
Ein Abend wie ein Spaziergang durch Bonn im Zwielicht: mal melancholisch, mal heiter, mal knallbunt wie die Lichterketten auf Pützchens Markt, mal so leise und bitter wie eine Hausarbeit über John Locke im Schürmannbau. Das Pantheon-Theater in Bonn-Beuel wurde zur Bühne für ein Buch, das sich nicht damit begnügt, Bonn zu beschreiben – sondern es heraufbeschwört: mit Stimmen, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart oszillieren, zwischen biografischer Erinnerung, poetischer Verdichtung und lakonischem Witz.
„Bonner Bogen – Literarisches von A wie Beethoven bis Z wie Westerwelle“, herausgegeben von Harald Gesterkamp und Monika Littau, ist literarischer Reiseführer durch die Bonner Topografie und ein überraschender Resonanzraum. Wer hier liest, hört mehr als nur Anekdoten – er hört das Knacken der Geschichte im Kies der Gegenwart.

Zwischen Melbbad und Ministerium: Anke Glasmacher kartiert das verschwundene Bonn
Anke Glasmacher hebt den Schleier über Bonn in den Jahren des Übergangs. In zwei eindrucksvollen Gedichten – „Bonn, Auerberg“ und „Bonn, Poppelsdorf“ – verwebt sie politische Geschichte, persönliche Erinnerung und poetische Genauigkeit zu einem Gewebe aus Nahaufnahme und Zeitdiagnose.
Ihr Auerberg-Text ist kein nostalgischer Rückblick, sondern ein poetischer Seismograph für die Jahre 1989 bis 1993. Glasmacher verknüpft das Zerbröseln der Bonner Republik mit biografischen Momentaufnahmen: Gorbatschow wird auf der Rathaustreppe herbeigesehnt, alte RAF-Gespenster rumoren auf der Friedrich-Ebert-Brücke, Petra Kelly stirbt in Tannenbusch. Es ist die Kartografie eines stillen Schocks: Ministerien, Melancholie, Computerkrieg und Kantinengeräusche – durchzogen von Sätzen, die klingen wie aus Tinte gezogene Zeitmarken. Dass sie „Althochdeutsch besteht, sonst nichts“, ist ein lakonischer Triumph.
In „Bonn, Poppelsdorf“ zählt Glasmacher dann Stufen. Achtzig. Immer die ungeraden. Das Gedicht ist eine Hommage an ein Viertel, das sie in poetischer Topografie vermisst – mit Bunkern, Brauereierbe und blind liegenden Bomben im Boden. Der Rhythmus des Gehens, das Zählen als Halt, Kindheit und Geschichte zugleich. Eine poetische Kartierung Bonns aus weiblicher Perspektive – gegen das Vergessen, gegen das Verstummen, gegen die Routine der Denkmalsetzung.

Karin Büchel: Die Unsichtbaren sichtbar machen
Karin Büchel schreibt über Frauen, die Bonn geprägt haben – und doch ohne Denkmal geblieben sind. Keine Statue für Clara Schumann, keine Würdigung für Adelheid von Vilich, keine Ehrung für Johanna Kinkel, Marie Kahle, Petra Kelly oder gar Aennchen Schumacher – dabei wären sie es, die auf die Sockel gehörten, nicht die üblichen Verdächtigen. Büchels Text ist eine Replik auf das kulturelle Vergessen, eine Einladung zur Relektüre weiblicher Biografien. Ihre Sprache ist präzise, dabei nie anklagend – eher wie eine Taschenlampe, die endlich auf das gerichtet wird, was lange im Dunkeln lag.

Iris Schürmann-Mock: Fünf Tage im September
Mit feinem Sinn für Übergänge erzählt Iris Schürmann-Mock von Pützchens Markt, von der Äbtissin Adelheid, von wundersamem Wasser – und von einer Bonner Volkskultur, die zugleich sakral und profan ist. Ihre Texte bewegen sich auf einer schmalen Linie zwischen Historie und Legende. Das Marktgetümmel wird zur Bühne für die Rückkehr des Wunderbaren. Es ist, als hätte man kurz das Gefühl, Bonn liege nicht am Rhein, sondern an einem magischen Strom, gespeist von Klosterquellen und Kinderlachen.

Monika Littau: Die Rheingräfin spricht
Monika Littau leiht Sibylle Mertens-Schaaffhausen, der legendären Bonner Salonière, das Wort. In der Ich-Perspektive erinnert sich die Rheingräfin an ihre Freundschaften mit Adele Schopenhauer und Annette von Droste-Hülshoff – als sei die Bonner Gesellschaft des 19. Jahrhunderts ein einziges Flaniergespräch. Es geht um Salons, Sinnlichkeit, Selbstbestimmung. Littau schreibt mit literarischer Feinheit, ganz in der Manier ihrer Figur: beobachtend, klug, mit ironischer Unterströmung. Und auf einmal wird klar: Die Geschichte Bonns ist auch eine Geschichte starker, denkender, liebender Frauen.

Georg Schnitzler: Poch, Poch, Poch – Die Rehabilitierung des Karl Eduard von Idenstein
Georg Schnitzler widmet sich mit seinem Text einem Bonner Komponisten, der alles andere als kanonisch, dafür umso komischer ist: Karl Eduard von Idenstein. Wer A sagt – A wie Adagio – muss auch B sagen – B wie Beethoven. Und wer B wie Beethoven sagt, der meint in Bonn meist nur einen. Dabei ist Idenstein mindestens ein Bonner Denkmal wert – nur dass ihm noch keins errichtet wurde. Schnitzler holt das nach: mit literarischem Pinsel, feinem Humor und einer nasalen Klangspur.
Idenstein, der sich über die Preußen lustig machte, öffnete Austern nicht mit dem Messer, sondern mit Spott und Spiegelfechterei: Poch, Poch, Poch – so klopfte er mit den Fingerknöcheln auf den Tisch und befahl der imaginierten Muschel ein preußisch-strenges „Aufmachen!“. Das saß. Die Pointe? Ein Fest. Und das Ganze eine kluge Groteske über Bonner Nebengleise der Musikgeschichte.
Und am Ende stand er selbst auf der Bühne – Georg Schnitzler – mit Nasenflöte. Ein Bonner Original bringt ein Bonner Original zum Klingen. Was für ein Auftritt.

Michael Zeller: Bonner Abschiede
Michael Zeller erinnert an zwei Momente des Einschnitts – Adenauers Tod 1967 und Willy Brandts Rücktritt 1974. Sein Text ist keine politische Analyse, sondern eine kontemplative Reflexion über Abschied und Wandel. Zeller schreibt mit einer ruhigen Stimme, die genau weiß, wie viel sie erzählen muss – und was besser ungesagt bleibt. Seine Bonn-Erinnerung ist ein Memento an das Vergehen, das in dieser Stadt immer auch mit einem Neubeginn verknüpft ist.

David Eisermann: Begegnung auf der Poppelsdorfer Allee
David Eisermann liefert mit „Willy Brandt kommt in die Poppelsdorfer Allee“ keine Fiktion, sondern Erinnerung – präzise wie ein Pressefoto, atmosphärisch wie ein Jugendtagebuch. Sein Text ist eine Bonner Bildungsreise: vom ersten Presseausweis für die Schülerzeitung über peinliche Vokabelfehler in französischen Patisserien bis zur Begegnung mit Andy Warhol. Kein erfundener Dialog, sondern eine tatsächlich erlebte Szene – so beiläufig erzählt wie ein Bonmot, aber mit der Wucht einer historischen Miniatur. Warhol, höflich und sanft, begrüßt den 18-jährigen David mit einem „Hi, David. I’m Andy.“ – und beginnt ein Gespräch, das sich zwischen Pop-Art, politischem Ernst und pubertärem Staunen bewegt.
Eisermann ist Chronist, aber nie trocken. Seine Sprache changiert zwischen Coolness und Sentimentalität. Er erzählt, wie Warhol Willy Brandt fotografiert, wie sie gemeinsam am Fenster der Galerie stehen – Warhol mit transparenter Brille, Brandt mit dem Gesicht eines Mannes, der viel erlebt hat. Diese Szene ist ein Coup: Pop trifft Politik, Amerika trifft Alt-Bundesrepublik, Polaroid trifft Staatsmann. Und mittendrin ein junger Bonner, der alles aufnimmt wie ein Schwamm. Kein Wunder, dass Eisermann später Rundfunkredakteur wurde. Wer so schreibt, hat früh gelernt, wie Zeitgeschichte klingt.
Diese Anthologie, dieser Abend im Pantheon: Sie zeigen eine Stadt, die vielstimmiger ist, als ihr Provinzimage vermuten lässt. Bonn, das ist kein Abstellgleis der Republik – sondern ein Erinnerungsraum voller Kontraste, voller Persönlichkeiten, voller Poesie. Wer Bonner Bogen liest, geht mit geschärftem Blick durch diese Stadt. Und hört vielleicht an der nächsten Straßenecke ein leises Poch, poch, poch – oder ein „Hi, David.“