
Das Murmelspiel am Chamisso-Platz war mehr als nur ein Spiel. Es war eine Initiation in die Welt der Verluste und Gewinne, ein erster Kurs in Mathematik und Strategie, bevor die Schulbänke diese Rolle übernahmen. Die bunten Kugeln, in deren Innerem sich Spiralen und Muster drehten, waren kleine Universen, die in der Mulde aus festgetretenem Lehm ihre Bestimmung fanden. Jeder Wurf bedeutete Hoffnung, jede Niederlage eine Lektion — die Finger, bald mit Hornhaut bedeckt, ein stilles Zeugnis des unermüdlichen Versuchs, die Welt in der Hand zu halten.

Die Fidicinstraße in Kreuzberg war mein Kosmos. Hier wurde nicht nur gewohnt, sondern gelebt. Das Echo der Stimmen im Hinterhof, das metallische Kreischen der Kohlenkästen, das Poltern der Eimer — ein Orchester des Alltags. Unsere Straße war mehr als ein Ort; sie war ein Protagonist, mächtig und allgegenwärtig. Doch die eigentliche Bühne war der Chamisso-Platz. Hier, zwischen den staubigen Wegen und dem verkrümmten Astwerk der Bäume, erlebten wir, was Freiheit ausmacht: Ein Nachmittag bedeutete Murmelspiele, Verstecken, Schlachten mit imaginären Feinden. Alles war möglich.

Doch diese Freiheit hatte ihre Grenzen. 1967 zog unsere Familie in die Fritz-Erler-Allee, ein Hochhaus in der Neuköllner Gropiusstadt in der Nähe des U-Bahnhofs Britz Süd. Dreizehn Stockwerke über der Erde, ein Blick über eine Landschaft aus Beton, weit entfernt vom vertrauten Chamisso-Platz. Im Hochhaus in der Fritz-Erler-Allee hatten wir aber endlich Fernheizung und keinen Kohleofen mehr. Ein eigenes Bad und eine eigene Toilette. Neue Freiheiten eroberten wir in den wilden Gärten der Umgebung, die für einen Ausbau der Gropiusstadt vorgesehen waren.
Für unsere Höhlen, Streiche, Unterbauten und Feldzüge auf den Baustellen auch wieder ein neues Paradies. Dazu kam der alte Bunker am Otto-Wels-Ring für Mutproben: Springe von einem Bunkerturm zum anderen über einen drei bis vier Meter hohen Abgrund und Du bist Teil der Fritz-Erler-Alle-16-Clique — und die war groß und konnte sich gegen andere Cliquen tapfer zur Wehr setzen, wie beim Krieg der Knöpfe. Geburtenstarke, also kinderreiche Jahrgänge dominierten das Umfeld. Bis hin zu legendären Fußballspielen gegen benachbarte Cliquen — als Spieler von VfB-Neukölln mit Berliner Staffelmeisterschaft in den 1970er Jahren war das auch eine Schule des Lebens — fernab von Drogen und Alkohol, wie im Haus der Mitte neben unserer Schule — Stichwort: Christiane F. und wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Als Straßenkicker blieb mir das erspart.

Die erste Schulstation war ungemütlich: Die Regenweiher-Grundschule war streng und ohne Humor. Frau Hoppe, die mit Kopfnüssen und gezielten Schlüsselbund-Würfen regierte, machte jedem klar, wer das Regiment führte. Doch ab der dritten Klasse wechselte ich zur Walter-Gropius-Gesamtschule mit Ganztagsbetrieb bis 16 Uhr. Das Konzept: „emanzipatorische Konfliktpädagogik“. Für einen Kreuzberger Lümmel wie mich? Das falsche Konzept. Da begann das Treiben der Spässe: Stinkbomben, Pusterohr, Zwille, diverse Scheisse, Juckpulver und weitere Scherzartikel, erworben bei Zauberkönig — bis heute ansässig in der Hermannstraße in Neukölln. Diese kleinen rebellischen Akte waren meine Antwort auf die starre Struktur der Betonwelt.

Dreizehn Stockwerke — wir wohnten im 12. Stock. Beste Bedingungen für Böller-D-Dosen, die wir selbst bastelten. Das gab immer ein großes Hallo bei den älteren Mietern mit Hausmeister-Attitüde.

Ein Lehrer an der Gesamtschule war anders. Er war eine Autorität: Herr Menne, mein Deutschlehrer. Mit dem Buch „Kopfarbeit mit Köpfchen“ eröffnete er mir einen neuen Zugang zur Welt. Es war, als würde er mir eine Tür zeigen, die immer da gewesen war, aber die ich nie bemerkt hatte. Das Lesen, das Schreiben, das Denken — plötzlich war alles eine Herausforderung, ein Abenteuer. Mit seiner Hilfe gründete ich eine Schülerzeitung und begann, meine Welt in Worte zu fassen. Die Murmeln waren vergessen, doch der Drang, etwas zu erschaffen, blieb.

Meine Eltern waren das Fundament, auf dem ich stand. Mein Vater, ein Mann mit der Stimme eines Schauspielers und der Kraft eines Boxers, lehrte mich, dass Humor und Technik die besten Waffen sind.

Meine Mutter, eine Gewerkschafterin, zeigte mir, dass Kampfgeist und Gerechtigkeitssinn unverzichtbar sind. Sie waren keine Helden im klassischen Sinne, doch für mich waren sie Giganten.

Mein Vater, der mich mit in die Boxschule nahm, und meine Mutter, die mir zeigte, wie man Argumente präzise wie Jabs setzt.

Es waren jedoch nicht nur meine Eltern, die mich prägten. Die Gropiusstadt war ein Übungsfeld für das Leben. Banden, Konflikte, Herausforderungen. Doch mit Schnelligkeit, Wendigkeit und einem unerschütterlichen Freundeskreis ging ich selten als Verlierer nach Hause. Diese Lektionen, hart erkämpft, gaben mir das Selbstvertrauen, das ich später in der Welt brauchte.

Die Vergangenheit jedoch war niemals weit entfernt. Mein Großvater Wilhelm Sohn, ein Kaufmann und Jude, wurde von den Schrecken des Nationalsozialismus heimgesucht. Sein Leben war ein Mahnmal. Seine Deportation nach Dachau, seine Verlegung in die Psychiatrie Bendorf-Sayn im Rheinland in der Nähe von Koblenz, sein Tod im Mai 1942 vor der Deportation nach Auschwitz — jede Station war ein Riss in der Geschichte, der nicht zu kitten war. Doch diese Erinnerungen waren und sind nicht nur eine Last, sondern auch eine Verantwortung. Seine Geschichte erzählen, seine Stimme bewahren, das wurde zu einem Teil meiner eigenen Stimme.
Manchmal frage ich mich, ob die Murmeln von damals etwas symbolisieren. Diese kleinen Kugeln, die sich unermüdlich drehen, nie wissen, wo sie landen werden. Vielleicht sind sie das perfekte Bild für ein Leben, das sich ständig dreht, in der Hoffnung, dass es am Ende irgendwo Halt findet.
Pingback: Geburtstag am 3. Januar 2025: Ein herzliches Danke an alle, die an mich gedacht haben – sei es auf LinkedIn, Facebook oder anderswo! - ichsagmal.com