
Am Rande des SAP Learning and Adoption Forums 2025 in Walldorf haben sich Christoph Haffner und Winfried Felser in einer spontanen Gesprächssituation dem Thema gestellt, wie Ökosysteme und Künstliche Intelligenz (KI) zusammenhängen. Das Resultat war kein klassisches Interview, sondern – in Anlehnung an Moritz Klenks Konzept des sprechenden Denkens – ein performativer Prozess, in dem Gedanken live entstehen und sich gegenseitig verstärken. Genau dieser Modus macht das Gespräch zu einem wertvollen Dokument unserer Gegenwart: Es ist eine Momentaufnahme im Übergang, in der Theorie, Praxis und Intuition in Echtzeit ineinandergreifen.
Von der Technik zum Mindshift
Im Zentrum des Dialogs steht die Frage, wie vernetzte Ökosysteme mit Hilfe von KI-Agenten die Wirtschaft transformieren können. Dabei wird deutlich, dass es nicht allein um technologische Leistungssteigerung geht. Vielmehr geht es um einen Mindshift, also um die Fähigkeit, gewohnte Denk- und Handlungsmuster zu verlassen und neue Formen des Zusammenwirkens zu erproben.
Hier zeigt sich die Relevanz des Ashbyschen Gesetzes: Komplexe Probleme lassen sich nur durch gleich hohe oder höhere Komplexität lösen. Klassische Hierarchien oder lineare Steuerungsmodelle reichen nicht mehr aus. Stattdessen entstehen adaptive, agentenbasierte Systeme, die über die Flexibilität verfügen, sich an wechselnde Umwelten anzupassen.
Vom Kompetenznetz zum ko-kreativen Ökosystem
Felser verweist auf frühere Konzepte wie das Kompetenznetz Marine, das bereits den Versuch darstellte, Sicherheitspolitik als Netzwerk- statt als Hierarchielogik zu denken. In ähnlicher Weise lassen sich heutige Unternehmen verstehen: Ihre Zukunftsfähigkeit hängt nicht von der Optimierung interner Silos ab, sondern von der Fähigkeit, sich in Ökosysteme einzubetten, in denen Wertschöpfung ko-kreativ entsteht.
Hier knüpft das Gespräch an Theorien von Clayton Christensen an: Disruptive Innovation verlangt nicht Anpassung im Alten, sondern das bewusste „Verlernen“ und den Aufbau neuer Strukturen. Was für militärische Organisationen gilt, gilt auch für Konzerne: Wer an tradierten Erfolgslogiken festhält, verliert gegen asymmetrische, flexiblere Akteure – seien es Start-ups, Plattformen oder KI-gestützte Netzwerke.
Ökosysteme zwischen Kooperation und Korruption
Felser mahnt allerdings zur Vorsicht: Ökosysteme sind keine per se positiven Gebilde. Vernetzung kann Kooperation fördern, aber auch Korruption begünstigen – Felser spricht von „Kapokratie“. Damit verweist er auf eine zentrale Herausforderung: Netzwerke müssen so gestaltet werden, dass sie produktive Emergenz erzeugen, nicht dysfunktionale Kartelle.
Damit rückt die ethische Dimension in den Vordergrund. Schon Adam Smith betonte in seiner Theory of Moral Sentiments, dass Märkte ohne moralische Grundlagen nicht funktionieren können. Ebenso gilt für digitale Ökosysteme: Sie benötigen normative Leitplanken, damit KI-Agenten nicht zum Instrument egoistischer oder destruktiver Interessen werden.
Disruption und Sicherheit – Clausewitz, Christensen, Felser
Besonders eindringlich wird der Podcast, wenn er geopolitische Analogien aufgreift. Von Clausewitz’ Hinweis auf die Unplanbarkeit des Krieges bis zu Christensens Konzept des Innovators Dilemma wird deutlich: Sicherheit – ob militärisch, ökonomisch oder organisatorisch – entsteht heute durch die Fähigkeit, Unvorhergesehenes zu integrieren, nicht durch starre Planung.
Die Beispiele reichen von der Ukraine („Operation Spiderweb“) bis zu israelischen Drohnen-Operationen: Netzwerke schlagen Masse, Agilität schlägt Rüstung. Übertragen auf Unternehmen bedeutet dies: Die größte Gefahr ist nicht der Wettbewerber von gestern, sondern der unerwartete Akteur von morgen.
Felser verknüpft diese großen Linien mit fast psychedelischen Bildern – etwa aus 2001: A Space Odyssey oder der Psychologie transpersonaler Zustände. So überzeichnet er, dass Transformation nur gelingt, wenn Menschen ihr Ego relativieren und sich auf ko-kreative Denkformen einlassen.
Parallel verweist er auf Modelle wie die Jenewein-Pyramide der Digital Adoption: Technologie wird zunächst nur genutzt, dann verstanden, schließlich geliebt (vielleicht) – und im Idealfall in kollektive Ko-Kreation überführt. Transformation bedeutet daher nicht nur, Systeme zu implementieren, sondern sie so zu verankern, dass Menschen Sinn und Selbstwirksamkeit darin finden.
Systeminnovation als Zukunftsaufgabe
Am Ende läuft das Gespräch auf eine klare Diagnose hinaus: Transformation ist alternativlos, würde Angela Merkel sagen. Sie entsteht nicht durch Visionen von außen, sondern durch lernende Prozesse im Inneren von Organisationen und Gesellschaften. Dabei gilt es, neue Formen der Humanisierung zu entwickeln: nicht die Obstschale des „New Work“, sondern echte Selbstbestimmung in vernetzten, technologiegestützten Lebens- und Arbeitswelten.
Der Podcast zeigt exemplarisch, wie man in Echtzeit „sprechendes Denken“ praktizieren kann – und wie darin ein Stück Zukunft sichtbar wird. Denn wenn alles Reden nicht mehr ausreicht, hilft nur eines: Disruption beginnt im Kopf oder auch nicht.