
Es war einer dieser typischen Messetage in Frankfurt, wo das Getümmel nicht nur aus Menschen, sondern auch aus Ideen besteht, die wie Bälle durch die Hallen geworfen werden. Jeder will sie fangen, doch nur wenige wissen, was damit anzufangen ist. Ich – der ich sag mal Blogger Gunnar Sohn – hatte mir für diesen Tag vorgenommen, zwei scheinbar getrennte Fäden des Diskurses miteinander zu verweben. Der erste führte mich zu Vera Schneevoigt und ihrer messerscharfen Analyse der Führungsetagen, der zweite in den FAZ-Tower, wo Roland Schatz den neuen Freiheitsindex 2024 präsentierte. Zwei Figuren, zwei Themen, und doch ein roter Faden: die Frage nach Freiheit, nach dem Mut, sich in einer Welt zu behaupten, in der Status und altes Wissen oft mehr zählen als Neugier und Fortschritt.
Bei Haufe in Halle 3.1, wo Schneevoigt ihr Buch Wir können Zukunft präsentierte, war ich dabei, als sie mit Christoph Pause ins Gespräch kam. Das Setting war klinisch sauber, die Bücher hingen ordentlich an den Stellwänden. Schneevoigt stand fest und klar, ohne jede Inszenierung, als sie das Mikrofon ergriff. Aber sie hätte keines gebraucht – ihre Worte schnitten durch den Raum wie ein Skalpell.
Sie sprach von Führungskräften, die sich als allwissend inszenieren, dabei aber tief in ihrer eigenen Ignoranz vergraben sind. „Mir hängt die Frage, warum ich nicht studiert habe, zum Hals heraus,“ zitierte sie aus ihrem Buch. Man konnte fast das Knistern der Spannung spüren, als sie den Raum durch diese eine Aussage füllte. Es war keine Frage, es war eine Anklage – an ein System, das sich auf alte Meriten stützt, während die Zukunft vorbeizieht. Schneevoigt hielt nicht zurück: „Was bitte könnte ich denn heute mit Wissen anfangen, das ich vor 35 Jahren an einer Universität erworben habe?“ Ein Statement, das sowohl den Anwesenden als auch den Managern da draußen in den Chefetagen einen Spiegel vorhielt.
Schneevoigt beschreibt, wie in anderen Kulturen Manager offen zugeben, dass sie nicht alles wissen, während man in Deutschland eine groteske Inszenierung des Allwissens beobachtet. Ihre Kritik traf ins Schwarze: „In den Führungsetagen wird Lernen und Reisen als Erstes gestrichen.“ Warum? Weil es unbequem ist, sich mit der eigenen Unzulänglichkeit auseinanderzusetzen. Sie beschreibt Führungskräfte, die nicht Menschen mögen – ein Grundsatz, den sie zur Grundlage echter Führung macht.
Doch damit nicht genug. Schneevoigt prangerte die Rückkehr eines heroischen Managements an, das sich lauthals als „Macher“ inszeniert, während hinter den Kulissen nur heiße Luft wabert. Es war fast, als würde sie ein Denkmal dieser Führungskultur niederreißen und die Trümmer auf den Tisch legen, damit jeder die Absurdität dieses Systems erkennen kann.

Während ich noch über ihre Worte nachdachte, machte ich mich auf zum FAZ-Tower. Der Spaziergang zog sich hin, 20 Minuten durch das herbstliche Frankfurt, genug Zeit, um den Zusammenhang zwischen Schneevoigts Kritik und dem Freiheitsindex herzustellen, der dort präsentiert werden sollte.
Im Tower angekommen, traf ich auf Roland Schatz, den Kopf hinter dem Media Tenor. Er stellte den Freiheitsindex 2024 vor, und während er sprach, spürte ich, dass hier ein weiteres Puzzlestück im Spiel war. „52 % der Deutschen fühlen sich wieder freier, ihre Meinung zu äußern,“ verkündete er, und doch war die Erleichterung nur von kurzer Dauer. 42 % der Befragten gaben immer noch an, dass sie sich lieber vorsichtig verhielten. Wie konnte es sein, dass in einem Land, das Meinungsfreiheit im Grundgesetz verankert hat, so viele Menschen Angst vor ihren eigenen Worten haben?
Schatz erklärte den Anstieg des Freiheitsindexes als Trendwende – ein kleiner Hoffnungsschimmer nach den besorgniserregenden Ergebnissen des Vorjahres. Doch er wusste auch, dass dies nur die halbe Wahrheit war. Die Medien spielen eine zentrale Rolle in dieser Entwicklung. Sie lenken den Diskurs, indem sie entscheiden, was gesehen und gehört wird. Und genau hier schloss sich der Kreis zu Schneevoigts Kritik. Die Manager, die sie beschrieb, die sich auf alte Meriten verlassen und sich weigern, neue Wege zu gehen, sind dieselben, die auch den medialen Diskurs dominieren. Die, die glauben, alles zu wissen, sind oft jene, die das Gespräch über Freiheit und Innovation blockieren.
Schatz zeigte auf, wie die Berichterstattung über extreme politische Positionen die öffentliche Wahrnehmung beeinflusst – vor allem, wenn über Wahlerfolge und nicht über Inhalte gesprochen wird. Es war die alte Geschichte: Wenn man nur über die Ergebnisse redet und nicht über das, was dahinter steht, entsteht ein Zerrbild. Genau das, worauf Schneevoigt hinwies: eine Führungskultur, die vorgibt, alles zu wissen, aber letztlich auf nichts vorbereitet ist.
Beide Diskussionen, die über Manager und über Freiheit, verwebten sich zu einem einzigen großen Thema: dem Mut zur Wahrheit. Es war Schneevoigt, die es auf den Punkt brachte: „Wenn Führungskräfte sich nicht weiterbilden und lernen, werden sie irgendwann abgehängt.“ Und Schatz zeigte, wie das mediale Echo diesen Trend verstärkt: Eine Kultur, die vorgibt, alles zu wissen, ohne sich mit den realen Herausforderungen auseinanderzusetzen, verurteilt sich selbst zum Stillstand.
Am Ende dieser Reise durch Frankfurt – durch Buchmesse und FAZ-Tower – blieb eine Erkenntnis: Es ist nicht die Lautstärke der Worte, die zählt, sondern die Substanz dahinter. Und sowohl Schneevoigt als auch Schatz fordern uns auf, genau hinzusehen. Ob in der Führung oder im öffentlichen Diskurs – Freiheit verlangt mehr als nur Schlagworte, sie verlangt den Mut, hinzuhören und zu lernen.