
In der sonntäglichen Stille der Kreuzbergkirche entfaltete sich heute ein Konzertprogramm, das sich dem Motto des 25. Bonner Schumannfests – Herzenssache – nicht nur anschloss, sondern es in Klang verwandelte. Markus Schuck, Leiter des Festivals, und Roberto González begrüßten die Gäste in dem frisch restaurierten Kirchenraum, dessen barocke Fresken, die Heilige Stiege und das Gnadenbild der Schmerzhaften Mutter den sakralen Rahmen für einen außergewöhnlichen Musiknachmittag bildeten.
„Diese Kirche ist nicht nur eine persönliche Herzenssache von mir. Sie ist eine besondere Herzenssache auch von vielen Bonnern und weit darüber hinaus“, sagte Markus Schuck zur Eröffnung – und wies auf die besondere Atmosphäre dieses Ortes hin, der wie geschaffen sei für Musik.
Der junge Organist Julian Becker, Jahrgang 2005, trat an diesem Nachmittag nicht als Nachwuchstalent auf, sondern als reifer Klanggestalter. Becker, der bereits 2024 den Internationalen Bach-Wettbewerb in Leipzig gewann und 2025 mit dem Preis des Deutschen Musikwettbewerbs ausgezeichnet wurde, bewies: Technische Brillanz ist für ihn selbstverständlich – entscheidend ist der Ausdruck.
Sein Programm spannte den Bogen von Buxtehude bis zur freien Improvisation, von norddeutscher Orgelschule bis zu persönlichen Fantasien über Volkslieder. Schon mit der Eröffnung – Dieterich Buxtehudes Toccata d-Moll – demonstrierte Becker einen kraftvollen, aber atmenden Zugriff. Die Register der Klais-Orgel setzte er mit geschärftem Ohr für Farbe und Struktur ein.
In seiner kurzen Ansprache vor dem Improvisationsteil zeigte sich Becker nicht nur als Musiker, sondern auch als Kommunikator. Er erläuterte die Grundidee seines Programms – eine Verbindung aus eigenen Vorlieben und Publikumswünschen:
„Für mich ist natürlich Bach immer so ein Universum, das mich mein Leben lang begleitet. Ich wollte ein Programm mit Bach und Vor-Bach-Musik machen – mit Werken, die ihn beeinflusst haben.“
„Man glaubt es kaum, aber zu Bachs Zeiten war er viel mehr als Improvisator bekannt denn als Komponist. Das erscheint uns heute komisch – aber genau das hat mich zur Improvisation geführt.“
Im Zentrum stand dann ein Set improvisierter Variationen, basierend auf Liedern, die das Publikum eingereicht hatte: „Großer Gott, wir loben dich“, „Kein schöner Land“ und „Geh aus, mein Herz“. Becker verwandelte diese vertrauten Weisen in impressionistische Miniaturen, barocke Tänze und klassische Formspielereien – mit einem Gespür für Struktur, aber auch für poetische Freiheit.
Am Ende stand der persönliche Höhepunkt des Abends: Johann Sebastian Bachs monumentale Passacaglia und Fuge in c-Moll BWV 582.
„Das ist mein persönlicher Meilenstein, mein Sehnsuchtsstück“, so Becker. Und er spielte es wie ein Vermächtnis: architektonisch klar, ohne Übertreibung, mit langem Atem und innerer Dramaturgie. Die Fuge, die aus der Tiefe der Passacaglia emporwächst, wurde unter seinen Händen zu einem stillen Triumph, getragen von Ernst, aber nie beschwert.
Das Publikum in der voll besetzten Kirche dankte mit langem Applaus. Auch Jonas Adam, der Becker bei der Registrierung unterstützte, wurde mit einem warmen Dank erwähnt.
Markus Schuck hatte zu Beginn gesagt: „Diese Kirche strahlt mit der Musik noch heller.“ – An diesem Nachmittag ging das Strahlen nicht nur von den Fresken aus, sondern von jedem Klang, den Julian Becker dieser Orgel entlockte. Ein Konzert, das tief berührte – und das Versprechen einer großen musikalischen Zukunft erneuerte.