
Eine neue Studie des MIT schlägt Alarm: Studierende, die beim Schreiben von Aufsätzen auf Künstliche Intelligenz zurückgreifen, zeigen – oh Schreck! – deutlich weniger Gehirnaktivität in jenen Regionen, die für Kreativität und Aufmerksamkeit zuständig sein sollen. Und schlimmer noch: Sie können sich danach nicht einmal mehr an ein Zitat aus ihrem eigenen Text erinnern. Der Skandal ist perfekt: KI macht offenbar dumm. Das sagen die Hirnscanner, das sagen die Forscher, das sagen die Medien. Und wie immer, wenn’s um bunte Hirnbildchen geht, sagt niemand: Moment mal!
Denn was genau wurde da eigentlich gemessen? Und warum klingt das so, als hätte man mit ein paar blinkenden Punkten auf einem Bildschirm die menschliche Kreativität endgültig vermessen, analysiert – und für tot erklärt?
Der Mythos vom leuchtenden Gehirn
Beginnen wir mit dem beliebten Denkfehler: Viel Aktivität = viel Intelligenz. Oder etwas präziser im Neuro-Sprech: Wenn’s im präfrontalen Cortex blinkt, dann denkt der Mensch. Und wenn’s nicht blinkt? Dann hat er wohl abgeschaltet – oder sich der digitalen Verdummung ergeben.
Der im Mai verstorbene renommierte Hirnforscher Henning Scheich hatte dazu eine andere These: Große Aktivierung im Gehirn bedeutet vor allem eines – Unsicherheit. Profis, so Scheich, zeigen bei komplexen Aufgaben weniger Aktivität, weil sie effizienter arbeiten. Kleine, gezielte Aktivierungsschübe statt Disco im Denkorgan. Aber das stört die Fans der bildgebenden Allzweckwaffen wenig. Die funktionelle Magnetresonanztomographie wird zum moralischen Thermometer: Wer KI nutzt, hat weniger Neuronenblitz – und damit auch weniger Geist?
Der Neuro-Sprech als Welterklärung
Die MIT-Meldung reiht sich ein in eine wachsende Galerie neurodidaktischer Erweckungspredigten. Erinnern wir uns an den alten Kalauer aus der Apple-Forschung: Apple-Kunden haben ein anderes Gehirn. Sie entscheiden emotional, nicht rational – beweisen soll das eine MRT-Studie mit 25 Probanden. Neuro-Quark mit Angeberaroma.
Oder an den Sportwissenschaftler Prof. Ingo Froböse, der mit ernster Miene erklärt: „Das Gehirn ist für mich ein Muskel.“ Und weil man den trainieren kann wie einen Bizeps, ist auch schnell klar, was zu tun ist: Bewegung, Bewegung, Bewegung. Bloß keine Fragen nach den Grenzen der Metapher.
Wir erleben einen Empirismus light, eine neue Kleckskunde mit hohem Unterhaltungswert und geringer wissenschaftlicher Substanz. Alles wird zur Funktion, alles lässt sich abbilden – und was blinkt, muss wohl wahr sein. Neuro als Ersatzreligion.
Was wirklich nicht blinkt: die Didaktik
Vielleicht liegt das Problem gar nicht bei der KI, sondern bei dem, was mit oder ohne sie gelernt wird. Willkommen im Zeitalter der Bologna-Stoffbulimie. In der Hochschule geht es längst nicht mehr um Erkenntnis, sondern um Prüfungsformate. Die Seminare: PowerPoint-Folien. Die Leistungsnachweise: Multiple-Choice. Das Lernen: ein logistisch durchgeplanter Durchlauferhitzer.
Wenn ein Student nach dem Schreiben eines KI-unterstützten Essays kein Zitat wiedergeben kann, liegt das vielleicht nicht an der Technologie – sondern am völlig entkernten Lernkontext. Wer nichts mehr denkt, erinnert sich auch an nichts. Das wäre dann keine Hirnforschung, sondern eine Kritik an der Lehre. Aber das ist unbequem – und lässt sich nicht so schön bebildern.
Die Neuro-Allzweckwaffe und ihre ideologischen Fans
Neuro-Sexismus, Neuro-Marketing, Neuro-Pädagogik – alles schon da gewesen. Ein bisschen Präfrontal-Cortex hier, ein paar geschlechtsspezifische Klischees da. Männer denken systematisch, Frauen emotional, behauptete Simon Baron-Cohen. Cordelia Fine nannte das zu Recht Neuro-Sexismus. Und Felix Hasler hat in seiner Streitschrift „Neuromythologie“ gezeigt, wie pseudowissenschaftlich diese Diskurse oft sind – und wie begeistert sie von Journalisten übernommen werden.
Die Krönung bleibt der Fall des Studenten mit kaum vorhandenem Gehirn (95 % Schädelinhalt: Flüssigkeit, IQ: 126). Wenn dieses Beispiel eines zeigt, dann dies: Unsere Begriffe von Intelligenz und Gehirnleistung sind fragil. Und unsere Vorstellungen davon, was bildgebende Verfahren wirklich aussagen können, oft lächerlich überhöht.
Weniger Hirnaktivität – mehr Denken
Vielleicht ist es an der Zeit, sich von der Vorstellung zu lösen, dass Denken immer sichtbar sein muss. Dass Lernen immer etwas mit mehr Aktivierung zu tun hat. Oder dass das Gehirn ein Messgerät ist, das immer dann „richtig“ arbeitet, wenn es bunt blinkt wie ein Weihnachtsbaum im Kaufhaus.
Was wir brauchen, ist nicht mehr Neuro – sondern mehr kritisches Denken. Mehr Kontext. Mehr Differenzierung. Und vor allem: weniger Bereitschaft, jede neue Studie aus Cambridge oder Harvard wie ein Evangelium zu feiern. Die Wahrheit ist oft komplizierter – und sie zeigt sich nicht immer im Tomogramm.
Und was sagen die Neuronen dazu? Sie blinken – aber sehr diskret.
Siehe auch:
Niemand ist den Todsünden, auch der Faulheit so nah, wie der kreative und intelligente Mensch. Den Stress von geistiger Arbeit zu reduzieren, der da vermutlich gemessen wird ist nicht dumm. Dumm wäre nur wenn man dann nichts mit sich und seine Mitmenschen anzufangen weiß …
Pingback: Ist Bloggen 2025 noch sinnvoll? - Kulturmanagement Blog
„Nur nebenbei bemerkt: Ich glaube übrigens so wie Gunnar Sohn nicht, dass KI dumm macht.“ ????? In meinem Beitrag habe ich doch genau das Gegenteil untermauert.
Die MIT-Studie bringt diese Behauptung.
Ich schreibe: Die MIT-Meldung reiht sich ein in eine wachsende Galerie neurodidaktischer Erweckungspredigten. Erinnern wir uns an den alten Kalauer aus der Apple-Forschung: Apple-Kunden haben ein anderes Gehirn. Sie entscheiden emotional, nicht rational – beweisen soll das eine MRT-Studie mit 25 Probanden. Neuro-Quark mit Angeberaroma.
Pingback: Henning Scheich (1942–2025): Der leise Widerspruch gegen die neuronale Effekthascherei - Ein Nachruf - ichsagmal.com