Kartoffeln im Stuhlkreis und der Sprung über den Bunkergraben

Ach, was waren das noch für Zeiten, als ein ordentliches Veilchen auf dem Pausenhof als Auszeichnung galt. Eine Art inoffizieller Ritterschlag auf dem Weg zum selbständigen Menschen.

Heute? Sitzt Anton neben Leon im Stuhlkreis und darf der Kartoffel sein Gefühl mitteilen, während die Mobbing-Beauftragte mit dem empathischen Blick einer tibetischen Klangschale nickt:
„Danke, dass du deine Wut geteilt hast, Anton . Wie fühlt sich das jetzt für dich an, Leon?“
– „Wie ’ne Kartoffel“, sagt Leon. Und meint das nicht mal metaphorisch.

Früher warst du als Schlüsselkind der König der Nachmittage. Mama und Papa arbeiteten, du hattest den Generalschlüssel zur Welt: Spielplätze, Brachflächen, Abenteuerräume. Kein GPS-Tracking, kein WhatsApp-Familienchat, kein Elternabend mit Flipchart über „resiliente Kindheit“.

Unsere Spielwiesen hießen: alte Baustellen, Rohbauten, Abwasserschächte – also das, was heute als „pädagogisch nicht empfohlener Handlungsraum“ aus dem urbanen Leben radiert wird. Wir hatten unsere Clique. Und wer dazugehören wollte, musste springen – vom Bunkerturm auf den Oberrand der Plakatwand am Otto-Wels-Ring. Drei bis vier Meter Abgrund. Wer’s schaffte, war drin in der Fritz-Erler-Allee-16-Gang. Wer zögerte, konnte später immer noch Feel-Good-Manager werden.

Die Clique war unsere Compliance-Abteilung. Aber ohne PowerPoint. Wir regelten das selbst – notfalls mit einem Griff an die Kapuze und einer sanften Erdung auf dem Sandboden. Das war Konfliktlösung mit Körpereinsatz. Heute würde so etwas zu einer mehrwöchigen Interventionskette führen – inklusive Waldtherapie, Achtsamkeits-Workshop und einem Elterngespräch über „den Umgang mit Frustration im kindlichen Miteinander“.

Und wehe, ein Kind wagt es noch, auf einen Baum zu klettern! Dann rückt die Taskforce aus: Integrationskraft, Schulsozialarbeiterin und ein Mann mit ergonomischer Leiter. Alles nur, damit Finn-Jonas sich keinen Splitter einfängt – oder, noch schlimmer: das Gefühl von Freiheit.

Kindergarten war früher der Vorhof zum Abenteuer. Heute ist er der Vorbereitungsraum fürs spätere Teammeeting. Statt Cowboy und Indianer heißt es: „Wir spielen heute Kooperationsinsel mit der Feel-Good-Fee.“ Wer dabei zu wild schaut, kriegt eine Einladung zur „Gefühlsregulierung“. Auf warmem Teppich. Mit Klangschale.

Dass ich heute als schwer erziehbares Unikum im Stuhlkreis gelandet wäre, steht außer Frage. Wahrscheinlich hätte man mich mit einem besonders hohen Förderbedarf versehen – wegen Freiheitsdrang, Renitenz und einem ungesunden Hang zur Realität.

Dabei war das unsere Lebensschule: bolzen auf staubigem Beton, Rangkämpfe auf dem Schulhof, legendäre Schlachten zwischen Cliquen, in denen selbst kleine VfB-Neukölln-Spieler zur Division wurden. Wer da bestehen wollte, brauchte keine Coaching-App. Nur Rückgrat. Und notfalls eine Ausrede für das blaue Auge.

Heute ist die größte Mutprobe, ob man im Kita-Sitzkreis ehrlich zugibt, dass einem der Feel-Good-Gong auf den Keks geht.

Damals: der Sprung über den Bunkergraben.
Heute: die emotionale Tiefenanalyse mit Kartoffel.

Tja. Wir waren vielleicht keine besseren Kinder. Aber wir waren wenigstens frei.

Ein Gedanke zu “Kartoffeln im Stuhlkreis und der Sprung über den Bunkergraben

  1. Thorsten Backwinkel-Pohl

    Vieles – leider – sehr richtig beobachtet, allerdings sind weniger die Erzieherinnen an solchen Entwicklungen schuld als die verquasten Eltern. Beispiel im Elternbeirat eines Kindergartens, für den ich als Pfarrer zuständig war, forderte eine Mutter schon lange vor Corona einen Desinfektionspender im Eingang, mein Kommentar damals: “ Nützt nix, früher oder später beerdigen ich oder meine Kollegen Die oder Ihr Kind doch!“

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