarter Service Talk mit Samir Ayoub, CEO von designfunktion, gesendet. Es geht um die oft unterschätzte Trias aus Präsentationstechnik, Licht und Akustik: um Blickachsen statt Bauchgefühl, um Sprachverständlichkeit statt „wird schon“, um die einfache Wahrheit, dass Gegenlicht nicht diskutiert werden kann – nur korrigiert.

Als thematischer Ausblick führt der Talk direkt zur KOMI Zukunftswerkstatt am 5. Februar 2026 in Stuttgart. Dort greifen wir den Faden auf – unter anderem mit Benjamin Springub (KOMI Group) – und stellen die praktische Frage: Wie wird aus einem Besprechungsraum ein Ort, an dem Entscheidungen entstehen – und nicht nur Termine vergehen?

Termine im Überblick
28.01.2026 | 12:00 Smarter Service Talk
05.02.2026 | Stuttgart KOMI Zukunftswerkstatt
25.–26.03.2026 | Hamburg Messe & Congress Zukunft Personal Nord
21.–22.04.2026 | Messe Stuttgart Zukunft Personal Süd

3775 Jahre Kundenfrust: Nanni hatte schon ein Ticket

Ich bin bei Nils Hafner in einem LinkedIn-Posting auf ein Stück Ton gestoßen, ungefähr so groß wie ein Smartphone – nur schwerer, staubiger und ohne Ladebuchse. Darauf: Keilschrift. Und zwar nicht irgendeine. Es ist der älteste überlieferte Beschwerdebrief der Welt. Um 1750 v. Chr., Mesopotamien. Kunde Nanni hat sich seinen Frust förmlich in den Ton gehämmert und Händler Ea-nāṣir geschrieben: Deine Kupferbarren taugen nichts – und deinen Umgangston kannst du dir ebenfalls einrahmen. Selbst der Bote wurde auch noch pampig behandelt.

3.700 Jahre später ist das Material moderner geworden, die Botschaft nicht. Heute hämmern wir nicht mehr in Ton, sondern in Kommentarspalten, Chatfenster und App-Store-Reviews. „Minderwertige Kupferbarren“ heißen jetzt „instabile Leitung“, „mysteriöse Zusatzgebühr“, „Paket seit 12 Tagen in Zustellung“, „Kündigung nur per Fax“ oder „Ihr Anliegen ist uns wichtig (bitte warten Sie 28 Minuten)“. Und der unhöflich behandelte Bote? Das ist 2026 der Mensch, der für Oma anruft, weil die App wieder „unerwartet beendet“ wurde – oder der Kunde, der sich durch einen Chatbot kämpfen muss, der höflich lächelt und inhaltlich konsequent nicht hilft.

Servicehelden, überall Servicehelden

Jeden Tag vollbringen Service-Unternehmen eine gute Tat – zumindest in ihren PowerPoints. Es wimmelt nur so von Champions, Dienstleistungsakrobaten, Customer-Centricity-Ninjas und „kundenzentrierten“ Weltmarktführern. Abgesichert und bewiesen durch Umfragen, Ranglisten, Awards, Studien und LinkedIn-Posts mit Selfie vor dem Roll-up: „Wir stellen den Kunden in den Mittelpunkt.“

Klar. Solche Sätze passen wie Deko-Kissen in jedes Leitbild: angenehm weich, völlig folgenlos. Es wäre ja auch eine gewaltige Überraschung, wenn eine Organisation offiziell verkünden würde: „Bei uns steht der Prozess im Mittelpunkt, der Kunde ist Störfaktor, bitte ziehen Sie eine Nummer und schweigen Sie ehrfürchtig.“ In der Praxis passiert nur eben genau das – mit freundlicher Anrede und automatischer Signatur.

Dumm nur, dass der Verbraucher diese Exzellenz manchmal gar nicht merkt. Vielleicht, weil die Pseudo-Exzellenz oft dort stattfindet, wo Kunden nicht vorkommen: in Jurybegründungen, Zertifikatsübergaben und internen Newslettern („Wir sind wieder unter den Top 3 der Serviceanbieter!“). Nur die, die man täglich bedienen möchte, stehen draußen im Regen – digital oder analog.

Umfragen: Wenn du nur richtig fragst, sind alle glücklich

Das eigentlich Geniale ist nicht der Service, sondern die Methodik. Wer gut fragt, gewinnt immer.

Früher klang das nach: „Sind Sie grundsätzlich der Auffassung, dass Mülltrennung im Prinzip eine gute Sache ist?“ Wer wollte das verneinen. Heute heißt es:
„Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie uns weiterempfehlen?“ (0–10)
und direkt danach:
„Was können wir verbessern?“ (bitte in 240 Zeichen, während Sie noch in der Warteschleife hängen)

Diese Mikro-Befragungen sind die neuen Orakel: NPS, CSAT, CES – Buchstaben, die intern mehr Gewicht haben als der Kunde selbst. Hauptsache, die Kurve zeigt nach oben. Was die Kurve selten zeigt: dass der Kunde die Empfehlung zwar gibt, aber nur, weil er endlich aus dem Chat raus will. Oder dass er „10“ klickt, weil er Mitleid mit dem Agenten hat, der sonst Ärger bekommt. Oder dass er „0“ klickt, weil die App gerade wieder abgestürzt ist – und zwar aus Prinzip.

Man kann Menschen fast alles entlocken, wenn man „grundsätzlich“ davor setzt. Grundsätzlich ist auch Steuerzahlen eine gute Sache. Grundsätzlich ist Demokratie super. Grundsätzlich sind Bahnfahrten romantisch. In der Realität sitzen wir dann doch wieder im ICE, irgendwo zwischen „Signalstörung“ und „Bitte haben Sie Geduld“, und fragen uns, ob Nanni damals wenigstens eine ordentliche Entschädigung in Kupfer bekommen hat.

Der neue Hotline-Irrsinn heißt Chatbot

Damals wurde uns erzählt, Kunden würden den persönlichen Kontakt an der Hotline bevorzugen. Was für ein Märchen. Heute wird uns erzählt, Kunden würden „Self Service“ lieben. Und natürlich stimmt auch das – wenn der Self Service funktioniert. Tut er nur häufig nicht. Dann ist „Self Service“ eine elegante Umschreibung für: „Wir haben es so gebaut, dass Sie aufgeben.“

Früher schmorte man in der Warteschleife. Heute schmort man in einem Chatfenster mit dem Hinweis:
„Ich bin Ihr digitaler Assistent. Beschreiben Sie Ihr Anliegen in einem Satz.“

Ein Satz. Für ein Problem, das seit drei Monaten besteht, fünf Abteilungen betrifft und sich nur lösen lässt, wenn jemand einmal kurz nachdenkt. Also tippt man: „Rechnung falsch.“
Antwort: „Meinten Sie: Rechnungskopie?“
Man tippt: „Nein. Falsch berechnet.“
Antwort: „Hier sind unsere Öffnungszeiten.“

Das ist die moderne Variante der unhöflichen Behandlung des Boten. Nur dass der Bote jetzt der Kunde selbst ist – und der Ton, in den er hämmert, ein Formularfeld, das nach 15 Minuten Inaktivität alles löscht.

Omnichannel: Das Alzheimer-Prinzip in hübscher Verpackung

Und dann kommt das Beste: Egal, über welchen Kanal man startet – man endet oft beim gleichen Ritual. Ich nenne es weiterhin das Alzheimer-Prinzip, heute im schicken Gewand des „Omnichannel Managements“:

  • Du meldest ein Problem per App.
  • Die App erstellt ein Ticket.
  • Das Ticket verlangt einen Anruf.
  • Am Telefon fragt man nach der Ticketnummer.
  • Mit Ticketnummer sagt man: „Dazu habe ich keinen Zugriff, bitte schildern Sie das kurz.“
  • Du schilderst es kurz.
  • Nach 20 Minuten heißt es: „Das liegt nicht bei uns, ich verbinde.“
  • Klick.
  • „Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?“
  • Du schilderst es erneut. In Keilschrift, innerlich.

Die Technik könnte Kontext. Sie will nur oft nicht. Kontext ist nämlich teuer, Verantwortung auch. Deshalb optimieren viele Organisationen lieber auf Kennzahlen: Anrufdauer runter, Kontaktvermeidung rauf, Ticketabschlussrate hoch. Der Kunde ist dann kein Mensch mit Anliegen, sondern eine Messgröße, die man aus dem System drücken muss, bevor sie die Statistik verdirbt.

Rücken zum Kunden – in Staat und Wirtschaft

Und nein, das ist kein reines Unternehmensproblem. Auch viele staatliche Organisationen stehen noch immer mit dem Rücken zum Bürger: Formulare, die aussehen, als hätte Ea-nāṣir sie entworfen. Portale, die „digital“ heißen, aber am Ende doch einen Ausdruck verlangen. Prozesse, die nicht dafür gebaut sind, dass Menschen ein Anliegen haben – sondern dafür, dass Menschen das Anliegen bitte so lange umsortieren, bis es in die Schublade passt.

Kundenzentrierung bedeutet in solchen Systemen oft: Der Kunde darf sich zentrieren – um das System herum.

Was Nanni uns heute sagen würde

Nanni hat ein Dokument geschaffen, das Jahrtausende überlebt. Unsere heutigen Beschwerden verdunsten im Ticket-System wie Atem auf Glas. Nach 30 Tagen gelöscht. Datenschutz. Aufbewahrungsfrist. „Wir können Ihre Vorgänge leider nicht mehr einsehen.“

Vielleicht sollten wir das ändern. Nicht als Nostalgie, sondern als Service-Reform: Jede Organisation, die „Kunde im Mittelpunkt“ aufs Leitbild schreibt, bekommt am Eingang einen Tonblock und einen Griffel. Wer sein Problem nicht gelöst bekommt, darf es dort eingravieren. Unkürzbar. Unlöschbar. Ohne Copy-Paste aus der Textbaustein-Bibliothek.

Ich wette: Innerhalb von zwei Wochen wären die Prozesse schlanker, die Mitarbeiter ermächtigt – und die Kupferbarren plötzlich erstaunlich hochwertig.

Und irgendwo in der Serviceabteilung würde jemand leise sagen:
„Ea-nāṣir, wir müssen reden.“

Innenstädte im Sinkflug: Warum der stationäre Handel keine Schonzeit mehr hat

Die Krise des stationären Handels ist längst kein konjunkturelles Ereignis mehr, das mit sinkenden Zinsen oder steigender Konsumlaune wieder vergeht. Sie ist Strukturwandel in Zeitlupe – und gerade deshalb so unerquicklich. Denn was langsam erodiert, wirkt lange reparabel. Man redet sich ein, es handle sich um eine Phase, nicht um eine Zäsur. Doch die Indikatoren sind unbarmherzig: Frequenzen sinken, Fixkosten bleiben, Margen schrumpfen, Investitionen unterbleiben. Das Ganze ist kein plötzlicher Einsturz, sondern ein fortgesetztes Absacken.

Die jüngsten Meldungen über ein prominentes Kaufhaus in Köln – Gerüchte über eine interne „Exit-Liste“, schroffe Dementis, Berichte über schwache Umsätze – sind in diesem Sinne nicht die Nachricht. Sie sind die Kulisse. Die eigentliche Nachricht lautet: Selbst in vermeintlichen Premiumlagen ist die Frage nicht mehr, ob sich ein Haus modernisiert, sondern ob es überhaupt noch eine tragfähige Zukunft als Warenhaus gibt. Wer darin nur „negative Stimmung“ sieht, verwechselt Stimmung mit Statistik.

Der Handel schrumpft Richtung Null

Der Handelsexperte Professor Gerrit Heinemann hat die Entwicklung mit einer bemerkenswerten Klarheit beschrieben: Downsizing, Verkleinerung in Richtung Null – irgendwann bei Null. Das ist drastisch, aber nicht melodramatisch. Es ist die nüchterne Formel für ein Modell, das zu lange von seiner Vergangenheit gelebt hat: große Flächen, breite Sortimente, hohe Komplexität, geringe Differenzierung. Der Kunde hingegen hat gelernt, dass Auswahl nicht im Regal, sondern im Smartphone wohnt. Und dass Bequemlichkeit nicht aus Serviceversprechen entsteht, sondern aus Logistik.

Hinzu kommt die Diskrepanz zwischen dem, was man gern über sich sagt, und dem, was man tut. Viele Bürger bekennen sich zur „Innenstadt“, zum „lokalen Einkauf“, zur „Nachhaltigkeit“. Gekauft wird dann doch nach Preis und Lieferzeit. Das ist kein moralischer Vorwurf, sondern eine Marktbeobachtung. Wer Rettungsprogramme darauf gründet, der Kunde werde schon aus Verantwortungsgefühl zurückkehren, betreibt Wunschökonomie.

Immobilienlogik statt Handelslogik

Besonders unerquicklich wird es dort, wo Handelspolitik zur Immobilienpolitik wird. In vielen Fällen hängt die Fortexistenz großer Häuser weniger am Geschäftsmodell als an der Frage, ob die Immobilie noch als Anlageobjekt taugt. Hohe Mieten werden dann nicht als Risiko betrachtet, sondern als Anspruch. Das Warenhaus wird zum Träger einer Renditeerwartung, die aus einer anderen Epoche stammt. Wenn es scheitert, wird nicht das System geändert, sondern der nächste Betreiber gesucht – oder die nächste Insolvenz „verwaltet“.

Das erzeugt eine Verzerrung der Debatte. Denn statt über zukunftsfähige Nutzung zu sprechen, wird über „Rettung“ gesprochen. Rettung aber ist kein Konzept, sondern ein Zeitgewinn. Und Zeitgewinn ist teuer, wenn er nicht genutzt wird.

Kommunalpolitik im Widerspruch

Die Städte stehen unter Druck – und setzen sich zugleich selbst unter Druck. Einerseits wünschen sie lebendige Zentren. Andererseits halten sie über Planungsrecht und Nutzungsvorgaben an Handelsflächen fest, die ökonomisch nicht mehr funktionieren. Umnutzung – zu Wohnen, Bildung, Gesundheit, Kultur, Verwaltung, gemischten Quartieren – wird oft erschwert, verzögert, bürokratisch verknotet. So entsteht ein paradoxer Zustand: Leerstand neben Wohnraummangel, Verödung neben Investitionsstau.

Dazu kommt die typische deutsche Schonung der Eigentümerseite. Vermieter gelten als „schwer greifbar“, Eigentumsverhältnisse als „kompliziert“, Eingriffe als „heikel“. Das kann man so sehen. Man sollte nur offen sagen: Wer auf Freiwilligkeit setzt, entscheidet sich in vielen Fällen für den Stillstand. Und Stillstand ist im Strukturwandel nicht neutral, sondern destruktiv.

Die Mobilitätsfalle der Innenstadt

Wer die Innenstadt als Aufenthaltsraum retten will, muss sie erreichbar halten. In vielen Kommunen geschieht das Gegenteil: Der Autoverkehr wird zurückgedrängt – was man städtebaulich vertreten kann –, aber der öffentliche Verkehr wird nicht im gleichen Maße gestärkt. Parken wird schwieriger und teurer, Busse und Bahnen sind unzuverlässig oder überfüllt, Familien zahlen für spontane Wege einen Preis, den sie als Zumutung empfinden. Das Ergebnis ist ein weiteres Dilemma: Man appelliert an die Bürger, die Innenstadt zu nutzen, und organisiert zugleich die Gründe, es nicht zu tun.

Plattformdruck und Vollzugsdefizit

Der Strukturwandel wird zusätzlich beschleunigt durch Plattformanbieter, die mit extremen Preisen, aggressiver Vermarktung und – jedenfalls in Teilen – durch das Ausnutzen von Zoll- und Steuergrenzen operieren. Der stationäre Handel konkurriert dann nicht nur mit besseren Geschäftsmodellen, sondern mit einem System, das Regeln nicht in gleicher Strenge spürt. Man kann darüber ideologisch streiten. Ökonomisch ist es simpel: Wenn Durchsetzung fehlt, verschiebt sich der Wettbewerb.

Ein Staat, der beim Mittelstand kleinlich kontrolliert und bei massenhaftem Grenzverkehr großflächig kapituliert, zerstört Vertrauen in Fairness. Und ohne Fairness wird jede Ermahnung an den „Innenstadtkunden“ zur Heuchelei.

Was jetzt zu tun wäre

Erstens: Die Illusion, es komme „wieder eine bessere Zeit“ im Sinne einer Rückkehr zum alten Warenhausmodell, gehört beerdigt. Die bessere Zeit kommt nicht als Wiederholung, sondern – wenn überhaupt – als Umbau.
Zweitens: Planungsrecht muss Umnutzung erleichtern, nicht verhindern. Innenstädte brauchen Mischnutzung, nicht Monokultur.
Drittens: Eigentümer müssen Teil der Lösung werden – notfalls durch stärkere Anreize und klarere Regeln.
Viertens: Mobilität ist Voraussetzung jeder Belebung. Wer Autos begrenzt, muss Alternativen ausbauen, nicht ausdünnen.
Fünftens: Wettbewerb setzt Vollzug voraus. Zoll, Steuer, Standards – wer sie ernst meint, muss sie auch durchsetzen.

Das Ende der Schonzeit

Die Dauerkrise des stationären Handels ist das Ende einer Schonzeit, die man sich lange gegönnt hat – aus Nostalgie, aus politischer Bequemlichkeit, aus der Hoffnung, man könne den Strukturwandel wegmoderieren. Aber Märkte lassen sich nicht wegmoderieren. Innenstädte sind kein Museum. Sie sind ein Organismus. Und wer einen Organismus erhalten will, darf ihn nicht konservieren, sondern muss ihn erneuern.

Exkurs: Die Stadt als Innovationsraum – eine Beobachtung von der Next Economy Open

Auf der Next Economy Open zeigte sich in einer Session mit Gloria Göllmann, wie sehr die Zukunft der Innenstadt weniger an „dem Handel“ hängt als an der Fähigkeit, Stadt als gemeinschaftlich organisierten Möglichkeitsraum zu begreifen. Göllmann, die sich selbst als „Stadtretterin“ bezeichnet, kommt nicht aus der wohlfeilen Kommentierung, sondern aus der praktischen Koordination: Sie arbeitet als Geschäftsführerin einer Immobilien- und Standortgemeinschaft – im Kern ein Business-Improvement-District nach deutschem Recht –, in dem Eigentümer eines Quartiers über eine verbindliche Abgabe in die Verantwortung genommen werden, sobald eine qualifizierte Mehrheit zustimmt. Der Satz „Eigentum verpflichtet“ bekam hier eine selten konkrete Bedeutung: nicht als moralische Floskel, sondern als Finanzierungs- und Steuerungsinstrument gegen Leerstand, Verwahrlosung und das schleichende Ausfransen urbaner Qualität.

Bemerkenswert war dabei weniger die Aufzählung einzelner Maßnahmen – Sauberkeit, Sicherheit, Veranstaltungen, Zwischennutzungen – als die Logik dahinter: Stadtentwicklung als Moderation konkurrierender Interessen, als Übersetzungsarbeit zwischen Verwaltung, Eigentümern, Gewerbe, Vereinen, Kirchen, Bürgerschaft. „Führung ist Informationen zum Fließen bringen“, fiel als Satz – und er trifft den Punkt. In einer Zeit, in der Bürokratie als unüberwindliche Wand erlebt wird und zugleich Vertrauen in Institutionen erodiert, entsteht Handlungsmacht dort, wo jemand Gesprächsfähigkeit organisiert: niederschwellig, transparent, wiederholbar. Dass Göllmann zugleich betont, Wissen „open source“ verfügbar zu machen und Best Practices über Netzwerke zu teilen (sie sprach von einem gewachsenen kommunalen Austauschverbund), verweist auf ein Prinzip, das in vielen Innenstädten fehlt: Lernen in Serie statt jedes Mal bei Null.

Schließlich wurde an einem scheinbar kleinen Beispiel deutlich, wie „Innovationsraum“ in der Stadt ganz konkret aussehen kann: Licht, Inszenierung, Aufenthaltsqualität – die Aufwertung von Gründerzeitfassaden durch dauerhafte, rücksichtsvolle Beleuchtung, die Fensterbereiche ausspart, damit Ästhetik nicht zum Eingriff in Privatheit wird. Das ist kein dekorativer Nebenschauplatz, sondern ein Hinweis auf eine neue Innenstadtökonomie: weniger Flächenlogik, mehr Atmosphäre; weniger Monokultur, mehr Mischung; weniger reines Konsumversprechen, mehr Identifikation. Der stationäre Handel profitiert davon – aber er ist nicht mehr der alleinige Zweck. Die Stadt, so die implizite Pointe dieser Session, wird wieder dann resilient, wenn sie nicht um jeden Preis „Handel“ erzwingt, sondern Leben ermöglicht.

Wallbox-Staat. Förderfehler. Klassenstrom.

Deutschland will Elektromobilität. Deutschland will „Hochlauf“. Deutschland will Zukunft. Und dann kommt die Realität. In Prozent. 1,3 % der Haushalte unter 2.600 Euro Nettoeinkommen besitzen 2023 ein E-Auto oder Plug-in-Hybrid.
13,4 % der Haushalte ab 5.000 Euro besitzen eins. Zehnmal so viel. Zehnmal.

Das ist nicht „nur“ Statistik. Das ist Politik, die sich als Markt tarnt. Das ist ein Verteilungsmechanismus mit Ladeanschluss.

Und jetzt, als Pointe: Ab 2026 soll wieder gefördert werden – Kauf oder Leasing, Bonus für Familien, Bonus für niedrigere Einkommen. So steht es in der Mitteilung.
Klingt nett. Klingt gerecht. Klingt nach Korrektur.
Ist aber im Kern: weiter am Symptom herumsubventionieren, statt an der Struktur zu bauen.

Denn die gleiche Mitteilung sagt auch: Wer elektrisch fährt, fährt oft neu oder geleast. Fast die Hälfte neu gekauft (48,5 %), fast die Hälfte geleast (45,2 %), Gebraucht nur 15,2 %.
Heißt: Wir fördern genau das Segment, das ohnehin Zugang hat: Neuwagen, Leasing, Firmenwagenlogik, Liquidität.
Wir fördern die Eintrittskarte, nicht den Eingang.

Die Wallbox als soziales Grenzobjekt

Die Wallbox ist kein Gerät. Die Wallbox ist ein Besitzstand.
Sie hängt an der Fassade des Einfamilienhauses wie ein Emblem: Hier wohnt Anschlussfähigkeit.

Und das ist der Skandal, der so banal wirkt, dass man ihn fast übersieht:
Etwa 80 % der Elektroautos werden zu Hause geladen.
Super. Nur: Zuhause ist nicht gleich Zuhause.

Etwa 70 % der Wohnungen liegen in Mehrparteienhäusern, oft vermietet – und genau dort wird Laden zum Drama: Eigentümerversammlung, Vermieterblockade, Netzkapazität, Kostenumlage, Haftungsfragen. Drei Jahre Diskussion für eine Wallbox, während die Politik vom „Hochlauf“ spricht.
Das ist keine Transformation. Das ist Standbild.

Und dann wundert man sich, dass Menschen sagen: Ich würde ja – aber ich kann nicht.
Elektromobilität als Privilegienmobilität.

„Öffentlich laden“ ist nicht gleich „öffentlich laden“

Es gibt sie ja, die Infrastruktur: gut 160.000 öffentliche Ladepunkte (1. Januar 2025), davon knapp 36.000 Schnellladepunkte. Und trotzdem: regionale Schieflagen. Ostdeutsche Länder dünner versorgt, Bayern/Baden-Württemberg dichter. Im Schnitt 7 Minuten zur nächsten öffentlich zugänglichen Ladesäule, in Ballungsräumen 2–5, in dünn besiedelten Regionen teils bis 30.

Aber selbst wenn die Säule da ist: Der Markt macht daraus oft ein Tariflabyrinth.
Wer keine Hausstrom-Idylle hat, zahlt drauf – finanziell und zeitlich.
Und so wird aus dem „öffentlichen Netz“ kein commons, sondern ein Flickenteppich aus Zugangshürden.

Der zentrale Förderfehler: Wir subventionieren Autos, nicht Systemwechsel

Es ist diese typisch deutsche Verwechslung:
Man hält Stückzahlen für Fortschritt.

Ja, 2025 waren 30,0 % der Neuzulassungen elektrisch (BEV oder Plug-in).
Und ja, 856.500 neue elektrische Pkw, davon 545.100 BEV (19,1 % aller Neuzulassungen).
Das klingt nach Bewegung.

Aber die Besitzstatistik sagt: In den Haushalten sind es insgesamt 6,0 % (2023).
Und die Einkommensverteilung sagt: Unten fast nichts, oben sehr viel.
Das ist der Riss. Das ist die Sollbruchstelle der Mobilitätswende.

Denn Mobilität ist Infrastruktur. Und Infrastruktur ist: Zugänglichkeit, Preislogik, Regeln, Standardisierung, Betrieb. Nicht: einmalig Geld auf den Kaufvertrag und dann „Viel Glück“.

Die bessere Logik: Laden dort, wo die Autos stehen – und zwar lange

Und hier kommt die Stelle, an der es plötzlich einfach wird. Fast unverschämt einfach.

Auf dem Green Monday wurde die Gegenidee sichtbar: Ladehubs in Parkhäusern (Konzept von Karl Grote). Die Frage, die alles entlarvt: Was macht das Parkhaus nachts?
Antwort: Es steht rum. Es hat Raum. Es hat Ordnung. Es hat Zufahrten. Es ist gebaut.

Und das Auto? Steht auch rum. Meist länger als 22 Stunden am Tag.
Also: langsames, kontinuierliches Laden statt Schnelllade-Hysterie.
Systemisch gedacht: Parken + Laden + Lastmanagement + faire Tarife.

Das ist nicht „Anti-Wallbox“. Das ist Post-Wallbox.
Weil es die Mehrparteien-Realität ernst nimmt, statt sie mit Einfamilienhausbildern zu übertönen.

Was jetzt gefördert werden müsste (wenn man’s ernst meint)

Gebäudelösungen in Mehrparteienhäusern: Standardpakete, Genehmigungsvereinfachung, Umlagemodelle, Betriebskonzepte.

  1. Quartiershubs: Parkhäuser, Garagenkomplexe, Mobilitätsstationen – mit einfacher Nutzerführung.
  2. Tarif-Fairness: weniger Vertragswildwuchs, mehr Transparenz, weniger Strafpreise für die ohne Eigenheim.
  3. Second-hand-Elektrifizierung: Gebrauchtmarkt stärken, sonst bleibt E-Mobilität Neuwagenmilieu.

Sonst kommt genau das raus, was die Destatis-Zahlen schon heute zeigen:
Ein grüner Fortschritt, der sozial nach hinten rausfällt.

Bonn, Sommer 2026: Über Nacht in der Stadt der leisen Mächte

Bonn hat diese seltene Begabung, Wichtigkeit so zu tragen, als wäre sie ein Mantel, den man lieber zu Hause lässt. Die Stadt am Rhein ist nicht laut, nicht großspurig, nicht einmal besonders bemüht, Eindruck zu machen – und gerade deshalb wirkt sie auf Besucher wie ein gut gehütetes Geheimnis, das zufällig einen Weltkonferenzsaal, eine Museumsmeile und eine erstaunlich internationale Gelassenheit besitzt. Man geht hier am Wasser entlang und hat das Gefühl, dass Politik und Parkbank sich nicht widersprechen müssen.

Im Sommer 2026 bekommt diese Gelassenheit allerdings ein zweites Tempo. Wer abends Richtung Rheinaue zieht, merkt schnell: Bonn kann auch Bühne. Nicht als Großstadtpose, eher als sorgfältig eingerichteter Ausnahmezustand – einer, bei dem man nach dem Konzert noch nach Hause findet, ohne sich durch ein Labyrinth aus Überheblichkeit zu schlagen.

Kunstrasen: Wenn die Rheinaue zum Kalender wird

Der Kunstrasen ist kein Festival im klassischen Sinn, sondern eine Serie – und Serien ändern die Wahrnehmung einer Stadt. Plötzlich ist Bonn nicht nur „da“, sondern „dann“: ein Datum, ein Ticket, ein Treffen. Auf dem Gelände am Rheinufer, in Sichtweite moderner Bonner Silhouetten, funktioniert der Sommer wie ein fortlaufendes Kapitel: Man kommt wieder, oder man hört von denen, die wiederkommen.

Anfang Juli, wenn die Luft noch diese freundliche Vorsommer-Kühle hat, gehört die Eröffnung denjenigen, die das Rheinland in den Stimmbändern tragen: Brings. Der Abend wird dort auf der Website gleich als Beben angekündigt – kölsches Herzblut, Partyenergie, diese Art von kollektiver Einigung, dass Alltag überschätzt ist. Am Tag danach Montez, der sein 15-Jahre-Jubiläum feiert und damit einen der typischen Kunstrasen-Momente liefert: Pop als biografische Zwischenbilanz, in einem Setting, das nach Picknick aussieht und sich dann doch in Chor verwandelt. Und gleich darauf Marillion – Prog als Pilgerreise. Diese Abende sind die, an denen man sieht, wie aus Musik Publikum wird: Menschen, die nicht „zufällig da“ sind, sondern genau deshalb.

In der ersten Juliwoche dreht Bonn die Weltkarte kurz zur Playlist: Jovanotti kommt, mit Jack Savoretti als Gast, und plötzlich wirkt die Rheinaue wie eine italienische Sommerfantasie, nur ohne Meer, dafür mit Rhein und diesem besonderen Bonner Licht. Am 8. Juli dann Nile Rodgers & Chic – Disco als Gemeinschaftsübung, flankiert von Gästen (Mother’s Finest, Kid Creole & The Coconuts), ein Abend, der so souverän ist, dass er sich nicht entscheiden muss zwischen Nostalgie und Gegenwart.
Madness folgen – britische Ska-Legenden, „Our House“ im Kopf, gute Laune als Rhythmusdisziplin.

Und dann, als wolle Bonn demonstrieren, dass Hochkultur hier nicht geschniegelt sein muss, kommt das Klassik!Picknick: Decke, Sonne, Beethoven Orchester Bonn – kostenfrei, ausdrücklich für Familien, Freunde, Neugierige. Klassik als Stadtpark-Angebot, nicht als Eintrittsbarriere. ZAZ bringt danach den Chanson-Ton in den Juli, Wincent Weiss den großen, nahen Popmoment. Und im August wird es – typisch Kunstrasen – stilistisch großzügig: Roxette als Comeback-Erzählung (mit neuer Sängerin), Roy Bianco als ironisch-elegante Italo-Verbeugung, Savatage als Metal-Abend für die, die ihre Gefühle lieber in Gitarrenwänden verstecken, OMD als Synth-Zeitreise, Roland Kaiser als kollektive Souveränität, Moby als melancholische Nachtfahrt, Amy Macdonald, Agnes Obel, The BossHoss – bis hin zu Nick Cave & The Bad Seeds, wenn der Sommer schon ein wenig dunkler denken darf.

Was das für die Stadt bedeutet, lässt sich erstaunlich nüchtern beschreiben: Aus einzelnen Konzertabenden wird Reiseanlass. Aus Reiseanlass wird Aufenthalt. Und aus Aufenthalt wird jene Ökonomie, die man in Hotelbetten zählt – aber eigentlich in Zeit. Bonn wird zur Station, nicht zum Zwischenhalt.

Das GSI-Hotel: Ein Haus, das Ruhe kann – und Haltung

In solchen Sommern zeigt sich, welche Hotels mehr sind als Logistik. Das Hotel Gustav-Stresemann-Institut ist eines dieser Bonner Häuser, die eine eigene Tonlage besitzen: kein Showhotel, eher ein Ort, an dem man morgens klar denken und abends gut landen kann.

Das Institut beschreibt sein Haus als 3-Sterne-Superior-Hotel und koppelt den Komfort an eine Mission: Mit jeder Übernachtung unterstütze man die Arbeit für Demokratie, Frieden und internationale Verständigung. Das ist nicht bloß ein hübscher Satz fürs Prospekt, sondern ein spürbarer Unterschied im Gefühl: Man wohnt nicht nur in Bonn, man wohnt in einem Bonner Gedankenraum.

Dazu passt die Anlage: Garten, Terrasse, Freizeit- und Fitnessbereich – also genau jene Mischung aus Rückzug und Beweglichkeit, die man nach einem langen Konferenztag oder einer lauten Kunstrasen-Nacht schätzt. Im Haus gibt es Restaurant und Bar; wer bleiben will, bleibt, wer arbeiten muss, kann arbeiten. Und die Zimmer sind so ausgestattet, wie man es in einer Stadt erwartet, die seit Jahrzehnten an der Schnittstelle von Politik, Wissenschaft und internationaler Zusammenarbeit lebt: Schreibtisch, Safe, das Praktische ohne Pose. (Auch das Buffetfrühstück gehört zu den Dingen, die man erst vermisst, wenn es fehlt.)

Die Lage – Bonn-Bad Godesberg, nah genug an der Rheinaue, um abends schnell wieder „draußen“ zu sein – macht das Haus zu einer Art Basislager: für Museumsbesuche genauso wie für Konzerttage, für Konferenzgäste ebenso wie für Wochenendreisende, die Bonn nicht als Abhak-Stadt, sondern als Aufenthaltsort behandeln.

100 Jahre Friedensnobelpreis: Bonn denkt den Sommer weiter

2026 ist in Bonn nicht nur Konzertjahr, sondern Erinnerungsjahr – und zwar eines, das erstaunlich aktuell wirkt. Der Friedensnobelpreis 1926 ging gemeinsam an den deutschen Außenminister Gustav Stresemann und den französischen Amtskollegen Aristide Briand, ausgezeichnet für ihre Rolle im Zusammenhang mit dem Locarno-Vertrag und dem Versuch, europäische Sicherheit auf Verständigung zu bauen.

Hundert Jahre später ist das nicht einfach Historie, sondern ein politischer Prüfstein: Was heißt Versöhnung, wenn die Gegenwart wieder unruhig ist? Wie viel Mut steckt in Verträgen, die nach dem Krieg nicht Rache, sondern Regeln wollen? Bonn, diese Stadt der leisen Mächte, hat für solche Fragen einen Heimvorteil: Man ist hier geübt darin, internationale Themen ohne Spektakel zu verhandeln.

Dass das Jubiläum nicht im Feuilleton stecken bleibt, zeigt ein sehr konkretes Zeichen aus Berlin: Die Bundesregierung hat beschlossen, eine 35-Euro-Sammlermünze „Friedensnobelpreis für Gustav Stresemann und Aristide Briand“ prägen zu lassen; die Ausgabe soll voraussichtlich im Oktober 2026 erfolgen. Auf dem Münzrand steht zweisprachig, was in Bonn fast wie eine Stadtdevise klingt: „FRIEDEN IN EUROPA – PAIX EN EUROPE –“.

Und mitten in Bonn liegt der Ort, an dem man aus diesem Jubiläum mehr machen kann als einen Jahrestag: das Gustav-Stresemann-Institut selbst. Das GSI kündigt das Jubiläumsjahr „100 Jahre Friedensnobelpreis“ ausdrücklich an und verbindet es mit Bildungs- und Dialogformaten. Wer im GSI-Hotel übernachtet, wohnt damit nicht nur in der Nähe der Stadt, sondern in der Nähe eines Programms: Seminare, Workshops, Konferenzen – Bonn als Denkraum, nicht nur als Kulisse.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieses Bonner Jahres: Tagsüber kann man am Rhein entlanggehen, abends bei Musik erleben, wie schnell Fremde zu einer Menge werden – und am nächsten Morgen in einem Haus frühstücken, das daran erinnert, dass Verständigung ebenfalls ein Handwerk ist. Bonn macht daraus keinen Lärm. Es macht daraus einen Aufenthalt.

Popper statt Panik, Tocotronic statt Techno-Pathos: KI als sokratische Maschine für den Mittelstand – Ausblick auf die Zukunftswerkstatt in Stuttgart am 5. Februar 2026

Es ist ein unscheinbarer Satz, aber er verrät, wie sich Öffentlichkeit gerade neu sortiert: „Wir sind Partner dieser Zukunftswerkstatt“, sagt Dirk von Gehlen, Leiter des SZ-Instituts, im Smarter Service Talk. Und er zählt gleich drei Gründe auf, warum er nach Stuttgart fährt – zur ersten Zukunftswerkstatt der KOMI Group am 5. Februar im Wizemann. Schöne Location, neue Partnerschaften zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft – und dann dieser „Spoiler“, der in Zeiten digitaler Dauervernetzung fast kontraintuitiv klingt: „…dass man beim Kaffee auf jemanden trifft und sich vernetzt, an Bedeutung gewinnt.“Das ist mehr als Veranstaltungsromantik. Es ist eine Diagnose: In einer Ökonomie, die Datenströme perfektioniert hat, wird das Unplanbare knapp – und damit wertvoll. Serendipity als Standortfaktor. Wer Innovation auf Folien reduziert, verwechselt Kommunikation mit Erkenntnis. Von Gehlen setzt dagegen eine alte Unterscheidung, die plötzlich modern wirkt: Es braucht „einen Raum … einen geschützten Raum“, in dem Gedanken entstehen dürfen – und dann „eine Bühne, um das wieder in eine neue Diskussion zu überführen“.Die Zukunftswerkstatt übersetzt diese Idee in ein Programm: Zukunftsforum und Lösungswerkstatt, Utopie und Anwendung, Debatte und Live-Hacking. Von Gehlen nennt das zwei „Temperaturen“ – und trifft damit einen Kern wirtschaftlicher Transformation: Ohne Praxis bleibt Vision Marketing; ohne Vision wird Praxis Betriebsblindheit. Und genau deshalb, so seine Beobachtung, hängt an KI und Digitalisierung bei vielen „Sorge“, „Verpflichtung“ und „schlechtes Gewissen“ – die Zweiteilung helfe, „dass es nichts ist, was ein Muss ist, sondern … ein Gestaltungsraum“.

Hidden Champions: 90 Prozent – und die fehlenden zehn

Wer über KI in Deutschland spricht, landet schnell bei einem nationalen Reflex: Wir seien zu spät, zu langsam, zu vorsichtig. Dagegen hilft kein Pathos, sondern Material. Und das hast du als Moderator geliefert: Die Studie „Zukunftsmacher“, die am 5. Februar in Stuttgart vorgestellt werden soll, beruht auf Interviews mit „55 Hidden Champions – von KUKA bis zum FC Köln“. Dein Punkt war entlastend und zugleich fordernd: Es geht nicht darum, das USA-China-Vergleichstheater auf der Metaebene zu gewinnen, sondern darum, Anwendungen zu finden, bei denen Experimentieren Schritt für Schritt Sinn ergibt.Von Gehlen greift das auf – und lenkt den Blick auf ein Selbstwahrnehmungsproblem: Man ist in vielem schon gut, bekommt aber nicht die Aufmerksamkeit, die daraus eine Erzählung macht. Stattdessen, so sein Befund, erzählen wir uns zu gern „was alles nicht funktioniert“ und übersehen, „dass es ganz viel gibt, was funktioniert“. Und dann fällt dieser Satz, der wie ein Bonbon klingt und wie eine volkswirtschaftliche Regel funktioniert: „as soon as it works, no one calls it AI anymore.“ Die Pointe ist bitter: Sobald Technik Alltag wird, verschwindet sie aus der Sprache – und damit aus dem Selbstbild. Ergebnis: „Dann ist man bei 90 und wir reden aber nur über die fehlenden 10.“Das ist die Hidden-Champion-Logik in einem Satz: Weltmarktführerschaft ist oft nicht laut, sondern eingebaut. Sie ist die Kunst, Intelligenz so in Produkte und Prozesse zu versenken, dass sie niemand mehr für „KI“ hält. Und es ist zugleich ein Warnhinweis an Politik und Medien: Wer nur über Hype und Bedrohung redet, verfehlt die produktive Mitte – den pragmatischen Fortschritt.

Nicht Orakel, sondern Werkzeug: die sokratische Maschine

An diesem Punkt dockt das Buch an, das im Gespräch mehrfach aufscheint: „Wie KI dein Leben besser macht“ (Kösel, 2025), verfasst von Franz Himpsl und Dirk von Gehlen. Leitidee: KI nicht als übermächtige Kraft, sondern als gestaltbares Werkzeug. Von Gehlen formuliert das im Talk so: „KI nicht als Bedrohung … sondern als etwas, was wir lernen können, zu gestalten.“ Und er setzt den Kontrapunkt zur internationalen Erregungsökonomie gleich hinterher: „Da sind wir nicht OpenAI auf Hype-PR-Tour, sondern … man macht lieber etwas.“Himpsl liefert dafür das passende Bild: die „sokratische Maschine“ – ein Trainingsgerät für intellektuelle Redlichkeit. Nicht weil die Maschine Recht hätte, sondern weil sie widersprechen kann, ohne gekränkt zu sein. Von Gehlen übersetzt das in eine Übung, die in Unternehmen mehr verändern könnte als der nächste Strategie-Workshop: „Sagen wir doch mal die Argumente der Gegenseite. Das ist ja die Voraussetzung, um auf neue Ideen zu kommen.“ Wer das ernst nimmt, erkennt: Der Engpass moderner Organisationen ist selten Rechenleistung – es ist die Qualität der Entscheidungen unter Unsicherheit. Bessere Einwände, bessere Entscheidungen. Die sokratische Maschine wäre dann keine Abkürzung am Denken vorbei, sondern eine Abkürzung ins Denken hinein.

Popper als Betriebsanleitung: nicht Bestätigung, sondern Widerlegung

Von hier ist es nur ein Schritt zu Karl Popper – und im Talk wird er ausdrücklich gegangen. „Das Credo ist ja einfach nicht nach Bestätigungen zu suchen, sondern nach Widerlegungen“, sagt von Gehlen, „das ist doch die Essenz von Wissen.“ Und dann, fast lehrbuchhaft: „Wahrheiten … temporär anerkennen. Sie gelten nur so lange, bis das Gegenteil bewiesen ist. Das ist die Idee von Karl Poppers kritischem Rationalismus. Ich bin da großer Fan.“Übersetzt in Wirtschaftssprache ist das keine Philosophievorlesung, sondern Organisationsdesign: Hypothesen bauen, Gegenhypothesen zulassen, Fehler früh finden. Wer dagegen nur Bestätigung sucht, betreibt – freundlich gesagt – Unternehmensfolklore. Und hier berührt sich die KI-Debatte mit der Debatte über Öffentlichkeit. Von Gehlen warnt vor „algorithmischen Öffentlichkeiten“ und sagt einen Satz, der in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie wie eine Grundbedingung klingt: „Meinungsfreiheit funktioniert nur, wenn wir auch Informationsfreiheit haben.“ Die Zukunftswerkstatt wird damit mehr als ein Ort für Tools: ein Ort für Korrektive – für Einwände, Perspektivwechsel, gemeinsame Lernkurven.

Tocotronic und das Recht, sich zu widersprechen

Und dann – als Gegenmittel gegen die technokratische Verengung – Tocotronic. Auf die Frage, wie viel Tocotronic es in Stuttgart geben werde, antwortet von Gehlen: „Ich bin großer Fan“ – und nennt ein Lied, das seine KI-Erfahrung spiegele: „Die Geschichte, wie ich mir selbst entkam.“ Kurz darauf fällt noch ein Titel wie ein Parolensatz für Gegenwart und Wirtschaft zugleich: „Das Unglück muss zurückgeschlagen werden.“Popkultur ist hier nicht Dekoration, sondern Erinnerung: Transformation ist nicht nur Technik, sondern Identitätsarbeit. Und diese Identitätsarbeit braucht – wieder Popper – das Recht, falsch gelegen zu haben. Von Gehlen formuliert es politisch und zugleich zutiefst ökonomisch: „Das wirkliche Privileg ist, du darfst deine Meinung auch ändern.“ In freien Gesellschaften ist Kurskorrektur kein Makel, sondern Methode.Vielleicht ist das die eigentliche Pointe des Smarter Service Talks: KI wird nicht dadurch „smarter“, dass sie uns ersetzt, sondern dadurch, dass sie uns widerspruchsfähiger macht – im Denken, im Entscheiden, im öffentlichen Gespräch. Raum und Bühne. Hidden Champions und sichtbare Lernkultur. Sokratische Maschine und kritischer Rationalismus. Und irgendwo zwischen Vizemann und Wirklichkeit die Hoffnung, dass man 2026 nicht mehr nur über die fehlenden zehn Prozent redet – sondern endlich versteht, was die neunzig bereits können.

Links / Infos:

– Zukunftswerkstatt: https://komi-zukunftswerkstatt.de/

– Studie „Zukunftsmacher“: https://www.smarter-service.com/studien/zukunftsmacher/

– Buch (Kösel, 2025): https://www.dirkvongehlen.de/wie-ki-dein-leben-besser-macht-50-denkanstoesse-fuer-einen-entspannteren-alltag/

– SZ-Institut: https://institut.sz.de/

– Dirk von Gehlen: https://www.dirkvongehlen.de/

LinkedIn: https://www.linkedin.com/events/7420059418194493441/?viewAsMember=true

Smarter Service Talk: Dirk von Gehlen über Zukunftswerkstatt, Hidden Champions und „KI als Werkzeug“: Man hört, sieht und streamt sich am Freitag (23. Januar 2026, 12 Uhr) im Multstream auf YouTube, LinkedIn, X und Co.

Am Freitag (23. Januar 2026, 12 Uhr) sendet der Smarter Service Talk das Video-Interview mit Dirk von Gehlen (Leiter des SZ-Instituts). Im Gespräch geht es um das Konzept der Zukunftswerkstatt Stuttgart (5. Februar, Wizemann) – und um die Frage, warum Zweifel und Widerspruch plötzlich wieder als Standortvorteil gelten können.

Von Gehlen erklärt, warum reale Begegnungen in der Innovationsökonomie an Bedeutung gewinnen („beim Kaffee trifft man sich“) und warum Formate wie die Zukunftswerkstatt „Raum und Bühne“ brauchen: geschützter Austausch plus öffentliche Debatte. Außerdem sprechen wir über die Wahrnehmungsfalle der KI-Debatte – und darüber, dass erfolgreiche Technologie oft unsichtbar wird: „As soon as it works, no one calls it AI anymore.“

Zu den Schwerpunkten des Talks zählt auch die Studie „Zukunftsmacher“, die am 5. Februar in Stuttgart vorgestellt wird. In Interviews mit 55 Hidden Champions (von KUKA bis zum FC Köln) zeigt sich, wie stark KI-Anwendungen in der Praxis funktionieren – schrittweise, experimentell, pragmatisch, statt als Hype-Erzählung.

Dazu kommen Exkurse zu Karl Popper und dem Kritischen Rationalismus (Wissen wächst durch Widerlegung, nicht Bestätigung) – sowie zur Idee der „sokratischen Maschine“ aus dem Buch „Wie KI dein Leben besser macht“ (Kösel, 2025) von Franz Himpsl und Dirk von Gehlen: KI als Trainingspartner für Argumentationskraft und Perspektivwechsel. Und ja: Tocotronic spielt auch eine Rolle – als Erinnerung daran, dass Transformation nicht nur Technik ist, sondern auch Kultur.

Zur Veranstaltung am 5. Februar. https://komi-zukunftswerkstatt.de/

Zum Smarter-Service-Talk: https://www.linkedin.com/events/kientdramatisieren-mittelstands7420059418194493441/theater/

Doppelplusfrieden für alle: Der Trump-Friedensrat als Treueprogramm

Donald Trump hat eine neue Idee für den Weltfrieden. Und wie bei allen großen Ideen gilt: Je weniger man weiß, was genau gemeint ist, desto genialer klingt es.

Der Plan heißt „Friedensrat“. Das ist praktisch, weil man damit alles lösen kann – vor allem die lästige Frage, was man eigentlich lösen will. Frieden ist schließlich wie eine Decke: Man kann alles drunter schieben, solange man laut genug „Frieden!“ ruft.

Das Einladungsschreiben: „Sehr geehrter Außenminister, ich möchte bitte Frieden“

Im postsowjetischen Raum, wo man seit Jahrzehnten Erfahrung damit hat, Dinge zu unterschreiben, die am Ende „alternativlos“ heißen, ist die Begeisterung besonders groß.

Da unterschreibt in Minsk ein Herrscher ein Schreiben an Marco Rubio, um dem „Friedensrat“ beizutreten. Ein Foto davon wird verbreitet, weil Fotos bekanntlich die Wahrheit sind – und weil Frieden erst dann Frieden ist, wenn er als Dokument existiert. Das ist moderne Diplomatie: Früher schickte man Botschafter, heute schickt man PDFs.

Der Trick mit der Negations-Eliminierung: Nicht „Autokratenclub“, sondern „Friedensrat“

Orwell hätte genickt und sich einen Tee gemacht.

Denn „Friedensrat“ ist Neusprech in Reinform: Er ersetzt das Wort, das man nicht sagen will, durch eins, das niemand kritisieren kann.

„Unterdrückung“ wird zu „Ordnung“

„Sanktionen“ werden zu „Missverständnissen“

„politische Gefangene“ zu „temporär stillgelegten Bürgern“

„Autokrat“ zu „stabilitätsorientierter Vollzeit-Demokrat“

Und jetzt kommt der Zauber: Wer gegen den Friedensrat ist, ist gegen Frieden. So einfach ist das.

Wortkombinationen, die alles erklären: „Frieden ist Frieden ist Frieden“

Neusprech liebt Slogans, die das Denken ersetzen, weil Denken so viele Nebenwirkungen hat: Zweifel, Fragen, Wahlen.

Trump liefert die perfekte Formel: „Friedensrat“.

Das ist wie „Krieg ist Frieden“, nur als Produktname. Der Rat kann alles sein:

Gaza lösen? Friedensrat. Sanktionen lockern? Friedensrat. Autokraten aufwerten? Friedensrat. Ein Foto mit Unterschrift? Friedensrat.

Frieden ist nicht mehr ein Zustand, sondern ein Etikett. Und Etiketten haben den Vorteil: Man muss den Inhalt nicht prüfen, solange die Verpackung glänzt.

Der Belarus-Deal: Gefangene raus, Gefangene rein – aber bitte mit Friedensschleife

Minsk lässt politische Gefangene frei. Gleichzeitig werden neue eingesperrt. Das wirkt widersprüchlich – aber nur im Altsprache-Modus.

Im Neusprech ist das völlig logisch:

Freilassung heißt „Geste“

Neue Verhaftungen heißen „Ausgleich“

Und das Ganze heißt „Wiederannäherung“

Wenn Washington dann wieder „Präsident“ sagt, ist das kein Fehler. Das ist ein sprachpolitischer Relaunch. Wie bei einem Softdrink: gleiche Rezeptur, neues Etikett, weniger Schuldgefühl im Abgang.

Die Friedens-Erweiterung: Kasachstan, Usbekistan, Armenien, Aserbaidschan – alle rein ins Boot

Das ist das Schönste am neuen Friedensrat: Er ist wie eine Party, auf die man genau die Leute einlädt, die bei früheren Partys schon mal die Stühle geworfen haben. Aber diesmal hängt ein Schild: „Bitte nicht streiten – wir sind hier wegen Frieden.“

Armenien und Aserbaidschan im selben „Friedensrat“: Das ist wie Paartherapie, nur dass beide Partner gleichzeitig die Therapeutin sein wollen und die Rechnung an die Weltgemeinschaft geht.

Doppelplusgut: Frieden als Premium-Mitgliedschaft

Im Neusprech werden Nuancen abgeschafft, also braucht man neue Steigerungen:

  • gut
  • plusgut
  • doppelplusgut
  • doppelplusfrieden

Und doppelplusfrieden ist natürlich nicht gratis. Gratis ist verdächtig. Gratis ist sozialistisch. Frieden kostet – mindestens rhetorisch.

Der Friedensrat ist deshalb weniger „UNO“ und mehr „Kundenkarte“. Wer beitritt, bekommt:

  • einen Stempel „Friedenspartner“
  • eine diplomatische Gesichtspflege
  • und das beruhigende Gefühl, dass „Menschenrechte“ jetzt eher so eine Art Deko-Begriff sind

Mini-Wörterbuch des Friedensrates: Neusprech to go

Autokrat → „Stabilitätsanbieter“
Opposition → „Unruhe“
Wahlfälschung → „kreative Auszählung“
Sanktionen → „unfreundliche Stimmung“
Gefängnis → „Resozialisierungsresort“
Propaganda → „Informationsharmonisierung“
Krieg → „Friedensvorspiel“
Frieden → „alles, was wir gerade tun“

Wenn du die Sprache kontrollierst, musst du die Realität nur noch verwalten

Der Friedensrat ist vor allem eins: ein Sprachprojekt.

Er verwandelt die Welt in ein Werbeprospekt, in dem selbst der härteste Machtapparat noch nach „Dialog“, „Stabilität“ und „Frieden“ riecht. Und während alle über Inhalte streiten, gewinnt Neusprech schon mal das Warm-up: Er setzt die Begriffe so, dass Kritik automatisch wie Gemeinheit klingt.

Am Ende könnte der Friedensrat tatsächlich Frieden bringen.

Nicht in der Welt.

Aber in den Schlagzeilen.

Und das ist im Neusprech… doppelplusgut. Und Ende des Jahres bekommt Trump einen weiteren Friedenspreis – parallel zur Verleihung des Friedensnobelpreises in Stockholm. Einfach so.

Davos als Echokammer – und als Warnsystem #WEF

Die WEF-Session „Decade Déjà Vu: Are the 2020s the New 1920s?“ ist keine nostalgische Zeitreise, sondern ein Live-Test dafür, ob die Eliten der Gegenwart noch zwischen Analogie und Automatismus unterscheiden können. Andrew Ross Sorkin eröffnet mit dem richtigen Disclaimer: Parallelen sind keine Vorsehung. Dann lässt er eine Runde antreten, die das Jahrzehnt gleich an drei neuralgischen Stellen aufschneidet: Technologiesprung, Handelsfragmentierung, Staatsverschuldung.

Was an dieser Session überzeugt: Sie benutzt die 1920er nicht als Schreckbild, sondern als Diagnosegerät. Was irritiert: Aus dem Gerät piepst es an mehreren Stellen sehr laut – und dennoch bleibt die Konsequenz oft im Modus „minimal cooperation“. Genau darin liegt der Nachrichtenwert: Davos spricht über „Economic Security“ nicht mehr als Randthema, sondern als neue Grammatik von Wohlstand – und die Session zeigt, wie schwer es fällt, diese Grammatik rechtsstaatlich, sozial und energiepolitisch „lesbar“ zu halten.

Der historische Reim: Technik + Finanzdominanz + Politikversagen

Adam Tooze setzt früh die Leitplanke: Geschichte wiederholt sich nicht, sie reimt sich. Der Reim, den er anbietet, ist weniger „Börsenblase“ als Unipolaritäts-Hubris: In den 1920ern glaubte man, eine fragile Nachkriegsordnung mit Technologie und Finanzarchitektur stabilisieren zu können – ohne die politische Unterfütterung zu liefern. Das Dollar-zentrierte System sah eine Zeit lang stabil aus, bis es politisch nicht mehr getragen wurde.

Wer in Davos 2026 die Flure entlanggeht, hört einen ähnlichen Basston: Das Regelwerk der „alten“ Globalisierung wird nicht mehr als selbstverständlich angenommen. Mark Carney hat das in einer vielbeachteten Davos-Rede als „Ruptur“ der Weltordnung beschrieben – das Ende einer „pleasant fiction“, in der Regeln galten, weil alle so taten, als würden sie gelten.

Lagardes Kernbefund: Die neue Technik braucht Größe – und zerbricht an Fragmentierung

Christine Lagarde bringt den präzisesten Mechanismus auf die Bühne: Damals Elektrifizierung, Verbrenner, Fließband; heute KI und Digitalisierung. Parallel dazu eine Abkühlung der Handelsintegration und eine Zunahme von Restriktionen. Ihre Pointe ist aber die Differenz: Die Durchbrüche der 1920er konnten innerhalb nationaler Grenzen diffundieren; KI hingegen braucht Skaleneffekte, Datenzugang und standardisierte Regeln. Fragmentierung trifft KI nicht nur politisch, sondern technisch.

Lagarde hatte diese Linie bereits 2024 in einer Grundsatzrede ausgearbeitet („Setbacks and strides forward… in the twenties“). Dass sie diese These in Davos wieder aufnimmt, ist nicht Wiederholung, sondern Eskalation: In einer Welt, in der Datenschutzregime, Exportkontrollen, Lizenzmodelle und Standards auseinanderlaufen, wird „AI productivity“ zur geopolitischen Variable.

Fink und Griffin: Optimismus mit zwei Fußnoten – Skalierung und Staatsschulden

Larry Fink kontert Lagardes Fragmentierungswarnung mit einem Wettbewerbsargument: Wenn „der Westen“ nicht kooperiert und skaliert, gewinnt China – weil es Größe und andere Datenregeln hat. Das ist die Davos-Logik in Reinform: Kooperation als Wettbewerbsbedingung.

Ken Griffin verschiebt das Risiko-Fadenkreuz: Nicht private Spekulation sei das zentrale „Reckless“-Moment, sondern staatliche Ausgaben jenseits der Mittel – und die Hoffnung, KI werde der Produktivitäts-Messias, der die Defizite wegwachsen lässt. Dieser Satz ist wichtig, weil er das Jahrzehnt in ein Dilemma zwingt:

  • Wenn KI Produktivität liefert, wird Verschuldung politisch leichter zu tragen.
  • Wenn nicht, wird Verschuldung zum Zünder für Verteilungskonflikte – und für die Delegitimierung des liberalen Modells.

Hier liegt die heimliche Achse der gesamten Session: Wächst die Wirtschaft schnell genug, um die politischen Versprechen zu finanzieren? Oder kippt die Demokratie in Austeritäts- und Schuldzuweisungsregime? Beides ist möglich. Auch in Deutschland.

Der unerwartete Star: Zentralbankunabhängigkeit als 1920er-Erfindung – und als 2020er-Kampffeld

Der stärkste Moment der Diskussion entsteht, als Lagarde die Rolle der Zentralbanken in Krisen verteidigt – Kooperation mit der Fiskalpolitik ja, fiskalische Abhängigkeit nein. Tooze ergänzt historisch: Die Idee der Zentralbank-Unabhängigkeit sei selbst ein Produkt der 1920er, geboren aus der Notwendigkeit, Geldpolitik in der Massendemokratie „narrensicher“ zu machen.

In Davos 2026 steht genau diese Frage wieder im Raum: Wie viel Stabilisierung darf eine Zentralbank leisten, ohne zur politischen Ersatzregierung zu werden? Und wann wird die Zentralbank als „einzige Instanz“ missbraucht, weil Parlamente Strukturreformen meiden? Lagarde formuliert das als Warnung vor einer Welt, in der „central bankers are the only game in town“ – ein Zustand, den sie ausdrücklich nicht normalisieren will.

Smoot-Hawley als Drohkulisse – und die eigentliche heutige Gefahr: Volatilität der Regeln

Sorkin bringt Smoot-Hawley (1930) als Symbol für den Moment, in dem Politik in der Krise das Falsche tat und die Reparatur Jahrzehnte dauerte. Tooze relativiert: Heute gebe es (noch) keine Goldstandard-Kettenreaktion, keine Quotenwelt wie in den frühen 1930ern; eher klassische Trade-War-Tarife. Der beruhigende Teil ist ernst gemeint – aber er trägt nur eine Seite des Risikos.

Die andere Seite benennt Tooze fast beiläufig: Das historisch „Idiotische“ an der Gegenwart sei die Unberechenbarkeit des Tarifsystems „von Woche zu Woche“. Und genau da sitzt die moderne Version des 1920er-Politikversagens: Nicht der Zollsatz an sich zerstört Vertrauen, sondern die Volatilität der Regeln.

Das ist der Punkt, an dem „Economic Security“ zur Rechtsstaatsfrage wird: Eine Wirtschaft kann vieles einpreisen – aber schwerlich den permanenten Wechsel des Regelwerks.

Die soziale Sprengladung: „K-economies“, Gewinner-Takes-All und das politische Echo der 1920er

Fink benennt etwas, das in Davos selten so klar ausgesprochen wird: KI verstärkt die Tendenz zu Hyper-Winnern und vielen Verlierern – innerhalb von Branchen, möglicherweise auch zwischen Ländern. „Scale operators“ gewinnen, weil sie Daten, Cashflow und Implementierungskraft besitzen. Das ist nicht nur ein Wettbewerbsthema. Es ist ein Legitimationsproblem.

Tooze macht daraus die politische Variante: Der „Ghost“ der 1920er sei nicht nur die Blase, sondern die Rückkehr brutaler Verteilungskämpfe – und der Reiz autoritärer Antworten. Das ist die Stelle, an der die Session kurz den Atem anhält: Denn wer „Economic Security“ sagt, meint oft Resilienz gegen äußere Schocks – aber die größte Unsicherheit könnte die innere sein: soziale Kohärenz.

Was in der Session fehlt – und warum genau das europäische „Leitplanken“-Thema ist

Die Runde streift den Kern europäischer Debatten, ohne ihn auszubuchstabieren: Wenn Sicherheit zur Leitkategorie wird, braucht es rechtliche Leitplanken, sonst wird „Security“ zur Ausrede für alles. Genau hier liegt die Brücke zur europäischen Diskussion um ökomische Sicherheitspolitik und zu den Fragen, die in Europa unter dem Label „öffentliche Sicherheit“ im Wirtschaftsrecht verhandelt werden: Was ist verhältnismäßig, was befristet, was überprüfbar? Wer entscheidet, wer kontrolliert, wann endet der Ausnahmezustand? (Diese Leitfragen werden in Europa parallel in juristischen und wirtschaftspolitischen Foren verhandelt.)

Davos liefert das Lagebild; Europa muss daraus eine Architektur machen: Resilienz ohne Willkür, Strategie ohne Generalvollmacht.

Drei Lesarten als Fazit: Die 2020er sind nicht die 1920er – aber sie haben einen ähnlichen Test

Lesart 1: Der Technik-Test
KI verspricht Produktivität – aber nur, wenn Daten, Energie und Standards nicht in Blöcke zerfallen. Lagardes „minimal cooperation“ ist deshalb keine Floskel, sondern eine technische Vorbedingung.

Lesart 2: Der Schulden-Test
Defizite werden politisch tragbar, wenn Wachstum trägt. Wenn nicht, wird Schuld zum Hebel für Populismus – und das macht „Economic Security“ innenpolitisch explosiv.

Lesart 3: Der Regel-Test
Die gefährlichste Parallele zu den späten 1920ern ist nicht die Bewertung am Aktienmarkt, sondern der Glaube, man könne eine fragile Ordnung mit Finanz- und Technikinstrumenten stabilisieren, ohne die Politik (und den Rechtsstaat) zu stärken. Carneys Davos-Diagnose einer erodierenden Ordnung passt als dunkler Rahmen um diese Session.

Die Session ist ein gutes Stück Davos-Realismus: viel Wissen, wenig Illusion. Und doch bleibt ein Rest Optimismus – nicht als Gefühl, sondern als Auftrag: Wenn „Economic Security“ die neue Leitwährung ist, muss sie in Europa rechtsstaatlich geprägt werden, bevor sie zur Münze wird, die jede Schranke durchschlägt.

Siehe auch: