
„Ich arbeite seit 30 Jahren im Konzern und habe ein Gespür dafür entwickelt, was funktioniert. Es war immer dann schwierig, wenn die Menschen an der Spitze das System Volkswagen nicht verstanden und auch keinen Kontakt zur Mannschaft gefunden haben“, sagte Oliver Blume, VW- und Porsche-Chef, im Jahr 2023 gegenüber dem pr-magazin. Nun, ein Jahr später, steht die Frage im Raum: Ist der Kontakt zur Belegschaft unter die Räder gekommen?
Die Lage bei Volkswagen wirkt zunehmend kritisch. Blumes groß angekündigte „The Group Strategy“ mag auf den ersten Blick ambitioniert wirken – das Ziel: VW soll zum führenden automobilen Technologiekonzern der Welt werden. Doch hinter den großen Worten offenbaren sich die altbekannten Schwächen des Konzerns: eine fehlende digitale Vision, mangelnde Vernetzungskompetenz und eine Unternehmensstruktur, die offenbar mehr blockiert als beflügelt.
Software und Batterietechnologie – Die Achillesferse
Im Februar 2024 fragte ich bereits: „Wo bleibt die Vernetzungskompetenz von VW?“ Diese Frage stellt sich heute dringlicher denn je. Während Blume und sein Team eine technologische Vorreiterrolle anstreben, lässt die Realität zu wünschen übrig. Besonders im Bereich Software scheint VW auf halbem Wege stehengeblieben zu sein. Statt innovativer Eigenentwicklungen setzt der Konzern verstärkt auf Kooperationen, etwa mit Xpeng und Rivian, um den Rückstand aufzuholen. Ein Schritt, der als Eingeständnis der eigenen Schwächen gewertet werden kann. Hat der Konzern also die Führung in der digitalen Revolution längst verspielt?
Die Kritik an der Software-Strategie ist nicht neu. Schon seit Jahren kämpft VW mit erheblichen Problemen in der Entwicklung von Benutzeroberflächen und Fahrzeugsoftware. Selbst im Jahr 2024, in einer Zeit, in der die Automobilindustrie in die digitale Zukunft stürmt, gleicht die Benutzerfreundlichkeit des VW-Systems dem Niveau der 1990er Jahre – so beschrieb es ein Insider. Dass Blume hier von „Führerschaft“ spricht, wirkt beinahe ironisch. Fakt ist: Vor allem die chinesische Konkurrenz hat die Wolfsburger längst abgehängt.
Auch in der Batterietechnologie hinkt VW hinterher. Zwar plant Blume Großinvestitionen, etwa in die Batteriefabrik in Salzgitter, doch ob diese den Vorsprung der Konkurrenz aufholen können, bleibt fraglich. Die Kooperationen mit externen Partnern mögen helfen, kurzfristig technologischen Anschluss zu finden, doch der Plan, VW zu einem Zehnkämpfer der Branche zu machen, der in vielen Disziplinen mitspielt, wirkt wenig überzeugend. Hier wird offensichtlich: Der VW-Konzern läuft Gefahr, nur noch im Mittelfeld mitzuspielen.
Entfremdung von der Belegschaft?
Blumes Strategiewechsel wird intern ebenfalls kritisch gesehen. Schon länger brodelt es innerhalb der Belegschaft, der soziale Frieden scheint gefährdet. Die Belegschaft und die Gewerkschaften sind eine Macht bei VW, und der Eindruck wächst, dass Blume den Kontakt zur Basis zunehmend verliert. Während an der Spitze Konzepte wie eine mögliche Aufspaltung des Konzerns in eigenständigere Einheiten diskutiert werden, geht in Wolfsburg die Angst vor Werksschließungen um.
Die Herausforderungen sind vielfältig: Die Umstellung auf Elektromobilität, die Digitalisierung und die notwendigen Sparmaßnahmen führen dazu, dass der Konzern vor harten Entscheidungen steht. Zehntausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel, was die Beziehung zwischen Management und Belegschaft weiter belastet. In einer Zeit, in der Führung und klare Kommunikation essenziell wären, wirkt Blume distanziert und teilweise überfordert.
Eine Strategie ohne Herz
Oliver Blumes neue Strategie für VW ist ambitioniert, keine Frage. Doch sie zeigt auch: Der Konzern hat nach wie vor gravierende strukturelle und technologische Probleme. Die Herausforderung, ein technologischer Vorreiter zu werden, ist immens, und der Weg dorthin steinig. Vor allem aber droht VW den Kontakt zur eigenen Belegschaft und den Kernwerten des Unternehmens zu verlieren – und das könnte das größte Problem werden.
Die Frage bleibt: Kann Blume den VW-Tanker in Richtung digitale Zukunft steuern, oder scheitert er an den internen Blockaden und der fehlenden Vernetzungskompetenz? Die Antwort wird maßgeblich darüber entscheiden, ob Volkswagen eine Zukunft als führender Technologiekonzern hat – oder als eine weitere deutsche Industrieikone untergeht.