
Professor Sönke Neitzel, einer der wenigen Militärhistoriker, die sich in der deutschen Öffentlichkeit ohne politische Weichzeichner äußern, hat in einem bemerkenswerten Phoenix-Interview die sicherheitspolitische Naivität Deutschlands offengelegt. Seine Diagnose ist brutal: Die Lage der Ukraine wird in Berlin schöngeredet, die Reförmchen in der Verteidigungspolitik sind Augenwischerei und das Personalproblem der Bundeswehr wird von Kanzler Olaf Scholz einfach geleugnet. Diese Realitätsverweigerung könnte sich als fatal erweisen.
Wunschdenken als politisches Prinzip
Neitzel macht unmissverständlich klar, dass Deutschland und Europa in einer sicherheitspolitischen Lage gefangen sind, die sie über ein Jahrzehnt verdrängt haben. Seit 2014 wurde gebetsmühlenartig wiederholt, dass Europa militärisch unabhängiger werden müsse, doch an der faktischen Abhängigkeit von den USA hat sich nichts geändert. Nun dämmert die Erkenntnis, dass Trump als potenzieller Präsident kein Interesse daran hat, die Ukraine im Sinne Europas zu unterstützen. Ein Frieden, der von Washington und Moskau ausgehandelt wird, wäre geopolitisch eine Katastrophe für Europa, das dennoch dazu verdammt wäre, die Rechnung zu zahlen.
Dennoch scheint die deutsche Politik lieber auf Hoffnungen zu setzen, als sich der Realität zu stellen. Scholz setzt die Strategie der „Konfliktvermeidung“ fort, indem er tiefgreifende Reformen der Bundeswehr vermeidet. Stattdessen verfällt er in eine Art sicherheitspolitischen Fatalismus, in dem man sich darauf verlässt, dass es „schon nicht so schlimm kommen wird.“
Die Wehrpflicht-Frage und das große Schweigen
Neitzel identifiziert mit klaren Worten eine der größten Schwächen der deutschen Sicherheitsarchitektur: den eklatanten Personalmangel der Bundeswehr. Dass Scholz öffentlich erklärt, es gebe kein Personalproblem, sei eine blanke Lüge – und jeder in der Truppe wisse das, so der schwerwiegende Vorwurf von Neitzel. Doch statt dass sich Generäle und Verantwortliche dagegen wehren, herrscht betretenes Schweigen. Wo bleibt der Aufschrei?
Deutschland kann sich angesichts der sicherheitspolitischen Entwicklung keine Trägheit leisten. Die NATO plant, Litauen mit einer deutschen Brigade zu stärken, doch die strukturellen Probleme der Bundeswehr verhindern eine echte Einsatzbereitschaft. Fehlt es an Soldaten, fehlt es an Waffen, fehlt es an strategischer Ausrichtung. Die Tatsache, dass selbst grundlegende militärische Anforderungen ignoriert werden, ist ein sicherheitspolitisches Desaster mit Ansage.
Reförmchen statt Reformen
Ein weiteres Dilemma ist die Absurdität der sogenannten Zeitenwende. Neitzel attestiert Boris Pistorius durchaus Tatkraft, doch dessen Reformen sind bestenfalls kosmetisch. Die Bundeswehr wurde über Jahrzehnte kaputtgespart. Auch das Sondervermögen von 100 Milliarden Euro ändert daran nichts. Statt die drängenden Lücken bei Luftverteidigung, Munitionsbeständen oder Personal zu schließen, floss ein erheblicher Teil der Mittel in ineffiziente Beschaffungsprozesse. Man braucht sich nur die Drohnen-Abwehr in Deutschland betrachten. Faktisch nicht vorhanden. .
Neitzel verweist dabei auf die preußischen Heeresreformen des 19. Jahrhunderts, die unter Albrecht von Roon, Moltke und Bismarck konsequent umgesetzt wurden. Diese Reformen waren nicht das Werk eines einzelnen Ministers, sondern eines ganzen Kabinetts, das erkannte, dass fundamentale Strukturveränderungen notwendig waren, um Preußens Stellung zu sichern. Die heutige Bundesregierung könnte aus dieser Geschichte lernen: Eine echte Reform der Bundeswehr kann nur als Kabinettsaufgabe gelingen, mit klaren strategischen Zielen und interministerieller Zusammenarbeit. Doch bislang fehlt die politische Führung, um eine solche grundlegende Transformation in Angriff zu nehmen.
Das Ende der NATO?
Neitzels mahnende Worte über Putins mögliche Strategien verdeutlichen die Dringlichkeit. Er rechnet mit gezielten hybriden Angriffen, von gesellschaftlicher Destabilisierung bis hin zu militärischen Nadelstichen wie einer Besetzung von Spitzbergen oder einem Vorstoß ins Baltikum. Sollte die NATO darauf nicht entschlossen reagieren, könnte dies das Ende des Bündnisses bedeuten – denn was bleibt von einem Militärpakt, der seine eigenen Grundsätze nicht mehr verteidigt?
Deutschland im sicherheitspolitischen Dornröschenschlaf
Neitzels Analyse zeigt, dass Deutschland sich in einer sicherheitspolitischen Parallelwelt bewegt. Die Regierung setzt auf Verdrängung und halbgare Reformen, statt sich der harten Realität zu stellen. Die europäische Verteidigungsfähigkeit bleibt ein Papiertiger, die Bundeswehr ist weit von einer kriegsfähigen Struktur entfernt, und die politische Führung setzt auf Wunschdenken statt auf strategisches Handeln.
Ein Spaziergang durch den Berliner Tiergarten zur Siegessäule mag daran erinnern, dass echte Reformen Zeit brauchen, aber entschlossene politische Führung erfordern. Ohne sie bleibt die Bundeswehr ein Scherbenhaufen vergangener Fehleinschätzungen – und Deutschland ein sicherheitspolitischer Zuschauer statt ein Akteur.