
Heute Abend wird der WerkRaum der GLS Bank in Bochum nicht nur zu einem Ort des Austauschs – er wird zum Resonanzkörper einer wirtschaftlichen, ökologischen und kulturellen Zeitenwende. Der sechste „Green Monday“ versammelt Vordenker aus Industrie, Finanzwirtschaft, Wissenschaft und Startup-Ökosystem, um an einer Frage zu arbeiten, die weit über das Recyceln von Joghurtbechern hinausgeht: Wie organisieren wir eine Kreislaufwirtschaft, die diesen Namen verdient?
Vom Abfall zur Ressource: Mehr als nur ein Slogan
Prof. Dr. Henning Wilts vom Wuppertal Institut bringt es in seinem Impuls auf den Punkt: Deutschland organisiert Entsorgung, nicht Kreislaufwirtschaftpdf GreenMonday Wilts. Während in öffentlichen Debatten gern mit hohen Erfassungsquoten im privaten Konsumbereich kokettiert wird, bleibt der industrielle Stoffstrom – in Bau, Maschinenbau, Oberflächenbehandlung – bestenfalls fragmentarisch rückgeführt. Die offizielle Kreislaufwirtschaftsquote liegt bei ernüchternden 13 Prozent. Die Folge: Ressourcenverbrauch und CO₂-Ausstoß steigen weiter – ungeachtet aller Sonntagsreden über Nachhaltigkeit.
Wilts plädiert nicht für kosmetische Optimierungen, sondern für eine tiefgreifende „Neu-Organisation der Wertschöpfungsketten“. Die Kreislaufwirtschaft wird zur systemischen Herausforderung – technologisch, ökonomisch, kulturell und institutionell. Kein weniger, sondern ein radikales Anders.
Best Practice: Wenn Produkte nie wieder Abfall werden
In der zweiten Programmhälfte trifft Theorie auf Praxis. Der Roundtable „Von analog und linear zu digital und zirkulär“ versammelt Pioniere, die den Wandel bereits durchbuchstabieren:
- Oliver Mergens von VAUDE, der Outdoor-Textilien nicht nur als Produkt, sondern als Service versteht – langlebig, reparierbar, rückführbar.
- Friedrich Büse von IRODIMA, der sich der Ernährungswende verschrieben hat und lineare Wertschöpfungsketten im Lebensmittelbereich aufbricht.
- Lars Baumgürtel von ZinQ, der im Bereich Oberflächenbeschichtung für die Idee einer zirkulären Leitmarktwirtschaft wirbt – bis hin zur Vision eines Zertifikatehandels für Recyclingfreundlichkeit.
Baumgürtel spricht mit eindrucksvoller Klarheit: Solange unsere Preise auf sogenannten „Cradle-to-Gate“-Kalkulationen beruhen – also nur die Kosten vom Ursprung („cradle“) bis zum Werkstor („gate“) berücksichtigen, nicht aber die gesamte Lebensdauer und Entsorgung eines Produkts – bleiben Umwelteffekte systematisch externalisiert. Herstellung, Vertrieb und der erste Gebrauch zählen, doch was danach mit dem Produkt passiert – ob es recycelt, verbrannt oder deponiert wird – fällt aus der ökonomischen Betrachtung.
Für Baumgürtel ist das ein Konstruktionsfehler mit weitreichenden Folgen: Zirkuläre Geschäftsmodelle, die auf Langlebigkeit, Wiederverwendung und Rückführung setzen, bleiben benachteiligt. Seine Forderung: ETS 3 – ein Emissionshandelssystem für Zirkularität, das Lebenszykluskosten internalisiert und echte Umweltkosten sichtbar macht. Erst dann, so Baumgürtel, können sich zirkuläre Produkte gegenüber linear produzierten durchsetzen.
Zirkuläre Produkte – also solche, deren Materialien nach Gebrauch vollständig wiederverwertet oder biologisch abgebaut werden können – benötigen dafür sogenannte zirkuläre Leitmärkte: Märkte, in denen nicht nur emissionsarme, sondern auch rückführbare, modulare und reparierbare Produkte systematisch bevorzugt werden – etwa durch steuerliche Vorteile, öffentliche Beschaffung oder Zertifizierungssysteme.
Rezyklat statt Primärrohstoff – aber mit Qualität
Ein weiteres Hindernis liegt in der fehlenden Gleichbehandlung von Rezyklaten – also recycelten Materialien – und neuen Primärrohstoffen. Noch immer gelten Rezyklate in vielen Bereichen als minderwertig, obwohl sie technisch oft gleichwertig sind und eine deutlich bessere Umweltbilanz aufweisen. Der BDE, dessen Präsidentin Anja Siegesmund am Roundtable teilnimmt, fordert in seinem aktuellen Sofortprogramm Kreislaufwirtschaft deshalb ein „Level Playing Field“: Rezyklate müssen rechtlich, normativ und ökonomisch die gleichen Chancen erhalten wie Neumaterial – der vom BDE geprägte Begriff Recycling-Rohstoffe gefällt mir sehr.
Green Public Procurement – die Macht der Beschaffung
Ein Schlüssel dafür liegt im öffentlichen Einkauf. Unter dem Stichwort Green Public Procurement (GPP) wird auf europäischer Ebene seit Jahren gefordert, dass öffentliche Vergabestellen bevorzugt nachhaltige Produkte auswählen – etwa Bau- und Dämmstoffe aus Recyclingmaterial oder langlebige Möbel und Geräte. Doch in der Praxis dominieren oft weiterhin die günstigsten Angebote – selbst wenn sie ökologisch fragwürdig sind. Der BDE fordert daher, GPP zum „neuen Normal“ zu machen: Mit klaren Vorgaben in Ausschreibungen, Preismodellen, Produktstandards und digitaler Rückverfolgbarkeit.
Der Digitale Produktpass – Transparenz für alle
Diese Rückverfolgbarkeit soll künftig über den digitalen Produktpass gelingen – ein zentrales Instrument der EU-Kreislaufwirtschaftsstrategie. Er soll Informationen über Materialzusammensetzung, Herkunft, Reparierbarkeit, CO₂-Fußabdruck und Recyclingfähigkeit enthalten. So könnten Konsument:innen wie Unternehmen nachhaltige Entscheidungen treffen – und zirkuläre Produkte gezielt bevorzugen. Noch aber fehlt es an Standards, Schnittstellen und Skalierung – ein Thema, das auch Prof. Wilts adressiert.
Ökonomie der Verbundenheit: Die Rolle der Finanzwirtschaft
Aysel Osmanoglu, Vorstand der GLS Bank, positioniert ihr Institut als Katalysator des Wandels. Die GLS finanziert Startups wie Traceless, deren biobasierte Kunststoffe das Plastikproblem neu denken. Für Osmanoglu bedeutet „Wirtschaften in Verbundenheit“: Weg vom isolierten Unternehmensfokus, hin zu einer Betrachtung ganzer Wertschöpfungsnetzwerke – ökologisch, sozial, finanziell.
Circular Valley & AI for Circularity: Die nächste Welle
Der Abend klingt mit einer Startup-Night aus, die gleich zwei Zukünfte verbindet: Zirkularität und Künstliche Intelligenz. Ob Cobago mit Prozessautomatisierung, rhinopaq mit Mehrweg-Versandlösungen oder seventhings mit digitalem Inventarmanagement – hier zeigt sich, dass Kreislaufwirtschaft längst kein Nischenprojekt mehr ist, sondern zur DNA moderner Innovation wird. Andreas Mucke vom Circular Valley e.V. bringt es in seinem Beitrag auf den Punkt: Das Ruhrgebiet will nicht das nächste Tal der Ahnungslosen sein, sondern das „Silicon Valley der Circular Economy“.
Ausblick
Bochum ist heute Abend kein Ort der Pose, sondern des Aufbruchs. Der sechste Green Monday liefert keine Patentrezepte – aber er zeigt: Die Wegweiser sind gesetzt. Was fehlt, ist der Wille zur Umsetzung. Wirtschaften in Verbundenheit ist kein poetisches Ideal, sondern eine strategische Notwendigkeit. Wer sie ignoriert, riskiert mehr als nur Wettbewerbsnachteile – er riskiert die Zukunft.
Veranstaltungsort:
GLS WerkRaum, Christstraße 9, 44789 Bochum
Einlass: 17:30 Uhr | Livestream & Interviews: ab 18:00 Uhr mit Gunnar Sohn und Marc Letzing
Einlass: 17:30 Uhr – um 18 Uhr geht es los.