Januar, du Heuchler: Moral essen, Disziplin trinken

Der Januar ist der Monat, in dem Menschen plötzlich so sprechen, als hätten sie eine Agentur im Bauch: Strategie, Claim, Zielgruppe: Ich. Und weil ein „ganz normaler“ Vorsatz nach 90ern klingt (wie „ich geh mehr schwimmen“), braucht alles ein Motto. Ein Label. Eine Challenge. Ein moralisch verwertbares Wortspiel, damit das Scheitern später wenigstens nach Lifestyle aussieht.

Dry January zum Beispiel. Vier Wochen ohne Alkohol. Nicht, weil man muss, sondern weil man will – und weil man es sagen will. Am besten gleich beim ersten Treffen: „Ich mach gerade Dry January.“ Das ist der neue Händedruck. Wer nachfragt, kriegt eine kleine PowerPoint über Schlafqualität und „Klarheit“. Wer nicht nachfragt, kriegt sie trotzdem.

Dann Veganuary: vegan + Januar. Ein Wort wie ein Joghurt-Deckel, der dir ins Gesicht sagt: Du könntest auch besser sein. Für vier Wochen wird gegessen, was aussieht wie ein Kompromiss, aber sich anfühlt wie eine Gesinnung. Und spätestens am 19. Januar beißt jemand in eine Kichererbsenfrikadelle und sagt den Satz, der jeden Raum kühlt: „Ehrlich? Ich vermisse gar nichts.“ (Doch. Du vermisst alles. Du vermisst nur vor Publikum nicht.)

Und jetzt also: Reiseplanung. Oder besser: Reiseplanung als Charaktertest. Eine Spiegel-Autorin – wir kennen den Typ Text: sehr „ich“, sehr „Sinn“, sehr „Bedürfnis“ – erklärt den Januar zur inneren Abflughalle. Der Monat heißt nun Weganuary. Weg + Januar. Wie praktisch: Man ist schon im Wort unterwegs, bevor man überhaupt die Kreditkarte gefunden hat.

Weganuary klingt nach Aufbruch, ist aber in Wahrheit die eleganteste Form des Januargehorsams: Man optimiert nicht nur Körper und Teller, sondern gleich auch noch den Horizont. Man will nicht einfach weg. Man will richtig weg. Mit Absicht. Mit Haltung. Mit dem Gefühl, dass die eigene Existenz bald wieder nach „Leben“ schmeckt und nicht nach Heizungsluft.

Und dann kommt dieser Satz, der jedes Fernweh zuverlässig in Bürokratie verwandelt:
Bevor die Frage aufkommt, wohin es gehen soll, müsse man sich klar werden, welche Bedürfnisse man hat – und wonach den Mitreisenden der Sinn steht.

Das ist nicht Reiseplanung. Das ist ein Bedürfnis-Audit. Ein Jahresgespräch mit dem eigenen Nervensystem, nur ohne Betriebsrat.

„Möchte ich viel Bewegung im Urlaub?“ – Übersetzung: Ich möchte mich nachher nicht dafür hassen, dass ich faul war.
„Viel Kulturprogramm?“ – Übersetzung: Ich möchte Fotos, auf denen ich klug wirke.

Hotel oder Camper? Naturerlebnis oder Städtetrip?
Das klingt nach Freiheit, ist aber die Wahl zwischen „Frühstücksbuffet mit Schuldgefühl“ und „Freiheit mit Grauwassertank“.

Und wenn dann konkrete Orte fallen, wird es ganz schön: spanisches Hinterland, Klub-Hopping in Glasgow, Oulu in Finnland, Europäische Kulturhauptstadt 2026. Das sind keine Reiseziele, das sind Identitätsangebote.

Spanisches Hinterland: Du willst nicht einfach in Spanien sein. Du willst „authentisch“ sein. Hinterland ist das Wort, mit dem man sich selbst beweist, dass man nicht nur am Strand liegt, sondern „unterwegs“ ist – notfalls auch auf einer Landstraße mit drei Kreisverkehren und einer sehr ernsten Ziege.

Klub-Hopping Glasgow: Du willst wieder 23 sein, nur ohne Konsequenzen. Du willst „Nachtleben“ sagen können und nicht „wir waren um halb zwölf im Bett, weil morgen Breakfast“.

Oulu: Das ist das Premium-Signal. Wer im Januar freiwillig nach Finnland fährt, fährt nicht – der beweist. Kälte wird zur Tugend. Kultur wird zur Ausrede. Du frierst dich zu einem besseren Menschen.

Weganuary ist damit die logische Fortsetzung des Mottowahns: Erst entziehst du dir Alkohol, dann tierische Produkte, dann gleich die ganze Gegenwart. Weg von hier, weg von mir, weg von dem peinlichen Umstand, dass das neue Jahr zwar neu ist, du aber leider immer noch du.

Weil der Januar aber 31 Tage lang ist und niemand so lange ohne neue Selbstdefinition auskommt, braucht es mehr Mottoworte. Bitte. Hier ist Nachschub für die Mottoparty:

Kontrolluary: Alles tracken. Schritte, Schlaf, Stimmung, Budget, Verdauung. Überraschung: Du fühlst dich nicht besser, nur besser überwacht.

Moralanuary: Man macht nichts mehr, ohne dass es eine Haltung hat. Selbst Nudeln sind jetzt politisch.

Plananuary: Man plant so viel, dass man keine Zeit mehr hat, zu leben. Das ist effizient.

Sparanuary: Man spart Geld, indem man „nur einmal kurz“ Flüge vergleicht und dann impulsiv bucht, weil es „ein Deal“ war.

Ruanuary: Ruhe als Leistung. Du ruhst nicht, du erfüllst Ruhe.

Schämuary: Jeden Abend Bilanz. Jeden Abend Schuld. „Heute war ich nicht gut genug.“ Gratulation, du hast den Januar verstanden.

Und die dämlichen Vorsätze? Sie sind das Konfetti dieser Party, schön anzusehen, später überall in der Wohnung, niemals vollständig zu entfernen:

  1. „Ich trinke nur noch Wasser.“ (Außer Kaffee. Und Tee. Und dieses eine Glas, weil Sozialleben.)
  2. „Ich esse clean.“ (Dann werden Datteln zu Mahlzeiten und Nussmus zu Persönlichkeit.)
  3. „Ich mache jeden Morgen Yoga.“ (Zählt es, wenn ich mich im Bett strecke und leise stöhne?)
  4. „Ich gehe früher schlafen.“ (Ich liege nur früher im Bett und scrolle mit mehr Selbstverachtung.)
  5. „Ich bin achtsamer.“ (Ich achte sehr auf mich. Vor allem darauf, was andere über mich denken.)

Und so endet der Januar regelmäßig dort, wo er begonnen hat: bei der Sehnsucht nach einem anderen Ich, nur diesmal mit Mottosticker drauf. Die Reise ist geplant, die Moral ist geschniegelt, die Disziplin hat eine eigene Trinkflasche

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