Kurator statt Klicker: Warum wir KI nicht nur nutzen, sondern inszenieren müssen – Über Tobias Lütke, Shopify, künstliche Intelligenz – und die Kunst des Möglichmachens

Du sitzt am Schreibtisch, die KI hat Dir bereits Deine Notizen strukturiert, einen ersten Textvorschlag generiert, das Projekt in der Cloud neu verlinkt. Alles ist bereit. Alles ist vorbereitet. Und Du fragst Dich: Was bleibt eigentlich noch für mich zu tun?

Tobias Lütke, CEO von Shopify, hat genau diese Frage in seinem Memo aufgeworfen – allerdings mit einem enthusiastischen Unterton. Für ihn ist es ein historischer Moment. Eine Chance. Noch nie sei es so einfach gewesen, Unternehmer zu werden. Noch nie war die Eintrittsschwelle so niedrig. „Reflexive KI-Nutzung ist jetzt Grundrauschen“, schreibt er. Wer noch überrascht sei, habe den Sprung bereits verpasst.

Lütkes Memo ist kein Tech-Pitch, sondern ein mentaler Architekturplan. Es geht ihm nicht um Automatisierung als Selbstzweck, sondern um eine neue Ästhetik des Unternehmertums. Shopify sei das „Canvas“, die KI der Pinsel, der Unternehmer der Maler. Doch je mehr man liest, desto klarer wird: Der Pinsel malt mit. Er schlägt vor. Er macht weiter. Er überholt Dich.

Und genau hier setzt die eigentliche Frage an: Wenn Werkzeuge anfangen, mitzugestalten – wie bleiben wir dann Gestalter? Wenn Prozesse autonom laufen – wie bewahren wir das Moment der Entscheidung?

Man kann Tobias Lütke für seine Offenheit danken. Er benennt, was viele verschweigen: dass wir nicht mehr in einem Werkzeugzeitalter leben, sondern in einem Agentenzeitalter. Dass KI nicht mehr reagiert, sondern vorgibt. Und dass dies eine gewaltige Verschiebung ist – ökonomisch, kulturell, philosophisch.

Aber genau deshalb braucht es eine neue Figur: den Kurator. Nicht als Aufpasser, sondern als Möglichmacher. Nicht als Kontrollinstanz, sondern als jemand, der Räume schafft, in denen Bedeutung entsteht. Hans Ulrich Obrist hat diese Figur in der Kunst etabliert – als radikale Offenheit, als Gespräch, als permanente Einladung zum Umdeuten. Nicht alles ist fertig. Vieles ist offen. Und genau darin liegt die Kraft.

Übertragen auf die KI-getriebene Arbeitswelt bedeutet das: Du bist nicht der, der auf „Ausführen“ klickt. Du bist der, der das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine als Inszenierung versteht. Der nicht nur fragt, was gemacht wird, sondern wie und warum. Der den Kontext setzt. Der Brüche zulässt. Der die Räume für das Nicht-Vorhersehbare offenhält.

Lütke beschreibt die KI als „Thought Partner, Critic, Researcher, Tutor“. All das kann sie sein. Aber nur, wenn Du bereit bist, die Bühne zu gestalten, auf der dieses Spiel stattfinden darf. Wenn Du Dir die Zeit nimmst, nicht nur auf das Nützliche zu schauen, sondern auf das Sinnvolle. Wenn Du das Unternehmerische nicht als Prozessoptimierung, sondern als ästhetisch-ethisches Projekt verstehst.

Denn das ist der eigentliche Unterschied:
Ob Du Deine Tools benutzt, um effizienter zu werden – oder um Welt zu erschaffen.

Shopify hat das Potenzial, mehr zu sein als ein Marktplatz für Startups. Es kann ein Raum für neue Narrative werden. Für Ökonomien des Erzählens. Für Geschäftsmodelle, die nicht nur profitabel, sondern bedeutungsvoll sind. Dafür braucht es keine KI, die alles übernimmt. Sondern eine KI, die inspiriert, irritiert, mitdenkt – und manchmal auch falsch liegt.

Ich sag mal so:
Wenn die KI mitarbeitet, ist das großartig. Wenn sie Dir das Denken erleichtert – wunderbar. Aber wenn sie Dir das Denken abnimmt, dann wird’s gefährlich. Dann wirst Du nicht zum Kurator. Dann wirst Du zum Klicker. Und das wäre verschenkt.

Denn Kuratieren heißt: Bedeutung schaffen. Beziehungen herstellen. Nicht Kontrolle – sondern Kontext. Nicht Output – sondern Offenheit. Und dafür brauchst Du nicht weniger Mensch, sondern mehr. Mehr Haltung, mehr Neugier, mehr Mut.

Vielleicht ist genau das die neue Unternehmerfigur unserer Zeit:
Nicht der CEO mit To-do-Liste, sondern der Kurator eines lebendigen Prozesses zwischen Algorithmus und Ahnung. Zwischen Datensatz und Deutung. Zwischen Möglich und Noch-nicht.

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