
Ob es um Künstliche Intelligenz, Krieg, Klima, Inflation oder „die Demokratie“ geht: Untergangspropheten bewegen sich erstaunlich sicher in einer Komfortzone des Schlauermeiertums. Als Alarmglocken-Lautsprecher hat man in fast jedem Diskurs-Szenario recht – zumindest rhetorisch. Tritt das Unheil ein, war man natürlich der Einzige, der es „schon immer“ wusste. Bleibt der große Knall aus, ist das fast noch besser: Dann waren es eben die eigenen Warnungen, die die Welt gerettet haben. Den Rest erledigen die Vergesslichkeit des Publikums, die Kunst der Umdeutung und die Ökonomie der Aufmerksamkeit: Wer „Kollaps!“ ruft, wird zitiert, eingeladen, geteilt.
Das Muster ist alt, nur die Bühne hat gewechselt. Früher predigten barfüßige Propheten in den 1920ern den Niedergang und verkauften ihre Heilslehren gleich mit. Heute geschieht das in Podcasts, auf Konferenzbühnen, in YouTube-Essays und LinkedIn-Threads – oft mit perfekt ausgeleuchtetem Hintergrund und dem Gestus des „Ich sage euch die Wahrheit, die ihr nicht hören wollt“.
Apokalypse mit Abo-Modell
Das Kuriose am modernen Untergangsgewerbe: Es lebt von einem System, das es verachtet. Der „Kollaps“ wird über Plattformen verbreitet, die man gleichzeitig für alles Übel verantwortlich macht; monetarisiert über dieselben Mechaniken, die man als „kapitalistische Gehirnwäsche“ verdammt: Reichweite, Engagement, Klicks, Spenden, Subscriptions. Doom sells.
Dazu passt der neue Soundtrack der Gegenwart: „Polykrise“ – ein Sammelbegriff für die Überlagerung vieler Probleme, der sich hervorragend eignet, aus Komplexität eine permanente Endzeitstimmung zu destillieren. Selbst wohlmeinende Stimmen beschreiben damit eine Welt, die sich wie ein zerbrochenes Gefäß anfühlt: alles hängt mit allem zusammen, alles ist fragil, alles kippt gleich.
Nur: Aus der Diagnose wird oft eine Pose. Wer „Polykrise“ sagt, meint nicht selten „Ich habe recht, egal was passiert“.
KI: Reale Umbrüche, maximal aufgeblasen
Ein besonders dankbares Feld ist die KI. Es gibt seriöse Warnungen, es gibt ernsthafte Risiken – und es gibt den reflexhaften Sprung von „Umbruch“ zu „Weltuntergang“. Wenn die Chefin des IWF schreibt, KI werde weltweit rund 40% der Jobs betreffen (ersetzen oder ergänzen) und könne Ungleichheit verschärfen, ist das eine wichtige, nüchterne Aufforderung zur Vorbereitung – kein Freifahrtschein für Endzeit-Opern.
Trotzdem funktioniert die Übertreibung in beide Richtungen bestens:
- Die einen malen Massenarbeitslosigkeit als unausweichliche Schicksalskurve.
- Die anderen verkaufen „Disruption“ als Naturgesetz, dem man sich gefälligst zu fügen hat.
In beiden Fällen ist der Effekt ähnlich: Ohnmacht wird zur Grundhaltung – entweder als Angst oder als Zynismus.
Und selbst dort, wo KI-Sicherheitsforscher wirklich versuchen, Risiken zu benennen, entsteht schnell eine mediale Dramaturgie, die alles in Apokalypse übersetzt: Bürohäuser, in denen „AI doomers“ an Szenarien arbeiten, die von Putsch bis Auslöschung reichen – und in der öffentlichen Wahrnehmung wird daraus dann leicht: „Sie wissen, dass es vorbei ist.“
Bunker-Romantik: Wenn die Elite den eigenen Kollaps nachstellt
Noch deutlicher wird der Wohlstands-Widerspruch beim Prepper-Luxus. Während manche den gesellschaftlichen Zusammenbruch als quasi sichere Zukunft erzählen, kaufen oder bauen sich Teile der Superreichen unterirdische Rückzugsräume – teils als Lifestyle-Accessoire, teils als ernst gemeinte Exit-Option. Apokalypse, aber bitte mit Designerbad und Sicherheitsdienst.
Das ist die egozentrische Spitze des Kollaps-Denkens: Nicht „Wie verhindern wir, dass es schlimm wird?“, sondern „Wie komme ich da durch?“ Aus Politik wird Privatversicherung, aus Gemeinsinn wird Fluchtplanung. Und wer sich den eigenen Bunker mental schon eingerichtet hat, muss sich im Hier und Jetzt weniger anstrengend mit demokratischen Kompromissen abgeben.
Fatalismus ist keine Analyse – er ist ein Betäubungsmittel
Das eigentlich Giftige an dieser Rhetorik ist nicht ihre Dunkelheit, sondern ihre Lähmung. Wer Menschen dauerhaft einredet, alles sei verloren, produziert Resignation. Und Resignation ist der beste Freund der Strukturen, die man doch angeblich verändern will.
Dazu kommt ein zweiter Verstärker: der Zustand des Informationsraums. Wenn Vertrauen in Medien auf neue Tiefstände fällt, gedeihen einfache „Alles ist Manipulation“-Erzählungen – und damit auch der Reflex, jedes Ereignis als Beweis für den bevorstehenden Endkollaps zu lesen.
Ein kurzer Realitätsschnitt: Die Welt ist nicht heile – aber auch nicht am Ende
Ja: Fortschritt ist ungleich verteilt. Ja: Armut sinkt nicht mehr so schnell wie früher, Rückschläge sind real. Der Weltbank zufolge leben rund 700 Millionen Menschen in extremer Armut (etwa 8,5% der Weltbevölkerung) – und der Rückgang stagniert.
Aber gerade deshalb ist das Dauergeheul vom „Alles wird immer schlimmer“ intellektuell billig. Global ist die Lebenserwartung langfristig stark gestiegen; Our World in Data verweist für 2023 auf einen globalen Durchschnitt von rund 73 Jahren und eine historische Verdopplung seit 1900.
Das ist kein „Alles ist gut“-Sticker. Es ist der Hinweis: Wer nur Untergang sieht, macht Erfolge unsichtbar – und ohne sichtbare Erfolge fehlt der Treibstoff, um Probleme überhaupt politisch anzugehen.
Was hilft statt Crash-Gebrüll?
Konstruierte Krisengewissheiten führen zur Erstarrung. Sie machen aus komplexen Aufgaben moralische Endspiele. Dabei werden Krisen auch künftig kommen – mit überraschenden Sollbruchstellen. Nur folgt daraus nicht „Reset“, sondern handwerkliche Politik:
- Soziale Sicherungsnetze und Weiterbildung, damit KI/Automatisierung nicht zur Abstiegslotterie wird.
- Wettbewerb und Interoperabilität, damit Plattformmacht nicht als Naturgesetz gilt.
- Transparenz, Haftung, Audits, damit Technikfolgen nicht im Nebel bleiben.
- Demokratische Geduld: kleine, überprüfbare Schritte statt Erlösungsfantasien nach dem großen Brand.
Untergang ist eine bequeme Erzählung für Leute, die Recht behalten wollen, ohne Verantwortung zu übernehmen. Wer wirklich etwas ändern will, braucht weniger Pathos und mehr Präzision: pragmatisch, skeptisch – und in kleinen Schritten.
Siehe auch:
Ich habe selten eine so treffende Analyse der aktuellen „Doom-Economy“ gelesen.
Der Text legt den Finger in eine Wunde, die wir oft als „kritische Analyse“ missverstehen, die aber eigentlich nur eine gut ausgeleuchtete Pose ist.
Besonders spannend ist die strukturelle Ähnlichkeit zwischen dem modernen Untergangspropheten und dem biblischen ψευδοπροφήτης (Pseudoprofētēs):
• Die rhetorische Falle: Wie im Text beschrieben, bewegen sich diese Akteure in einer perfekten Komfortzone. Tritt das Unheil ein, sind sie die einzigen Seher; bleibt es aus, waren es ihre Warnungen, die die Welt gerettet haben. Es ist die exakt gleiche Immunisierungsstrategie, die schon antike Falsche Propheten nutzten, um sich der Überprüfbarkeit zu entziehen.
• Apokalypse mit Abo-Modell: Der Text entlarvt das „Untergangsgewerbe“, das von den Plattformen lebt, die es verdammt. Hier trifft die antike Habgier auf moderne Klick-Ökonomie. „Doom sells“ ist kein Warnruf, sondern ein Geschäftsmodell, das Komplexität zu einer permanenten Endzeit-Stimmung destilliert.
• Vom Umbruch zur Endzeit-Oper: Am Beispiel der KI zeigt der Text brillant, wie aus seriösen Diagnosen (wie der des IWF) sofort eine mediale Dramaturgie des Kollapses gebastelt wird. Hier wird der „Pseudoprofētēs“ zum „AI Doomer“, der lieber Putschszenarien entwirft, als sich mit der mühsamen Gestaltung von Haftung und Transparenz zu beschäftigen.
• Fatalismus als Betäubung: Das eigentliche Gift ist die Lähmung. Wer Menschen einredet, alles sei verloren, produziert Resignation, also den besten Freund der Strukturen, die man angeblich verändern will. Aus Politik wird dann „Bunker-Romantik“ für die Elite und Ohnmacht für den Rest.
Vielen Dank für den tollen Kommentar. Das ist mein Anliegen: Untergangsrhetorik erzeugt keine Handlungsfähigkeit, sondern entzieht sie. Sie ersetzt politische Gestaltung durch ästhetisierte Ohnmacht – für die einen als Bunker-Romantik, für die anderen als resignierte Zuschauerrolle.
Wenn der Text etwas leisten soll, dann genau das: diese Mechanik sichtbar zu machen. Nicht um Kritik zu delegitimieren, sondern um sie wieder überprüfbar, handhabbar und politisch wirksam zu machen. Denn ohne diese Rückbindung bleibt vom Warnruf nur noch die Endlosschleife der Apokalypse.